„Crimson Desert“ angespielt: Das Zelda für Erwachsene erfordert starke Nerven

„Crimson Desert“ schürt große Erwartungen bei vielen Open-World-Fans. Nach rund 50 Spielstunden ergibt sich jedoch ein durchwachsenes Bild.

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Nahaufnahme des Helden aus Crimson Desert vor einer Berglandschaft mit Wolken und Wäldern.

Wie viel Substanz steckt hinter den epischen Trailern zum Open-World-Abenteuer „Crimson Desert“?

(Bild: Pearl Abyss (Screenshot: joe))

Lesezeit: 7 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Mehr als 360.000 Vorverkäufe und über zwei Millionen Wunschlisten-Einträge allein auf Steam: „Crimson Desert“ ist ohne Zweifel eines der meist erwarteten Videospiele des Jahres. Der Hype ist gigantisch und viele erwarten nicht weniger als die eierlegende Wollmilchsau für Einzelspieler. Doch kann ein Spiel solch großen Erwartungen überhaupt gerecht werden? Das bislang hauptsächlich als MMO-Entwickler bekannte Pearl Abyss hat dazu ein regelrechtes Monstrum erschaffen. Eine Open-World-Chimäre, die alle bisherigen Genrevertreter in sich zu vereinen versucht – im Guten wie im Schlechten.

„Crimson Desert“ ist ein Open-World Action-Adventure mit vorgefertigten Charakteren und lässt sich am ehesten als Mischung zwischen „Zelda: Breath of the Wild“ und „Assassin’s Creed Valhalla“ beschreiben – ideenreich und abenteuerlustig wie Link, brachial und actiongeladen wie Eivor. Die platte Fantasy-Geschichte um einen Auserwählten mit übermenschlichen Fähigkeiten taugt, wie schon beim Open-World-Urgestein „Skyrim“, lediglich als Rahmenhandlung für die Erkundung eines gigantischen Kontinents.

Dabei treffen Spieler auf verschiedene Fraktionen, zahlreiche Monster und Fabelwesen, unterirdische Tunnelsysteme, verborgene Schätze, eine mysteriöse Welt über den Wolken sowie jede Menge Nebenschauplätze und Beschäftigungen zum Zeitvertreib. Wer alles erleben will, wird laut den Entwicklern weit über 100 Stunden benötigen. Doch wie viele Spieler bis dahin durchhalten, muss sich noch herausstellen.

Crimson Desert (6 Bilder)

„Crimson Desert“ beginnt mit einem Angriff auf die „Graumähnen“, eine gutmütige Kriegervereinigung, der auch Protagonist Kliff angehört. (Bild:

Pearl Abyss (Screenshots: joe)

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Die offene Welt des fiktiven Kontinents Pywel übt eine frustrierende Faszination aus. Einerseits will man den Controller einfach nicht weglegen, weil hinter jedem Hügel ein kleines Abenteuer wartet. Andererseits fliegt das Spielgerät zuverlässig einmal pro Quest durch das Wohnzimmer, weil so manche Designentscheidung den geneigten Abenteurer in den Wahnsinn treibt. Das beginnt bei einer nicht veränderbaren, völlig überfrachteten und auf alle gängigen Muster pfeifenden Tastenbelegung, und endet bei extrem frustrierenden Bosskämpfen, unlogischen Rätseln und verwirrenden Aufgabestellungen.

In den ersten Spielstunden ist „Crimson Desert“ ein Paradebeispiel für mangelhaftes Quest-Design und wirkt wie eine Zusammenstellung der unbeliebtesten Open-World-Quests der letzten 20 Jahre. Manche für den Fortschritt essenzielle Questreihen sind so belanglos und uninteressant, dass man beinahe auf Autopilot durch die Spielwelt marschiert. Hol- und Bringaufgaben reihen sich zusammenhanglos aneinander. Nichts ergibt sich organisch aus dem Erlebten, und auch die Handlung braucht sage und schreibe vier Kapitel, bis sie zum ersten Mal so etwas wie Spannung aufbaut.

Wer sich durch uninspirierte Questreihen und mangelnde Zugänglichkeit nicht vom Pfad abbringen lässt, wird allerdings belohnt. Grafisch und atmosphärisch ist Pywel ein echtes Erlebnis. Überall tummeln sich Menschen, Tiere, Insekten und launische Fabelwesen. Die dicht bewachsenen Wälder bewegen sich rhythmisch im Wind, Blätter wirbeln durch die Luft und die Kameralinse bricht das Licht perfekt. Ständig fragt man sich in ungläubigem Staunen, wie all diese vielen kleinen Details technisch überhaupt möglich sind.

In kaum einem Spiel regt der Blick auf den scheinbar unendlich weiten Horizont so sehr zur Erkundung an wie in „Crimson Desert“. Das lohnt sich zwar nicht immer, aber wenn man beim Galopp durch den Wald plötzlich in ein Dorf voll kindlich anmutender Waldgeister stolpert, auf einem gigantischen Baumwesen herumklettert oder versehentlich in ein unterirdisches Höhlensystem fällt, dann lacht das Abenteurerherz.

