„Marathon“ angespielt: Ein bisschen mehr Spektakel wäre schön gewesen

Großes Studio, große Erwartungen. Bungie will mit „Marathon“ den Markt der Extraction-Shooter aufwirbeln.

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Screenshot aus Marathon

(Bild: Bungie)

Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Andreas Müller
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Gut 3,5 Milliarden Dollar hat Sony für Bungie ausgegeben. Jetzt sollen die „Halo“- und „Destiny“-Erfinder mit „Marathon“ liefern. Kein Singleplayer-Shooter, kein großes Open-World-Spektakel, sondern ein Extraction-Shooter im Stil von „Arc Raiders“. Das heißt vor allem: sammeln, ballern, überleben. Dafür hat Bungie eine hauseigene Marke wiederbelebt, die vor dreißig Jahren für Aufsehen sorgte.

Das Original „Marathon“ wurde von Bungie 1994 für den Apple Macintosh veröffentlicht. Der Ego-Shooter wird zum Hit, ein paar Fortsetzungen folgen und viele Jahre später macht Bungie mit dem Xbox-Exklusivtitel „Halo“ den Ego-Shooter auf der Konsole hoffähig. „Destiny“ kann ein paar Jahre später den Erfolg nicht ganz wiederholen, war für Sony aber Grund genug, Milliarden Dollar für das Studio und die Entwicklung eines großen Live-Service-Titels auszugeben.

Die Entwicklung von „Marathon“ war alles andere als geradlinig. Das enttäuschende Feedback zu einem Closed-Beta-Test im vergangenen Jahr sorgte zunächst für eine Release-Verschiebung auf einen unbestimmten Zeitpunkt. Kurz danach erhob die Künstlerin Fern „Antireal“ Hook sogar Plagiatsvorwürfe, weil einige der Designs im Spiel von ihr unerlaubt benutzt wurden. Der Fall wurde hinter verschlossenen Türen zwischen der Künstlerin und Bungie geregelt.

„Marathon“ angespielt (5 Bilder)

Bei „Marathon“ kann die tadellose Technik nicht über das monotone Spieldesign hinwegtäuschen. (Bild:

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Die Handlung des Spiels ist schnell erzählt. Das Kolonieschiff UESC Marathon strandet auf dem Planeten Tau Ceti und verliert den Kontakt zur Erde. Erst 100 Jahre später wird die Kolonie wieder entdeckt und mächtige Wirtschaftskonzerne streiten sich um die Vorherrschaft auf dem Planeten. Dafür schicken sie sogenannte „Runner“ auf ein gefährliches Abenteuer, um den Planeten und die Kolonie auszubeuten. Die Story ist nur ein grobes Hintergrundszenario, manches erschließt sich aus Gesprächen mit den Auftraggebern der sechs konkurrierenden Fraktionen.

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Das ist nicht weiter schlimm. „Marathon“ ist kein Story-Abenteuer, sondern ein PvPvE-Extraction-Shooter für spannende Multiplayer Sessions, inklusive Crossplay und Crosssave über alle Plattformen. Die Spieler sollen keine Story durchspielen, sondern bei einem solchen Live-Service-Game immer wieder zurückkehren, Missionen wiederholen und im Ingame-Shop Geld für Battlepass und kosmetische Artikel ausgeben. Im Idealfall geht dieses Konzept wie bei „Destiny“ oder „Fortnite“ auf, manchmal wird es zum Desaster. Das letzte Beispiel war der Multiplayer-Shooter „Highguard“, der bereits nach wenigen Wochen eingestellt wurde. Selbst Sony hat mit dem ähnlich gelagerten „Concord“ katastrophale Erfahrungen gemacht.

Der erste Eindruck ist ernüchternd: ein unspektakuläres Abenteuer vor einem Cyber-SF-Szenario. Abgesehen von der tadellosen technischen Umsetzung sieht man von den angeblich 250 Millionen Dollar Entwicklungskosten nur wenig. Es gibt keine spektakulären Action-Set-Pieces, keine aufwendigen Physikeffekte, bei denen Gebäude zusammenstürzen, und keine atemberaubenden Zwischensequenzen. Kein Muss, aber ein bisschen mehr Spektakel bei einem Titel dieser Größenordnung darf es schon sein.

Das Spielprinzip ist simpel. Die Spieler sind die sogenannten „Runner“, die Aufträge für insgesamt sechs Fraktionen abschließen, die alle ihre eigenen Interessen haben. Vor Beginn wählen die Spieler ihren Auftrag und ihre „Hülle“, anders ausgedrückt ihre Charakterklasse. Insgesamt sieben gibt es davon, vom robusten „Destroyer“, der mit einem Schutzschild sein Team schützt, über einen teilweise unsichtbaren Assassinen bis zum kampferprobten Doktor, der das Team mit einer Drohne heilt. In dreiköpfigen Teams treten die Spieler in drei Gebieten gegeneinander und gegen Roboter an, versuchen kleine Missionen zu verfolgen, sammeln Waffen, Ausrüstung oder Rohstoffe und entkommen am Ende hoffentlich lebend aus ihrem Abenteuer.

