Podcast They Talk Tech: „Frauen werden aus der Öffentlichkeit gedrängt“
Deepfakes und manipulierte Bilder treffen nicht nur Prominente. Ingrid Brodnig erklärt, dass sie zunehmend zur Einschüchterung von Frauen eingesetzt werden.
- Svea Eckert
- Eva Wolfangel
„Es war nicht die Frage, ob ein solcher Fall kommt, sondern wann“, sagt die Autorin Ingrid Brodnig im c’t-Podcast They Talk Tech über die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandez gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen. Dieser soll über viele Jahre hinweg Fakeprofile seiner Frau im Internet erstellt und darüber unter anderem Nacktfotos und Sexvideos an andere Männer verschickt haben, die Fernandez zeigen sollten. Derzeit prüft ein spanisches Gericht, ob das Verfahren gegen Ulmen dort oder in Deutschland eröffnet wird.
Und auch wenn bis zum Abschluss des Verfahrens die Unschuldsvermutung für Ulmen gilt, sorgt der Fall dafür, dass sogenannte Deepfakes, Deepnudes und Revenge Porn stärker öffentlich diskutiert werden – und vor allem die Frage, wie Frauen besser davor geschützt werden können.
(Bild: Gianmaria Gava)
Dabei sei das Phänomen an sich keineswegs neu, betont Brodnig. Ähnliche Formen digitaler Gewalt habe es schon lange gegeben. Doch durch neue technische Möglichkeiten sei es heute deutlich einfacher geworden, Bilder zu manipulieren oder falsche Inhalte zu erzeugen. „Niemand muss mehr Photoshop beherrschen, um Bilder von Frauen zu manipulieren“, sagt sie.
Fachleute hätten daher schon seit Jahren davor gewarnt, dass sich solche Fälle häufen würden. Und sie betreffen längst nicht nur Prominente. „Es kann jede treffen“, sagt Brodnig. „Jede Frau muss befürchten, dass ihr Foto genutzt wird, um sie zu erniedrigen.“ Häufig würden solche Manipulationen auch gezielt eingesetzt, um Frauen aus dem Netz zu vertreiben oder mundtot zu machen.
Mit digitaler Gewalt gegen Frauen beschäftigt sich Brodnig auch in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Feinbild Frau“. Darin untersucht sie unter anderem Fälle von Politikerinnen und klassifiziert verschiedene Formen digitaler Angriffe. Bildbasierte digitale Gewalt sei dabei nur eine von mehreren Strategien, mit denen Frauen herabgewürdigt werden, wenn sie sich öffentlich engagieren.
Dabei beobachtet sie einen beunruhigenden Trend: „Frauen ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück.“ Brodnig berichtet im Podcast etwa von einer Politikerin, die eine Rede absagte, weil sie befürchtete, dass Bilder daraus manipuliert oder Zitate aus dem Zusammenhang gerissen werden könnten, um sie zu erniedrigen. „Wir machen gesellschaftliche Rückschritte“, warnt die Autorin, „Frauen werden aus der Öffentlichkeit gedrängt.“
Solche Angriffe seien häufig nicht nur persönlich motiviert, sondern auch politisch. Bildmanipulationen oder sexualisierte Diffamierungen würden etwa gezielt eingesetzt, um Aktivistinnen oder Demonstrantinnen zu diskreditieren. Schon in früheren Fällen seien etwa Teilnehmerinnen von Protesten gegen Donald Trump in manipulierten Bildern sexualisiert oder entkleidet dargestellt worden.
Dass die öffentliche Debatte über digitale Gewalt oft erst spät beginne, hält Brodnig für ein strukturelles Problem. „Wir als Gesellschaft führen solche Debatten zu spät“, sagt sie. Häufig werde erst reagiert, wenn Fälle so drastisch seien, dass man nicht mehr wegschauen könne.
Dabei zeige sich auch, welche Formen von Gewalt gesellschaftlich ernst genommen würden. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen werde oft verdrängt, weil sie unangenehme Fragen nach Machtstrukturen, patriarchalen Mustern und gesellschaftlicher Verantwortung aufwerfe. „Die Empörung ist oft kurz. Aber jetzt braucht es langen Atem.“
Dazu gehörten nicht nur neue Gesetze, sondern auch Ressourcen, um sie tatsächlich umzusetzen und ihre Wirkung zu evaluieren. Zwar sei die Justiz vielerorts überlastet, „aber es kann nicht sein, dass die Betroffenen das ausbaden.“
Gleichzeitig brauche es gesellschaftliche Unterstützung für Frauen, die solche Erfahrungen öffentlich machen. Wer täglich digitale Hasskommentare lese, dessen Wahrnehmung der Welt verändere sich, sagt Brodnig. Betroffene fühlten sich schnell isoliert. „Man geht zum Bäcker und fragt sich plötzlich: Ist das vielleicht auch so einer?“
Deshalb sei es wichtig, Betroffenen deutlich zu machen, dass sie nicht allein sind – und solche Angriffe nicht normal sind. „Unsere Gesellschaft verhandelt jeden Tag neu, was als normal gilt“, sagt Brodnig. Gerade drastische Fälle wie die Vorwürfe von Fernandez gegen Ulmen könnten helfen, klare rote Linien zu ziehen.
Zugleich warnt sie davor, aus einzelnen Fällen ein allgemeines Bild zu formen. Der sogenannte „Negativity Bias“ – also die menschliche Tendenz, negative Ereignisse stärker wahrzunehmen – könne leicht dazu führen, dass man überall entsprechend schlimme Vorgänge und Haltungen vermute. „Sexismus ist der Normalfall in unserer Gesellschaft“, sagt Brodnig. „Aber das bedeutet nicht, dass solche extremen Formen von Gewalt der Normalfall in Beziehungen sind.“
Ein positives Zeichen sieht sie darin, dass immer mehr Frauen sich wehren und öffentlich machen, was ihnen geschehen ist. Wenn Betroffene öffentlich sagen: „Ich lasse mich nicht beschämen“, könne das ein wichtiges Signal sein und anderen Mut machen.
„They Talk Tech“ erscheint jeden Mittwoch überall, wo es Podcasts gibt. Svea Eckert und Eva Wolfangel diskutieren ein Tech-Thema oder treffen inspirierende Frauen aus und rund um die Tech-Welt.
(mond)