Zahlen, bitte! 48 Hunde als Pioniere auf dem Weg zur bemannten Raumfahrt

Bevor der erste Mensch ins All fliegen konnte, schickte die Sowjetunion insgesamt 48 Hunde ins All, um Erfahrungen zu sammeln. Nicht jedes Tier überlebte.

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Bevor mit Juri Gagarin der erste Mensch in den Weltraum flog, waren schon mehrere Tiere im All. Alleine 48 Hunde wurden von der Sowjetunion vor dem Start von Juri Gagarin ins All geschickt. An ihnen wurden die Auswirkungen des Starts, des Aufenthalts im Weltraum und des Wiedereintritts auf den lebenden Körper getestet.

Ein Teil der hochgeschossenen Tiere bezahlte die Pionierarbeit mit dem Leben. Das Schicksal bewegte auch die Wissenschaftler, die eine persönliche Beziehung zu den Schützlingen aufbauten.

Die Hündin Laika ist das bekannteste Lebewesen, das ins All flog. Aber sie war nicht das erste Tier: Bereits 1947 starteten Fruchtfliegen auf einer modifizierten V2-Rakete ins All. Mit 109 Kilometern Höhe überschritten sie knapp die Kámán-Linie, mit der offiziell der Weltraum erreicht wird. Kurze Zeit später landeten sie wohlbehalten auf der Erde. Somit waren sie die ersten dokumentierten Lebewesen im Weltraum, und die Landung galt als erste „weiche“ Landung einer Raumkapsel.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Die US-Amerikaner schickten ab 1948 mehrere Rhesusaffen in modifizierten V2-Raketen auf Suborbitalflügen ins All. Die Missionen waren aber eher glücklos: Albert I. erstickte beim Start und die Rakete erreichte nur eine Höhe von 63 Kilometern.

Albert II. erreichte als erster Primat erfolgreich das All: Die Rakete überschritt 130 Kilometer Höhe. Beim Wiedereintritt öffnete sich das Fallschirmsystem nicht wie vorgesehen, und die Kapsel prallte mit dem Affen ungebremst auf die Erdoberfläche, was er leider nicht überlebte. Erst 1959 gelang der USA, ein Äffchen ins All und wieder wohlbehalten auf die Erde zurückzubringen.

Am 14. Juni 1949 startete die modifizierte V-2 No. 47 von der Holloman Air Force Base in New Mexico aus, mit dem Affen Albert II. an Bord, der den Flug, aber nicht die Landung überlebte.

(Bild: NASA)

Tiere ins All zu bringen, war für die Sowjetunion auch wichtig: Die Sowjetunion wollte mit Hunden die Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln, um im Wettlauf ins All gegen die USA zu bestehen und irgendwann Menschen ins All bringen zu können.

Hunde wurden den Affen vorgezogen, da sie besser trainierbar waren als Primaten und längere Inaktivität besser tolerierten und unter Druck weniger zu Panik und unvorhergesehenen Reaktionen neigten. Im Vergleich dazu mussten die Affen der amerikanischen Testreihe mit Medikamenten ruhig gestellt werden, was die Forschungsergebnisse beeinflusste.

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Die Voraussetzungen für die tierischen Sowjet-Besatzungen waren: ruhige, kleine Hunde im Alter von zwei bis sechs Jahren, dabei nicht größer als 35 Zentimeter und nicht schwerer als sechs Kilogramm. Dass Hündinnen bevorzugt wurden, hatte einen einfachen Grund: Sie waren es nicht gewohnt, beim Wasserlassen das Bein zu heben.

Außerdem wurden Straßenhunde ausgewählt. Die Sowjets erhofften sich dadurch, dass Hunde, die sich in den rauen Bedingungen von Moskaus Straßen durchsetzten, auch mit den bis dahin unbekannten Bedingungen eines Weltraumflugs besser klarkamen.

Die gefangenen Hunde wurden unter strenger Geheimhaltung in das staatliche Forschungstestinstitut für Luftfahrt und Weltraummedizin nach Moskau geschickt, das die Hunde entsprechend ausbildete und für die speziell für die Tiere entwickelte Kabine trainierte.

