Europa, schau auf Frankreich!

Frankreich will raus aus der Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen. Der Plan ist ambitioniert, konkret – und überfällig. Ein Kommentar.

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Frankreichs Flagge

(Bild: Tatoh / Shutterstock.com)

Lesezeit: 7 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Frankreich macht bei der digitalen Souveränität gerade das, woran Deutschland und weite Teile Europas seit Jahren scheitern: Es handelt. Nicht irgendwann, nicht in Modellprojekten und nicht nur in Sonntagsreden. Sondern jetzt, systematisch und mit einem Tempo, das in der europäischen Digitalpolitik fast schon revolutionär wirkt.

Ein Kommentar von Moritz Förster
Ein Kommentar von Moritz Förster

Moritz Förster schreibt seit 2012 für die iX und heise online. Er betreut neben dem iX-Channel den Bereich Arbeitsplatz.

Die Ankündigungen aus Paris sind eben kein weiteres Papier, das das Problem der Abhängigkeit noch einmal fein säuberlich beschreibt. Davon gibt es in Europa mehr als genug. Frankreich zieht aus der Diagnose Konsequenzen. Alle Ministerien und ihre nachgeordneten Behörden müssen bis Herbst 2026 konkrete Roadmaps vorlegen, wie sie Abhängigkeiten abbauen wollen. Und zwar quer durch den Stack: Arbeitsplatzsysteme, Kollaborationswerkzeuge, Antivirensoftware, KI-Systeme, Datenbanken, Virtualisierung und Netzwerktechnik. Das ist der entscheidende Punkt. Souveränität wird nicht länger beschworen, sondern in Arbeitspakete, Zuständigkeiten und Fristen übersetzt.

Genau darin liegt die Stärke des französischen Ansatzes. Paris behandelt digitale Souveränität nicht als Symbolpolitik, sondern als Infrastrukturpolitik. Es geht nicht darum, irgendwo ein europäisches Logo auf ein bestehendes Problem zu kleben. Es geht darum, die technologische Basis des Staates so umzubauen, dass Abhängigkeiten kleiner und Wechsel überhaupt ermöglicht werden. Das klingt weniger glamourös als das nächste Strategiepapier. Es ist aber sehr viel relevanter.

Der angekündigte Wechsel von Windows zu Linux bei der Digitalbehörde DINUM ist dafür ein gutes Beispiel. Man kann darüber streiten, wie schnell und wie reibungslos so eine Migration gelingt. Aber die politische Botschaft ist glasklar: Der Staat beginnt bei den eigenen Arbeitsplätzen. Er fordert also nicht nur von anderen digitale Souveränität, sondern setzt als erstes bei den eigenen Strukturen an. Genau so entsteht Glaubwürdigkeit.

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Noch wichtiger ist, dass Frankreich nicht beim Betriebssystem stehen bleibt. Parallel migrieren Behörden auf staatlich betriebene Werkzeuge für Kommunikation und Zusammenarbeit. Die Krankenversicherung Caisse nationale d'Assurance maladie will ihre rund 80.000 Beschäftigten auf Tchap, Visio und France Transfert umstellen. Das ist keine nette Fingerübung für ein paar IT-affine Referate, sondern Skalierung. Wenn ein Staat solche Größenordnungen bewegt, verändert er Märkte, Betriebsrealitäten und Erwartungen. Dann entstehen Fakten statt Folien.

Besonders aufschlussreich ist auch der Blick auf die Gesundheitsdatenplattform. Die Regierung hatte bereits angekündigt, sie bis Ende 2026 auf eine „vertrauenswürdige“, also europäisch betriebene Lösung zu migrieren. Gerade hier zeigt sich, warum digitale Souveränität mehr ist als industriepolitische Romantik. Wer bei sensiblen Gesundheitsdaten dauerhaft von externen Plattformen abhängt, schafft nicht nur technische, sondern auch politische Verwundbarkeiten. Frankreich behandelt diese Verwundbarkeit als strategisches Problem. Das ist nüchtern betrachtet einfach vernünftig.

