KI-Update kompakt: AI Act, Groundsource, NemoClaw, Perplexity Computer
Das "KI-Update" liefert drei mal pro Woche eine Zusammenfassung der wichtigsten KI-Entwicklungen.
- Isabel GrĂĽnewald
- The Decoder
EU verschiebt vermutlich KI-Regeln fĂĽr Hochrisiko-Systeme
Der Rat der Europäischen Union hat seine Position zu einer Lockerung des EU-KI-Gesetzes festgelegt. Da die nötigen technischen Standards und Werkzeuge zur Umsetzung bisher nicht vollständig vorliegen, folgt der Rat dem Vorschlag der EU-Kommission, zentrale Fristen zu verschieben. Für eigenständige Hochrisiko-KI-Systeme in sensiblen Bereichen wie Gesundheitswesen, Strafverfolgung oder kritischer Infrastruktur, sollen die strengen Anforderungen erst ab dem 2. Dezember 2027 gelten. Für Hochrisiko-KI, die in Produkte verbaut ist, verschiebt sich der Termin auf den 2. August 2028.
Neben den neuen Fristen sollen kleine und mittelständische Unternehmen entlastet und dem KI-Büro mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Die Ratsposition ist nicht das letzte Wort: Als Nächstes beginnen die Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament.
Google Maps bekommt Gemini-KI
Google integriert sein KI-Modell Gemini in Google Maps. Nutzer können künftig komplexe Suchanfragen in natürlicher Sprache stellen, etwa nach Restaurants mit bestimmten Eigenschaften. Gemini lernt dabei aus Berichten anderer Maps-Nutzer. Zudem erstellt das Modell aktuelle 3D-Ansichten für die sogenannte „Immersive Navigation“, die Routen anschaulicher darstellen soll.
Anthropic fĂĽhrt interaktive Diagramme in Claude ein
Anthropic ermöglicht es nun allen Nutzern seines Chatbots Claude, komplexe Antworten als interaktive Diagramme, Charts oder Visualisierungen zu erhalten, statt als reinen Text. Die Grafiken sind direkt in den Chat eingebettet und temporär, das heißt, sie verändern sich im Gesprächsverlauf oder verschwinden wieder.
Im Unterschied zu Claudes bereits länger verfügbaren Artifacts, dauerhaften Dokumenten oder Tools in einem separaten Seitenpanel, sind die neuen Visualisierungen flüchtig und kontextsensitiv. Die Funktion war im Herbst 2025 als „Imagine with Claude“ angekündigt worden und befindet sich jetzt in der öffentlichen Beta-Phase.
Google trainiert Flut-KI mit Nachrichtenartikeln
Google will Überschwemmungen mit einem KI-System namens Groundsource bis zu 24 Stunden im Voraus vorhersagen. Statt auf klassische Wetterdaten zu setzen, trainierte Google die KI mit Nachrichtenartikeln in über 80 Sprachen. Der KI-Assistent Gemini wertete die automatisch gesammelten und übersetzten Texte aus und unterschied dabei zwischen Berichten über politische Debatten und solchen über tatsächliche Flutereignisse. Das Ergebnis ist ein frei zugänglicher Datensatz mit 2,6 Millionen historischen Überflutungen aus mehr als 150 Ländern.
Das System läuft über Googles Plattform „Flood Hub“, die Risikohinweise für Gebiete in über 150 Ländern liefert und Daten direkt mit Katastrophenschutzbehörden teilt. Die räumliche Auflösung ist noch grob, und lokale Niederschlagsradardaten werden noch nicht eingebunden. Google plant, dieselbe Technologie künftig auch für die Vorhersage von Erdrutschen und Hitzewellen einzusetzen.
Pentagon vergibt 20-Milliarden-Dollar-Auftrag an Anduril
Das US-Verteidigungsministerium hat dem Rüstungs-Startup Anduril, gegründet von Oculus-Erfinder Palmer Luckey, einen Rahmenvertrag über 20 Milliarden US-Dollar erteilt. Der Vertrag läuft fünf Jahre und ist um weitere fünf Jahre verlängerbar. Er umfasst Hard- und Software sowie Dienstleistungen für die US-Army. Als konkretes Produkt nennt das Pentagon das KI-System „Lattice“, Andurils Plattform zur Verknüpfung verschiedener Datenquellen, darunter Sensordaten autonomer Drohnen. Das System kann unter anderem 3D-Modelle eines Kampfgebietes darstellen.