Fast auf den Tag genau 18 Jahre vor der ersten Mondlandung gelang mit den Hündinnen Dezik und Tsygan am 22. Juli 1951 der erste Suborbitalflug zweier Hunde, die unversehrt per Fallschirm-Kapsel wieder auf der Erde landeten. Sie flogen auf einer R-1-Rakete (wiederum eine von der Sowjetunion umgebauten V2-Rakete) ins All geschickt. Auf sie folgten mehrere Versuche mit Hundebesatzungen.

Nach dem erfolgreichen Start von Sputnik im November 1957, der weltweit für Aufsehen sorgte, wollte die Sowjetunion mit Sputnik 2 noch einen draufsetzen: Ein Hund sollte als erstes Lebewesen überhaupt in einer Umlaufbahn die Erde umkreisen.

Oleg Gazenko, russischer Generalleutnant, wählte für den ersten Orbitalflug eines Tieres die Hündin Laika aus. Sie erwies sich im Auswahlverfahren unter drei Hunden als besonders ruhig. Sie wurde mit intensiven Trainings an die Enge der Kabine, den extremen Gravitationsverhältnissen und die Nahrungsaufnahme mit dem Spezialfutter vertraut gemacht.

Belka und Strelka

(Bild: CC BY-SA 4.0, Музей космонавтики / Главархив Москвы)

Die hastig entworfene Mission forderte allerdings ihren Tribut: war bisher in jedem Tierversuch eine unversehrte Rückkehr eingeplant, reichte die Zeit nicht aus, um für Laika eine Rückkehr einzurichten, zumal das in einer Orbitalmission ungleich komplexer war. Stattdessen war vorgesehen, dass die Hündin nach etwa einer Woche mit vergiftetem Futter eingeschläfert werden sollte. Der Grund für die Kurzfristigkeit: Der Kreml wollte den 40. Jahrestag der Oktoberrevolution mit dem Start von Laika krönen.

Am 3. November 1957 startete Laika um 2:30 Uhr morgens vom Weltraumbahnhof Baikonur ins All. Erhöhte Pulswerte beim Start ließen auf einen hohen Stresslevel schließen, der auch nur langsam wieder sank. Statt mehrere Tage im All zu überleben, übermittelten die Messdaten bereits nach etwas mehr als fünf Stunden keine Lebenszeichen mehr. Vermutlich starb sie an Überhitzung, da die Reibungshitze stärker als erwartet war.

Die Hündin Laika: Sie flog 1957 ins All und war das erste Lebewesen, was einen Orbitalflug vornahm.

(Bild: CC BY-SA 4.0, Музей космонавтики / Главархив Москвы)

Erst Jahrzehnte später wurde zugegeben, dass die Hündin bereits wenige Stunden nach dem Start starb. Dass sie im All sterben musste, führte zudem zu einer Diskussion um Tierversuche im All. Während es in der Sowjetunion kein großes Thema war, beschwerten sich Tierschützer weltweit über den Tod der Hündin und der Kreml zeigte sich besorgt über den Schatten, den die Proteste auf den Propagandaerfolg warfen.

Aber auch die an dem Projekt Beteiligten waren vom Schicksal ihrer Schützlinge ergriffen, die während der Trainings eine enge Bindung zu den Tieren aufbauten. Noch vier Jahrzehnte später bedauerte Oleg Gazenko den Tod von Laika mit einfühlsamen Worten:

„Die Arbeit mit Tieren ist für uns alle eine Quelle des Leidens. Wir behandeln sie wie Babys, die nicht sprechen können. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr bereue ich es. Wir hätten das nicht tun sollen. Wir haben aus dieser Mission nicht genug gelernt, um den Tod des Hundes zu rechtfertigen.“

Mit dem erfolgreichen Flug von Belka und Strelka am 19. August 1960 wurden die letzten Erkenntnisse für den Flug von Juri Gagarin am 12. April 1961 gelegt und letzte Zweifel beseitigt.

Laika war die einzige Weltraummission, in der keine Rückkehr des Tieres vorgesehen war. Bis 1966 wurden noch 19 weitere Hunde durch die Sowjets ins All geschickt. Die Erkenntnisse dieser „Soviet Space Dogs“ halfen, die Voraussetzungen zu schaffen, um einen Menschen sicher ins All zu bringen.

(mawi)