Zahlen, bitte! Artemis 2: 406.771 Kilometer abseits der Erde am Mond vorbei
Artemis 2 stellt einen Rekord von Apollo 13 ein: So weit entfernt von der Erde waren noch keine Menschen zuvor. Entscheidend dafür ist europäische Technik.
Am 6. April 2026 entfernte sich das Orion MPCV (Multi-Purpose Crew Vehicle) der Artemis-2-Mission so weit von der Erde wie kein bemanntes Raumfahrzeug zuvor. Mit der maximalen Entfernung von etwa 406.771 Kilometern ĂĽbertraf die Crew den alten Rekord, den die Mannschaft von Apollo 13 fast auf den Tag genau vor 56 Jahren zuvor nicht ganz freiwillig aufgestellt hatte.
Möglich macht den erneuten Mondflug die Kooperation der NASA mit der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA: Das European Service Module (ESM) ist dabei entscheidender Bestandteil des Orion-Raumschiffs. Es übernimmt den Hauptantrieb auf dem Weg zum Mond und zurück und sichert die Lebenserhaltung des Crewmoduls (CM). Laut ESA ist es das erste Mal, dass die NASA die Entwicklung von Schlüsseltechnologien ihrer Raumfahrtmissionen an einen internationalen Partner in Auftrag gibt.
Ursprung in einem automatischen Transportsystem
Den Ursprung für das ESM lieferte das Automated Transfer Vehicle (ATV). Der unbemannte ESA-Raumfahrttransporter flog insgesamt fünfmal zwischen 2008 und 2014 die Internationale Raumstation ISS unter klingenden Namen (Verne, Kepler, Amaldi, Einstein, Lemaître) an und versorgte die Besatzungen mit Lebensmittel und Material.
Durch die ATV-FlĂĽge leistete die ESA einen Anteil zum gemeinsamen Betrieb der Raumstation. Als die FlĂĽge wegfielen, da die unbemannten US-Transporter Cygnus und Dragon Startreife erreichten und die VersorgungsflĂĽge ĂĽbernahmen, einigten sich NASA und ESA im Jahr 2012 darauf, gemeinsam ein Mondraumschiff zu entwickeln.
Neben der Trägerrakete mit dem Namen Space Launch System (SLS), die teilweise Raketentechnik der Space-Shuttle-Missionen übernahm, war ein Mondraumschiff in Entwicklung [engl, PDF].
(Bild:Â NASA)
Herauskam ein System, das dem Apollo-Raumschiff konzeptionell ähnelt: Es besteht aus einem Spacecraft-Adapter als Verbindung zur SLS-Rakete, dem Service-Modul als Versorgungs- und Flugsystem und dem Crew-Modul als Lebens- und Arbeitsbereich für die Besatzung. Zudem befindet sich an der Raketenspitze das Launch-Abort-System, das die Kapsel bei einem schweren Unfall während des Starts automatisiert aus dem Gefahrenbereich zieht. Die NASA beschreibt, dass das Rettungssystem im Ernstfall innerhalb von 2 Sekunden die Kapsel auf 500 mph (etwa 804,672 km/h) beschleunigt.
Viel größere Raumkapsel
Die Weiterentwicklung bemerkt man zudem an der Kapsel selbst: Das von Lockheed Martin entwickelte Crew-Modul ist etwa 60 Prozent größer als die Apollo-Kapsel. Das macht sie jetzt nicht zum Raumwunder – die Astronautinnen und Astronauten sollten Zeltatmosphäre mögen – sie bietet aber viel mehr Möglichkeiten als die Kapsel zu Zeiten der ersten Mondlandungen. Vier Personen können damit zum Mond oder in die Ferne, für Missionen in der Erdumlaufbahn können sogar bis zu sechs Personen mitfliegen. Zudem gibt die NASA an, dass Astronautinnen und Astronauten mit der Körpergröße zwischen 1,47 bis zu 1,96 Metern das Raumschiff besteigen könnten – zumindest, was die Größe betrifft, kämen somit 99 Prozent der Weltbevölkerung als Besatzungsmitglieder infrage. Außerdem enthält sie endlich auch ein Klo – wenn es denn funktioniert.
Dabei ist eine Besatzung nicht zwingend erforderlich: Dank der leistungsfähigen Automatiksteuerung des ESM, könnte ein Orion-Raumschiff bis zu sechs Monate ohne Besatzung den Mond umkreisen. In diesem System werden vom Bordcomputer insgesamt 33 Triebwerke gesteuert und dabei fließen die Daten von über 100 Temperatur- und Drucksensoren ein.
Wiederaufbereitetes Space-Shuttle-Triebwerk im ESM
Im ESM kommt ein von der NASA zur Verfügung gestelltes ehemaliges Space-Shuttle-Triebwerk zum Einsatz: Allein das Triebwerk von Artemis 1 war zuvor insgesamt 19 x im All. Orion führt insgesamt zwei unabhängige Bordcomputer mit, die ihrerseits doppelt modular aufgeteilt sind, sodass es insgesamt vier Systeme gibt, die im Notfall die Systembetreuung tauschen können. Laut NASA bieten sie im Vergleich zum Apollo Guidance Computer (AGC), der sechs Besatzungen mit der Technik der 1960er Jahre sicher zum Mond und zurückbrachte, sind die beiden Computersysteme jeweils rund 20.000 Mal schneller und haben 128.000-mal mehr Speicher.
Noch etwas nutzloses „Zahlen, bitte!“-Partywissen: Die NASA zählt für das Raumschiff Orion insgesamt 355.056 Einzelteile. Sie teilen sich auf in 41.858 Teile des Startabbruchsystems, 209.544 Teile des Besatzungsmoduls, 103.023 Teile des Servicemoduls sowie 631 Integrationsteile. Insgesamt kommt das Raumschiff laut NASA auf 77.150 verschiedene Teilearten.
Die derzeit noch laufende Artemis-2-Mission ist in erster Linie eine Vorbereitungsmission für die weiteren Mondmissionen. Zum einen will man mit Besatzung die Leistungsfähigkeit der Systeme prüfen und was gegebenenfalls noch verbessert werden könnte. Bisher verfolgten sie ganz irdische Probleme: Etwa streikte die Toilette für einen kurzen Zeitraum, genauso wie Outlook.
Videos by heise
Neue Perspektiven auf den Mond
Zum Anderen gilt die Aufmerksamkeit der weiteren Erforschung des Mondes. Mit Ausnahme von Apollo 13 sind frühere Apollo-Missionen in der Regel viel näher um den Mond gekreist, sodass ein großer Teil des Mondes – auch wegen des Sonnenstands – bisher nicht fotografiert wurde. Apollo 13 flog zwar mit 400.171 Kilometern im Bezug zur Erde nur unwesentlich näher dem Mond gegenüber – Die Besatzung wiederum hatte mit der eigenen Rettung genug um die Ohren, sodass sie nicht auf die Idee kamen, den Umlauf für Forschungsarbeiten zu nutzen.
Artemis 2 untersuchte beim Vorbeiflug systematisch interessante Regionen, die für Mondlandungen infrage kommen können. Durch Fotos, Beobachtungen und Erhebungen weiterer Daten soll der Grundstein für eine Mondlandung gelegt werden – dann vielleicht sogar mit einem deutschen Astronauten an Bord.
(mawi)