Doch auch hier stellt sich Pearl Abyss selbst ein Bein. Die Wege durch die bergigen Ländereien sind zu häufig unnötig lang und verschachtelt, und das spärlich bestückte Netz an zu gut versteckten Schnellreisepunkten strapaziert die Geduld. Besonders ärgerlich: Ausgerechnet zum eigenen Lager, Dreh- und Angelpunkt vieler Quest-Reihen, fehlt ein solcher Schnellreisepunkt und kann erst durch ein langkettiges Rätsel freigeschaltet werden.

„Crimson Desert“ ist kein vielschichtiges Rollenspiel. Anstelle eines Klassensystems oder ausufernden Skillsystems, das Eigenschaften bis in den Nachkommabereich feinjustiert, schalten Spieler hier Fähigkeiten direkt frei. Diese erweitern die Angriffs- und Bewegungsvariationen auf sinnvolle Weise. Erfahrungspunkte gibt es nicht automatisch durch Fortschritt, sondern durch Artefakte, die hinter Rätseln versteckt oder als Quest-Belohnung verpackt sind. Auch Waffen und Ausrüstung haben Einfluss auf die Fähigkeiten und Eigenschaften der Spielfigur. Im Vergleich zu vielen Konkurrenztiteln sind neue Exemplare aber eher selten und fühlen sich dadurch umso belohnender an.

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Diese schlichte, aber effektive Ausrichtung zahlt direkt auf den spielerisch größten Pluspunkt von „Crimson Desert“ ein: das Kampfsystem. Wer sich an die unkonventionelle Tastenbelegung gewöhnt hat, pflügt regelrecht durch Gegnerhorden. Das Trefferfeedback ist wuchtig, und perfekt getimte Konter und Angriffsketten fühlen sich enorm befriedigend an und legen sogar die Umgebung in Schutt und Asche. Doch auch hier gibt es Licht und Schatten. Das Schlachtfest wird von einem beeindruckenden Effektgewitter begleitet, das allerdings manchmal fast zu viele Funken und Blätter aufwirbelt. In Kombination mit teils wilden Kamerafahrten wird es bei Kämpfen gegen große Gegnergruppen schwierig, den Überblick zu behalten.

Leider übertragen sich die Vorteile des Kampfsystems auch nur selten in die Bosskämpfe. Zwar bemüht sich Pearl Abyss um viel Abwechslung, eine große Inszenierung und einen knackigen Schwierigkeitsgrad, erreicht die großen Vorbilder wie „Elden Ring“, „Black Myth: Wukong“, „Dragon’s Dogma 2“ oder „Shadow of the Colossus“ aber nur selten. Die Bosse sind viel zu oft nur schwer lesbar, ihre Attacken sind regelrecht unfair und nicht auf die Bewegung und Dynamik der eigenen Spielfigur zugeschnitten. Das belohnende Gefühl des Erfolgs nach einer großen Herausforderung wird meist durch viele kleine Frustmomente überschattet. Ebenfalls unglücklich ist, dass sich die meisten Bosskämpfe einfach überstehen lassen, wenn man sich vor dem Kampf nur mit genügend Lebensmitteln zur Gesundheitswiederherstellung eindeckt.

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„Crimson Desert“ hätte das Zeug zum Mega-Hit. Diese Open World zählt mit ihrer Detailfülle, Struktur und den vielen Geheimnissen zu den faszinierendsten Spielwelten der letzten Jahre. Wer sich die Zeit nimmt und genügend Geduld, Frustresistenz sowie Neugierde mitbringt, kann abseits der Hauptpfade sein ganz eigenes Abenteuer voller magischer Momente, brachialer Kämpfe, kniffliger Schatzsuchen und überwältigender Aussichtspunkte erleben.

Es gibt jedoch viele offene Baustellen auf der Negativseite, die den Spielspaß nachhaltig trüben: schlechtes Balancing, kleinteiliges Inventarmanagement, mangelnde Zugänglichkeit, überfrachtete Steuerung, lange Wege, unnötig komplizierte Rätsel, frustrierende Bosskämpfe, viele stumpfe Questreihen, blasse Charaktere und eine über weite Strecken wenig packende Handlung. Kleine Unzulänglichkeiten können die Entwickler nachträglich ausmerzen, erzählerische und strukturelle Probleme werden jedoch weiterhin an der Motivation vieler Spieler nagen.

Insgesamt bleibt daher der Eindruck, dass „Crimson Desert“ trotz des großen Hypes in seinem jetzigen Zustand kein Spiel für die breite Masse ist. Gelegenheitsspieler dürften schnell an ihre Grenzen stoßen, und auch erfahrene Open-World-Fans werden früher oder später frustriert auf Guides zurückgreifen, um manche unlogischen oder unfairen Stellen im Spiel zu überwinden.

„Crimson Desert“ erscheint am 19. März 2026 für Windows, Playstation 5 und Xbox Series X/S zum Preis von knapp 70 Euro. Die USK-Freigabe liegt bei 18 Jahren. Für diesen Artikel haben wir die PC-Version angespielt.

(joe)