„Der Astronaut“: Beste Science-Fiction seit „Interstellar“ und „Der Marsianer“
Die Verfilmung von Andy Weirs („Der Marsianer“) Roman verwandelt eine globale Katastrophe in eine intime Geschichte über eine unwahrscheinliche Freundschaft.
(Bild: Amazon Content Services LLC / Jonathan Olley)
Im ersten Moment klingt „Der Astronaut“ wie ein typischer Katastrophenfilm. Die Sonne erlischt und das Überleben der Menschheit ruht auf den Schultern eines einzigen Mannes. Von „Armageddon“ bis „Interstellar“ begegnen viele Filme diesem Szenario mit einem entschlossenen Helden, dramatischen Bildern der Zerstörung, Panik in der hilflosen Bevölkerung und, wenn es das Setting hergibt, der ein oder anderen epischen Schlacht im Weltraum.
Nicht so „Der Astronaut – Project Hail Mary“: Statt den Blick schaulustig auf die Entfaltung einer Katastrophe zu richten, folgt die Erzählung dem Protagonisten Ryland Grace, gespielt von Ryan Gosling, und zeigt seine hoffnungsvolle Suche nach einer Rettung für die Menschheit. Abgeschnitten von der Erde, bekommt er von der dort vermutlich tobenden Verzweiflung nichts mit. Genau dieser Kontrast zwischen dem globalen Ausmaß der Bedrohung und der Intimität ihrer Lösung ist das Besondere an „Project Hail Mary“.
Allein auf einem Raumschiff
Zu Beginn des Films erwacht Grace auf einem Raumschiff aus dem Koma. Ihm fehlt jegliche Erinnerung daran, wer er ist und wie er dort gelandet ist. Die einzigen anderen zwei Menschen auf dem Schiff sind während des künstlichen Schlafs gestorben. Er ist völlig allein im All, zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt, jegliche Kommunikation mit seinem Heimatplaneten ist unmöglich.
Nur langsam kehrt seine Erinnerung zurück. Ryland Grace war Lehrer an einer Mittelschule als die Erde in eine Katastrophe schlitterte: Zwischen Venus und Sonne hatte sich ein mysteriöser Strahl ausgebildet, der nach seiner Entdeckerin den Namen Petrowa-Strahl erhielt. Seitdem verliert die Sonne stetig an Energie – und der Erde steht eine Eiszeit bevor, die den Großteil der Menschheit innerhalb weniger Jahrzehnte auszulöschen droht.
(Bild: Amazon Content Services / Jonathan Olley)
Unerwartet erhält Grace an seiner Schule Besuch von Eva Stratt (Sandra Hüller), Leiterin einer Taskforce zur Rettung der Erde. Seine Expertise als Mikrobiologe könne entscheidend bei der Erforschung des Petrowa-Strahls sein. Widerwillig stimmt Grace zu und wird bald darauf zu einer Schlüsselfigur des Projekts.
Dabei erfährt er von einem weiteren Puzzlestück: Viele Sterne in der Umgebung der Sonne haben einen Petrowa-Strahl und erlöschen – bis auf einen. Schließlich erfährt Grace das wahre Ziel des Projekts „Hail Mary“, der letzten verzweifelten Hoffnung der Menschheit: eine bemannte Mission zu Tau Ceti, um herauszufinden, warum dieser Stern als einziger dem Strahl widersteht.
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Amnesie als Stilmittel
An diese und weitere Details seiner Mission erinnert sich Grace auf dem Raumschiff nur langsam. Seine Amnesie ist dabei ein elegantes Mittel, dem Publikum die Hintergrundgeschichte häppchenweise zu präsentieren. Erinnert sich Grace an etwas, bekommt auch der Zuschauer neue Informationen als Rückschau präsentiert. So bleiben zentrale Fragen, etwa wie Grace Teil der Besatzung wurde und ob er die Erde retten kann, lange Zeit offen. Die zwei verflochtenen Zeitlinien kreieren ein ausgewogenes Erzähltempo und fesseln den Zuschauer so für die vollen zweieinhalb Stunden.
(Bild: Amazon Content Services LLC / Jonathan Olley)
Interessant ist auch die Ruhe und Intimität des Films. Über lange Strecken zeigt er den Astronauten allein in seinem Raumschiff. Große Teile des Films wurden mit einer einzelnen Handkamera gedreht. So kommt man dem Protagonisten unglaublich nah. Der Zuschauer trauert mit Grace, lacht mit ihm, feuert ihn an und versucht, mit ihm gemeinsam das Rätsel von Tau Ceti zu lösen – um am Ende nicht nur die Erde, sondern auch Grace zu retten.
Als Weltraumfilm verzichtet „Der Astronaut“ jedoch nicht völlig auf bildgewaltige Eindrücke aus dem All. Stellenweise nutzt der Film sein IMAX-Format voll aus und beeindruckt mit Bildern von fremden Planeten, tanzenden Raumschiffen, sowie actionreiche Szenen, in denen Grace um sein Überleben kämpfen muss. Untermalt wird dies von stimmungsvoller Musik von Daniel Pemberton, die teilweise an Hans Zimmers Soundtrack zu „Interstellar“ erinnert.