Anduril unterscheidet sich von anderen Pentagon-Partnern wie OpenAI und Palantir dadurch, dass es neben Software auch Hardware herstellt, darunter Luft- und seegestĂĽtzte Drohnen sowie Augmented-Reality-Systeme fĂĽr Soldaten.
Nvidia entwickelt offene KI-Agentenplattform „NemoClaw“
Nvidia arbeitet an einer Plattform namens „NemoClaw“, die Unternehmen den Einsatz autonomer KI-Agenten erleichtern soll. Das berichtet Wired unter Berufung auf mehrere mit den Plänen vertraute Personen. Die Plattform soll als Open-Source-Projekt erscheinen, Unternehmenspartnern aber zusätzliche Werkzeuge für Sicherheit und Datenschutz bieten. Bemerkenswert ist, dass Unternehmen NemoClaw wohl auch dann nutzen können, wenn ihre KI-Agenten nicht auf Nvidia-Chips laufen.
Das wäre ein Kurswechsel für Nvidia, dessen Softwareökosystem bisher stark auf der proprietären Plattform CUDA aufbaut, die Entwickler faktisch an Nvidia-Hardware bindet. Der Schritt hin zur Offenheit könnte durch den Erfolg frei verfügbarer KI-Modelle motiviert sein. In dieses Bild passt auch Nvidias Partnerschaft mit dem Chip-Startup Groq, das auf schnelle und energieeffiziente Inferenz spezialisiert ist. Auf der Entwicklerkonferenz GTC könnten weitere Details zu NemoClaw folgen.
Atlassian entlässt 1.600 Mitarbeiter, um KI zu finanzieren
Atlassian, ein Softwarehersteller, baut rund zehn Prozent seiner Belegschaft ab, etwa 1.600 Stellen. CEO Mike Cannon-Brookes begründete den Schritt damit, weitere Investitionen in KI und Vertrieb zu finanzieren und das Finanzprofil des Unternehmens zu stärken. Zwar betonte er, Atlassian ersetze keine Menschen durch KI. Zugleich räumte er ein, KI verändere sehr wohl, welche Fähigkeiten gebraucht werden und wie viele Stellen in bestimmten Bereichen nötig sind.
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Meta erwägt Entlassung von 20 Prozent der Belegschaft
Meta plant Berichten zufolge, bis zu 20 Prozent seiner knapp 79 000 Beschäftigten zu entlassen, was rund 16 000 Stellen entspräche. Als Hauptgrund nennen die Berichte die hohen Kosten für KI-Infrastruktur. Meta-Chef Mark Zuckerberg investiert bis 2028 insgesamt 600 Milliarden Dollar in KI-Technologie, wirbt teuer KI-Forscher ab und kauft Start-ups zu, zuletzt das chinesische Unternehmen Manus. Ein Sprecher des Unternehmens bezeichnete die Berichte als spekulativ. Auch Amazon und das Fintech-Unternehmen Block haben zuletzt Stellen abgebaut und dabei auf KI-bedingte Effizienzgewinne verwiesen.
Metas nächstes KI-Modell verzögert sich um zwei Monate
Metas nächstes KI-Modell mit dem internen Codenamen „Avocado“ erscheint zwei Monate später als geplant. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf interne Quellen. Statt im März soll das Modell nun im Mai freigegeben werden. Der Grund: Es schneidet in den Bereichen Reasoning, Coding und Schreiben schlechter ab als aktuelle Modelle von Google, OpenAI und Anthropic. Intern soll sogar diskutiert worden sein, vorübergehend Googles KI Gemini für Metas eigene Produkte zu lizenzieren. Eine Entscheidung dazu gibt es bislang nicht.
Meta will mit eigenen KI-Chips Nvidia ĂĽberholen
Meta entwickelt gemeinsam mit dem Designpartner Broadcom eine Serie eigener KI-Beschleuniger unter dem Namen MTIA. Der erste, der MTIA 300, läuft bereits in Metas Rechenzentren. Bis 2027 sollen vier Modelle folgen. Ab nächstem Jahr will Meta mit seinen Chips in bestimmten Aufgaben die KI-Beschleuniger von Nvidia und AMD übertreffen. Im Fokus steht die Inferenz für generative KI, also das Abarbeiten von Nutzeranfragen mit fertig trainierten Modellen.
