Oracle ersetzt den Copiloten durch autonome Agenten-Teams

Oracle erweitert seine Fusion Cloud Applications um KI-Agenten. Sie sollen Geschäftsziele autonom erreichen, statt nur zu assistieren.

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Oracle-Logo an einem Haus

(Bild: Michael Vi/Shutterstock.com)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Harald Weiss
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Oracle erweitert seine Geschäftsanwendungen um KI-gestützte Funktionen einer neuen Generation. Konkret geplant sind Systeme, die nicht nur Antworten liefern oder einzelne Aufgaben erledigen, sondern mehrere spezialisierte Agenten koordinieren, um definierte Geschäftsziele autonom zu erreichen. Die neuen Funktionen sollen in den Oracle Fusion Cloud Applications für ERP, HCM, Supply Chain und Customer Experience (CX) zum Einsatz kommen. Die Anwendungen sollen dazu im transaktionalen Kernsystem laufen und auf Geschäftsdaten, Prozesse, Freigaben, Richtlinien sowie den Prozesskontext zugreifen.

Das Angebot soll sich laut Oracle von klassischen KI-Assistenten unterscheiden: Die Anwendungen sollen nicht nur Empfehlungen abgeben, sondern innerhalb festgelegter Regeln selbstständig Aktionen anstoßen und ausführen. Zum Start nennt Oracle 22 agentische Anwendungen für Workforce Operations, Beschaffung, Vertrieb und Finanzen. Die KI-Agenten sollen etwa den Personaleinsatz und die Gehaltsabrechnung optimieren, Lieferanten steuern, Cross-Selling-Potenziale aufdecken oder offene Forderungen eintreiben.

In einem Pressegespräch beschrieb Natalia Rachelson, Senior Vice President, Cloud Applications Development bei Oracle, den Ansatz: „Die neuen agentischen Anwendungen sind Teams von Agenten, in denen jeder Agent eine eigene spezielle Rolle hat.“ Anwender geben ein Geschäftsziel vor, die Agenten ermitteln den Weg dorthin. Beispiele seien das Senken von Außenständen, das Erkennen säumiger Kunden oder die Suche nach Zulieferern zu bestimmten Konditionen.

Die Anwendungen nutzen Reasoning – also die Fähigkeit von KI-Modellen, mehrstufige Schlussfolgerungen zu ziehen – und kontextbezogene Funktionen, um Aufgaben aufzuteilen, Zwischenschritte zu koordinieren und Ergebnisse an die Nutzer weiterzugeben. Zudem wolle Oracle offene Standards und externe Datenquellen unterstützen, sagte Rachelson. Dazu zählen die Interoperabilitätsprotokolle MCP (Model Context Protocol) und A2A (Agent2Agent, Protokoll für die Kommunikation zwischen KI-Agenten) sowie die Einbindung strukturierter und unstrukturierter Drittquellen. Als Beispiele nannte sie Wetterdaten für die Logistik oder LinkedIn-Daten für die Personalgewinnung.

Parallel erweitert Oracle sein AI Agent Studio. Neu sind unter anderem ein Agentic Applications Builder, Workflow-Orchestrierung, Content Intelligence (automatische Analyse unstrukturierter Inhalte wie Dokumente oder E-Mails), kontextbezogene Speicherfunktionen (die es Agenten ermöglichen, sich an frühere Interaktionen zu erinnern), multimodale LLM-Fähigkeiten, eine Prompt-Testumgebung (Prompt Playground) und ein Dashboard zur Auswertung der Agentenleistung. Unternehmen können damit bestehende Agenten anpassen oder eigene agentische Anwendungen bauen.

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Oracle beschreibt seine KI-Strategie als Wandel vom „System of Records“ zum „System of Outcomes“: Anwendungen sollen nicht nur Daten verwalten, sondern operative Ergebnisse herbeiführen. Ob das mit heutigen KI-Modellen zuverlässig funktioniert, bleibt offen – der produktive Einsatz von KI-Agenten wirft weiterhin Probleme auf, etwa bei der Governance. Oracle argumentiert: Die Anwendungen seien unternehmenstauglich, weil sie sämtliche Sicherheits- und Governance-Mechanismen der Fusion-Plattform übernähmen. Die Agenten „erben“ laut Rachelson rollenbasierte Zugriffskontrollen, Genehmigungshierarchien und Richtlinien des jeweiligen Nutzers. Zudem seien alle Schritte nachvollziehbar und auditierbar.

Offen bleibt die Preisgestaltung. Oracle skizziert ein nutzungsabhängiges Modell auf Basis sogenannter „Action Units“. Kunden sollen zunächst ein Freikontingent erhalten; bei höherer Nutzung fallen zusätzliche Gebühren an. Konkrete Preise nannte Oracle nicht.

Oracle positioniert seine Fusion-Suite als Plattform für operative KI-Funktionen jenseits klassischer Assistenz. Der zentrale Anspruch: mehrere spezialisierte Agenten direkt im Geschäftssystem auf definierte Ziele ansetzen. Wie tragfähig der Ansatz im Alltag ist, wird sich erst im produktiven Einsatz zeigen – ebenso die Frage, wie sich Oracle damit gegen SAP, Microsoft und Salesforce behauptet.

(fo)