Jedes Spielgebiet unterscheidet sich vom Herausforderungsgrad. Das „Grenzgebiet“ ist eher als einfaches Startgebiet gedacht, während das sumpfige „Düstermoor“ oder der „Außenposten“ mit feindlichen, computergesteuerten Robotern vollgestopft sind. Wer will, kann auch alleine losziehen, muss aber besonders vorsichtig sein – das ist ein eingebauter Hardcore-Modus. Aber egal, ob alleine oder im Team: einmal gestorben und die komplette Ausrüstung ist verloren. Nur die bis dahin erreichten Missionsziele bleiben erhalten.

Dieses Spielprinzip ist Fluch und Segen zugleich. Jeder Schritt will gut überlegt sein. Die Kommunikation untereinander ist Pflicht, sonst ist jede erfolgreiche Extraktion Glückssache. Das sorgt für spannende Momente, wenn wir in unseren Anspielstunden verschiedene Terminals aktivieren, gleichzeitig aber Augen und Ohren nach Feinden aufhalten. Schnell verschwinden, oder vielleicht doch noch dieses eine Gebäude nach Schatztruhen durchsuchen, um fette Beute einzustecken? Jeder „Run“ ist ein Spiel auf Messers Schneide, ein Abwägen von Risiko, Herausforderung und Sicherheit. Das ist in den besten Momenten spannend und nervenaufreibend.

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Man muss dieses minimalistische Spielprinzip mögen, denn Bungie macht wenig, um Spieler mit Abwechslung und Spektakel zu beeindrucken. Die Missionen sind zwar mehrstufig, aber simpel gestrickt. Da ein paar Datensätze suchen, dort ein paar Gegner erledigen. In den großen Gebieten herrscht oft Leerlauf. Manchmal passiert minutenlang nichts, die Spieler sammeln ein bisschen Ausrüstung und dann ist das Spiel in wenigen Sekunden vorbei, weil sie einmal nicht aufpassen und in die Falle der Gegner tappen. Ein paar giftige Pflanzen, urzeitliche Vögel und ein paar Zecken sollen der Spielwelt Leben verleihen, wirken aber eher wie notdürftig eingebaute Platzhalter.

Nur selten bricht das Spiel aus diesem monotonen Spielablauf aus. Einmal mussten wir Daten herunterladen, aber dafür erst nach der Stromquelle suchen. An einer anderen Stelle sollten wir uns mit einem Virus infizieren und anschließend einen Scanner finden, um die Ergebnisse auszuwerten. Kommt da noch mehr? Selbst nach vielen Stunden Spielzeit fehlt es „Marathon“ an Abwechslung. Das letzte Gebiet, die Endgame-Zone, soll erst Mitte März erscheinen.

Tatsache ist: Die Entwickler müssen noch viel tun, um Spieler bei diesem Live-Service-Game bei der Stange zu halten. Bis jetzt fehlt es an Inhalten, die dem simplen Spielprinzip Wiederspielwert verleihen, und die Benutzeroberfläche ist unübersichtlich. Schnell kommt Frust auf, wenn in einem Run die ganze wertvolle Ausrüstung auf einmal verschwunden ist. Hardcore-Gamer juckt das wenig, aber die breite Masse, die „Marathon“ erreichen will, wird sich abwenden.

Bei so einem großen renommierten Studio und dem Budget liegt ein Vergleich mit Biowares „Anthem“ nahe. Auch hier waren große Erwartungen mit Spiel und Entwickler verknüpft. Am Ende wurde es zum Desaster. Der Anfang für „Marathon“ ist zumindest holprig. Knapp 90.000 Spieler haben es zum Start gleichzeitig auf Steam gespielt. Der gleichzeitig veröffentlichte Indie-Titel „Slay the Spire 2“ kam auf die fast fünffache Spielerzahl. Mittlerweile findet sich „Marathon“ auf Steam nicht mal mehr unter den Top 10. Das ist enttäuschend, auch wenn das Spielerfeedback bisher sehr positiv ausfällt.

Die gute Nachricht: Bungie lässt die Spieler nicht hängen. Bereits für kommende Woche ist ein Patch angekündigt, der den Ingame-Shop überarbeitet und einige Details im Spielablauf transparenter macht. Spätestens beim Release des vierten Spielgebiets wird sich zeigen, ob „Marathon“ auch in Zukunft die Fans an sich binden kann. Der Erfolgsdruck dürfte aufgrund des Produktionsaufwands für Bungie enorm sein.

„Marathon“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. In den besten Momenten entsteht beim Katz-und-Maus-Spiel zwischen den verschiedenen Teams prickelnder Nervenkitzel, meist kehrt aber der Frust ein, wenn das Spiel ein abruptes Ende findet und die ganze Ausrüstung verloren geht. Extraction-Shooter-Fans werden sagen „Das ist halt das Spielprinzip“, die anderen werden sich enttäuscht abwenden.

Momentan ist „Marathon“ besonders für Spieler ein spannendes Abenteuer, die eher im Detail an Taktik und Ausrüstung feilen, als sich in spektakuläre Mehrspielergefechte stürzen wollen. Toll für Fans, etwas karg für die breite Masse. In den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, ob das ausreicht, um „Marathon“ als feste Größe am Live-Service-Himmel der Extraction-Shooter zu etablieren.

„Marathon“ ist für Windows, PS5 und Xbox Series erschienen. Es kostet ca. 40 €. USK ab 16. Für unser Angespielt haben wir am Server-Slam kurz vor Release teilgenommen und nach Veröffentlichung mehrere Stunden die Windows-Version gespielt.

(dahe)