„Esoteric Ebb“ angespielt: Als hätte Terry Pratchett „Disco Elysium“ geschrieben
Das Rollenspiel „Esoteric Ebb“ wandelt auf den Spuren von „Disco Elysium“ durch eine merkwürdige Welt zwischen Fantasy und Steampunk.
(Bild: Raw Fury)
„Esoteric Ebb“ ist das Solo-Projekt des schwedischen Game-Designers Christopher Bodegard. Es handelt sich um ein isometrisches Rollenspiel, dem die großen Vorbilder „Disco Elysium“ und „Planescape Torment“ an jeder Ecke anzusehen sind. Wer hier Spaß haben will, sollte Lust am Lesen mitbringen.
Tote leben länger
Der Held heißt Ragn, dient als ein Kleriker der Stadt und ist tot – zumindest sollte man das meinen, denn er wacht in einer Leichenhalle auf. Was macht er hier? Wurde er wiederbelebt? Was zum Teufel ist eigentlich geschehen? Ja, da war die Suche nach einem Fahrradschlüssel, ein Sturz ins Wasser und dann? Der Leichenbestatter ist zwielichtig und nicht allzu gesprächsfreudig. Jedenfalls soll Ragn erstmal klären, wieso die Taverne in die Luft flog. Was er dazu machen muss, wie er Informationen bekommt – bitte selbst rausfinden.
(5 Bilder)

„Esoteric Ebb“ angespielt
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)Der Anfang von „Esoteric Ebb“ setzt die Stimmung für das ganze Spiel. Alles ist rätselhaft, Spielhilfen gibt es kaum. Kein Questmarker weist Ragn den Weg. Alles muss er sich durch Gespräche mit Kobolden, Elfen oder Orks zusammenreimen. Vielleicht nützt es ja, wenn er den streikenden Zwergen eine Demonstrationsgenehmigung von der Stadt besorgt oder der Koboldkönigin hilft? Schon nach den ersten Gesprächen fällt ein Überblick über die kommenden Aufgaben schwer.
Eine Frage des Gewissens
Ragn entpuppt sich dabei als ein Mann der Gewissensbisse. Immer haben seine Charakterwerte Stärke, Weisheit, Intelligenz als innere Stimmen irgendwas zu meckern oder geben im besten Fall gute Ratschläge – sarkastisch, pragmatisch oder zynisch. Dazu kommen lange Dialogoptionen, die Infos versprechen, aber manchmal auch ins Verderben führen.
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Und es darf gewürfelt werden, passiv und aktiv. Mit nahezu jeder Begegnung und jedem Ereignis wird erstmal in Hintergrund ein Kommentar der jeweiligen Charakterwerte provoziert. Die Spieler sollten jeden dieser Kommentare genau lesen, denn sie geben Tipps für das vermeintlich richtige Verhalten. Ein Streit ist schnell provoziert und der kann tödlich enden, wenn Glück oder die Charakterwerte nicht ausreichen, um mit einem Würfelwurf die Angriffe der Gegner mit Schwert oder Zauberspruch zu kontern. Ein Tipp: Bitte keinen Streit mit der Sphinx anfangen, die betrunken in der Kneipe rumhängt.
Fast jede Entscheidung wirkt sich auf den Charakter aus. Obwohl die Spieler mit einer Charakterklasse beginnen, sind sie später frei in ihrer Wahl. Ihren aktuellen politischen Stand und den Fortschritt der Quests werden in einer Art Mindmap angezeigt. Das ist informativ und verwirrend zugleich. Wer hier eine typische Questübersicht oder ein gängiges Charakterblatt erwartet, sollte umdenken. „Esoteric Ebb“ ist eben anders als die übliche Rollenspiel-Konkurrenz.
Mehr lesen als bei „Disco Elysium“
Das Spielkonzept lässt abseits der Dialogentscheidungen wenig Platz für Interaktion. Mehr noch als in „Disco Elysium“ dient die Erkundung der Spielwelt nur als Ergänzung zum Text. Die Spieler können ein paar Gegenstände anklicken, an Schreinen ihre Zaubersprüche erlernen oder einfach durch die Gegend wandern. Das ähnelt visuell frankobelgischen Comics, ist für das eigentliche Spiel zumindest in unseren Anspielstunden nahezu unnütz. „Esoteric Ebb“ ist im Grunde genommen ein Gamebook mit hübschen Bildern.
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Der Reiz des Spiels entwickelt sich tatsächlich zwischen den Zeilen. Es geht um die üblichen Machtkämpfe, aber auch um Revolution, Korruption und gesellschaftliche Verwerfungen. Ähnlich wie in den „Scheibenwelt“-Romanen Terry Pratchetts werden Klischeevorstellungen von edlen Rittern und Zauberern über den Haufen geworfen. Es gibt wunderbare Nebencharaktere. So trifft man gleich am Anfang einen mürrischen Kobold, der den Helden bei seiner Mission begleitet. Die bereits erwähnte Sphinx stellt uns Rätsel und ein scheinbar depressiver, untoter (?) Ritter jammert über seine Abenteuer in der Unterwelt.
Das was „Esoteric Ebb“ anders macht, ist auch seine größte Hürde. Die teilweise anspruchsvollen Texte gibt es nur in Englisch und die Interaktion mit der Spielwelt wirkt eher wie eine widerwillige Pflicht als ein sinnvolles Spielelement. Das alles braucht Geduld und viel Erkundungsdrang. „Esoteric Ebb“ nimmt die Spieler nicht bei der Hand, sondern lässt sie die sonderbare Welt auf eigene Faust erkunden. Ein so ungewöhnlicher wie eigenwilliger Rollenspieltrip.
Zwischenfazit
Schräg, skurril, eigenwillig – „Esoteric Ebb“ wirkt so, als hätte Terry Pratchett den Indie-Hit „Disco Elysium“ geschrieben, nachdem er ausgiebig „Planescape Torment“ gespielt hat. Eine gute Kenntnis der englischen Sprache ist für die langen Dialoge ein Muss, denn sonst entgehen den Spielern Spitzfindigkeiten und Seitenhiebe auf Kultur, Politik und Genre. Wären die deutlichen Ähnlichkeiten zu „Disco Elysium“ nicht, so könnte man von einem Meilenstein der Videospielgeschichte sprechen. So bleibt aber nur ein sehr gutes Rollenspiel auf Basis eines großen Vorbilds mit vielen Freiheiten und skurrilen Episoden, das besonders Spielern mit viel Geduld und Leselust zu empfehlen ist.
„Esoteric Ebb“ ist für Windows erschienen. Es kostet ca. 25 €. USK nicht geprüft.
(dahe)