Musk kĂĽndigt gemeinsames KI-Projekt von Tesla und xAI an
Elon Musk hat ein gemeinsames KI-Projekt von Tesla und seinem KI-Startup xAI angekündigt. Das System heißt „Macrohard“ und verbindet xAIs Sprachmodell Grok mit Teslas KI-Agenten „Digital Optimus“. Grok übernimmt dabei die Steuerung und das Kontextverständnis, während Digital Optimus Aufgaben ausführt, indem er Bildschirminhalte sowie Maus- und Tastatureingaben in Echtzeit verarbeitet. Das System läuft auf Teslas eigenem AI4-Chip, was die Lösung laut Musk vergleichsweise günstig machen soll. Musk zufolge könnte die KI künftig Softwareentwicklungsprozesse ganzer Unternehmen simulieren.
Das ursprüngliche Macrohard-Projekt von xAI war zuletzt ins Stocken geraten. Teile der Arbeit und Rechenressourcen sollen nun in Teslas Autopilot-Team übergehen, während beide Unternehmen ihre KI-Projekte enger verzahnen.
Bytedances Videogenerator Seedance 2.0 bleibt vorerst auf China beschränkt
Bytedance, das Unternehmen hinter TikTok, wollte seinen KI-Videogenerator Seedance 2.0 Mitte März weltweit zugänglich machen. Daraus wird vorerst nichts. Hyperrealistische Szenen aus der Software zogen zwar viel Aufmerksamkeit auf sich, aber auch den Widerstand großer Filmstudios und Streaming-Anbieter wegen möglicher Urheberrechtsverletzungen. Laut „The Information“ stehen jetzt die Lösung rechtlicher Probleme und die Implementierung von Schutzmaßnahmen im Vordergrund.
Die Schutzmaßnahmen funktionieren bislang noch nicht zuverlässig: Zahlende Nutzer beklagen sich über abgelehnte Anfragen, die keinerlei urheberrechtlich geschütztes Material betreffen. Ein neuer Termin für den weltweiten Start steht nicht fest.
Perplexity bringt KI-Assistenten auf den Mac
Perplexity arbeitet an einem persönlichen KI-Assistenten namens „Perplexity Computer“, der auf den Mac kommen soll. Das System orientiert sich offenbar am OpenClaw-Prinzip und soll Aufgaben direkt auf dem Rechner übernehmen. Als Basis dient ein Mac mini, Interessierte können sich bisher nur auf eine Warteliste setzen lassen. Weitere Details sollen noch folgen.
Grammarly schaltet KI-Funktion nach Kritik ab
Grammarly, ein Grammatikprüf-Dienst des Unternehmens Superhuman, hat seine Funktion „Expert Revision“ vorerst abgeschaltet. Sie überarbeitete Texte angeblich aus der Perspektive bekannter Autorinnen und Autoren und nutzte dabei deren echte Namen, ohne die Betroffenen vorher um Erlaubnis zu fragen. Viele erfuhren erst zufällig davon. Grammarly erklärte, die Funktion werde überarbeitet, damit Fachleute künftig selbst entscheiden können, ob und wie ihre Namen verwendet werden.
Die Kritik hat rechtliche Folgen: In den USA reichten Journalistinnen und Journalisten eine Sammelklage ein, in der sie dem Unternehmen vorwerfen, ihre Identität ohne Zustimmung für kommerzielle Zwecke genutzt zu haben.
Australier entwickelt mit KI experimentelle Krebstherapie fĂĽr seinen Hund
Der australische KI-Berater Paul Conyngham nutzte ChatGPT, Googles Proteinfaltungs-KI AlphaFold und den Assistenten Grok, um einen experimentellen Behandlungsansatz gegen den unheilbaren Mastzellenkrebs seiner Hündin Rosie zu entwickeln. Auf Empfehlung von ChatGPT ließ er Tumor-DNA und gesunde DNA an der Universität UNSW Sydney sequenzieren. Die KI identifizierte ein Protein als möglichen Angriffspunkt sowie einen bereits in den USA zugelassenen Wirkstoff. Das Design eines mRNA-Impfstoffs entwickelte Conyngham nach eigenen Angaben mit Grok. Seit der Behandlung soll Rosies Tumor um etwa 75 Prozent geschrumpft sein.
Fachleute warnen vor überzogenen Erwartungen. Sicherheit und Wirksamkeit lassen sich nur durch kontrollierte Studien belegen. Zudem erhielt der Hund parallel eine herkömmliche Immuntherapie, sodass der tatsächliche Beitrag der KI-basierten Behandlung unklar bleibt.
(igr)