Analyse: Weshalb die Forderung nach der RĂĽckkehr der Atomenergie Unsinn ist

Ursula von der Leyen hat den Atomausstieg als Fehler bezeichnet und hohe Strompreise kritisiert. Mit Atomkraft werden diese steigen, analysiert Werner Pluta.

vorlesen Druckansicht 217 Kommentare lesen
Stillgelegtes Atomkraftwerk in Stade

Stillgelegtes Atomkraftwerk in Stade: wirtschaftlicher Unsinn?

(Bild: Werner Pluta / heise medien)

Lesezeit: 7 Min.
Inhaltsverzeichnis

Ein Gespenst geht um in Europa. Dieses Mal ist es jedoch nicht das des Kommunismus. In der vergangenen Woche hat Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, den Atomausstieg als einen strategischen Fehler für Europa bezeichnet und sich für eine Rückkehr der umstrittenen Energieform starkgemacht.

Von der Leyen begründete, dass Europa „weder ein Öl- noch ein Gasproduzent“ sei. „Bei fossilen Brennstoffen sind wir komplett abhängig von teuren und volatilen Importen“, sagte sie. Insgesamt seien die Strompreise „strukturell zu hoch“. Sogenannte Small Modular Reactors (SMR), kleine, modular aufgebaute Atomkraftwerke – sie liefern nach der Definition der Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) etwa bis zu 300 Megawatt, bei Biblis waren es etwa 2,5 Gigawatt – sollen in Zukunft einen Teil der Energieversorgung übernehmen. In den USA ist der Hype um entsprechende Start-ups wie das von Bill Gates finanzierte Terrapower in vollem Gang.

Eine Analyse von Werner Pluta

Werner Pluta hat Mitte der 1990er als Kulturjournalist angefangen und kurz darauf dieses Internet entdeckt. Seither schreibt er lieber über Computer, Wissenschaft und Technik oder fährt testenderweise mit Elektroautos durch die Lande. Mehrfach zwischen Print- und Onlinejournalismus sowie zwischen freier und angestellter Tätigkeit gewechselt, schreibt er seit Januar 2025 für heise online.

Zuspruch kam unmittelbar aus den Reihen ihrer Partei: „Ursula von der Leyen hat recht – der Ausstieg aus der Kernkraft war ein Fehler“, etwa sekundierte Gitta Connemann, Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Da wollte CSU-Chef Markus Söder nicht zurückstehen und kündigte im Boulevard-Blatt Bild vollmundig an: „Bayern ist bereit für ein Pilotprojekt“ – genauer: für den Bau eines solchen neuartigen Kleinatomkraftwerks.

Nun gerät eine Argumentation über Atomkraft schnell ins Ideologische: Sag mir, wie du zur Atomkraft stehst, und ich sag’ dir, welchen Weg du gehst. Dabei ist das gar nicht nötig. Ein bloßer Blick auf die Zahlen zeigt den Unsinn der Forderung nach Rückkehr zur Atomkraft.

Die Gestehungskosten für Atomstrom, also die reinen Erzeugungskosten, liegen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2023 zwischen 184 und 504 Euro pro Megawattstunde – oder 18 bis 50 Cent pro Kilowattstunde. Endkunden zahlen derzeit laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im Schnitt etwa 37 Cent für die Kilowattstunde aus der Steckdose. In dem Preis sind aber schon Steuern und Entgelte, zusammen knapp 13 Cent, sowie die Marge für den Energieversorger enthalten.

Dass ausgerechnet Connemann die Rückkehr der Atomkraft fordert, verwundert da schon. Als MIT-Vorsitzende sollte sie schließlich das geballte ökonomische Know-how repräsentieren, dessen sich die Unionsparteien gern rühmen. Wo doch gerade der von ihr vertretene Mittelstand – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – über die hohen Energiekosten lamentiert. Der Verdacht drängt sich auf, dass es hier eben doch um Ideologie und nicht um Wirtschaftlichkeit geht.

Videos by heise

Wer tatsächlich ökonomisch argumentiert, sollte fordern, noch mehr Windräder und Solarparks zu bauen: Die Gestehungskosten für eine Kilowattstunde Windstrom an Land beziffert der Energieversorger EnBW je nach Standort etwa 4 Cent bis 9 Cent pro Kilowattstunde. Offshore-Anlagen sind im Bau aufwendiger, weshalb der Strom etwas teurer ist: Die Kilowattstunde kostet in der Gestehung knapp 6 bis etwa 10 Cent. Die Kilowattstunde Solarstrom gibt es für 4 bis 14 Cent.

Ohnehin war Atomstrom zu keiner Zeit konkurrenzfähig, wie eine 2025 veröffentlichte Studie der Technischen Universität Berlin gezeigt hat. Von Anfang an wurde die Atomkraft staatlich gefördert. Wie viel staatliches Geld tatsächlich über die Jahrzehnte in die Atomenergie geflossen ist, lässt sich schwer schätzen. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages nannte 2021 in einer Dokumentation „eine Fördersumme von insgesamt 112,1 Mrd. EUR (nominal) bzw. 169,4 Mrd. EUR (real)“ zwischen 1955 und 2022. Dabei habe es sich um rein budgetwirksame Förderungen gehandelt. Die tatsächliche Fördersumme dürfte deutlich höher sein. Einige Schätzungen gehen bis knapp 300 Milliarden Euro (real).