Hinzu kommt: Paris denkt das Thema nicht als Austausch eines Anbieters gegen den nächsten. Genau darin unterscheiden sich ernst gemeinte Souveränitätsstrategien von bloßer Ersatzbeschaffung. Frankreich setzt auf offen entwickelte Software, die „communs numériques“, und auf Interoperabilitätsstandards wie Open-Interop und OpenBuro. Das mag sperrig klingen, ist aber der eigentliche Kern der Sache. Denn souverän ist nicht, wer schlicht einen europäischen Monopolisten an die Stelle eines amerikanischen setzt. Souverän ist, wer bei beliebigen Komponenten wechseln kann, ohne jedes Mal das ganze Haus neu zu bauen.

Interoperabilität ist damit keine technische Nebensache für Architektenrunden, sondern ein Machtinstrument. Wenn Schnittstellen offen sind und Systeme austauschbar bleiben, sinkt der Preis eines Wechsels. Und erst dann bekommt ein Staat überhaupt wieder echte Entscheidungsfreiheit. Frankreich scheint das verstanden zu haben. Es versucht nicht nur, bestehende Lock-ins zu reduzieren, sondern will im selben Schritt verhindern, dass die nächsten gleich wieder entstehen.

Richtig ist auch, dass Paris den Staat nicht als hilflosen Kunden begreift, sondern als Marktgestalter. Die staatliche Beschaffungsbehörde DAE soll bestehende Abhängigkeiten kartieren. Die Wirtschaftsbehörde DGE soll definieren, welches europäische digitale Angebot verfügbar ist oder aufgebaut werden muss. Für Juni sind zudem erste „rencontres industrielles du numérique“ angekündigt, also Branchentreffen, auf denen öffentlich-private Partnerschaften konkret werden sollen. Dahinter steckt eine simple Einsicht, die in Europa erstaunlich oft vergessen wird: Ein souveräner Markt entsteht nicht von allein, wenn der Staat weiter einkauft wie bisher und nur auf das Wunder eines sich plötzlich materialisierenden europäischen Ökosystems hofft.

Frankreich dreht diese Logik um. Erst schafft der Staat verlässliche Nachfrage. Dann organisiert er Angebot, Kooperation und Standards. Das ist kein Protektionismus aus Reflex, sondern konkrete Politik für die Digitalindustrie. Und es ist überfällig. Denn die europäische Debatte litt lange unter einem seltsamen Widerspruch: Alle beklagten die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern, aber kaum jemand wagte, die Instrumente zu nutzen, mit denen sich Märkte tatsächlich verschieben lassen.

Dazu passt, dass die französische Initiative mehrere Ebenen zusammenführt. Ministerien, Behörden und Privatunternehmen sollen in thematischen Koalitionen zusammenarbeiten. Das ist wichtig, weil digitale Souveränität nicht in Ressortgrenzen funktioniert. Wer nur die Verwaltung modernisiert, aber keine industriellen Partner einbindet, baut bestenfalls Insellösungen. Wer nur europäische Anbieter fördern will, aber keine Standards und keine Nachfrage schafft, produziert vor allem Pressemitteilungen. Frankreich versucht immerhin, beides zusammenzudenken.

Man kann an all dem vieles kritisch begleiten. Linux-Migrationen sind erfahrungsgemäß kein Selbstläufer. Eigene Kollaborationstools müssen für reguläre Anwender benutzbar und nicht nur souverän sein. Roadmaps sind noch keine Resultate. Und natürlich wird es Rückschläge geben. Große IT-Umstellungen ohne Reibung hat noch niemand erfunden. Aber das ist kein Gegenargument, sondern schlicht der Normalfall. Entscheidend ist, dass Frankreich die Mühen der praktischen Umsetzung nicht länger als Ausrede benutzt.

Vor allem setzt Paris beim Timing richtig an. Denn die alten Abhängigkeiten bestehen ja nicht nur bei Betriebssystemen, Office-Paketen oder Cloud-Diensten. Die nächsten Lock-ins entstehen längst bei KI-Systemen, übergreifenden Datenplattformen und am Ende allen digitalen Infrastrukturen. Wer erst handelt, wenn sich auch diese Schichten vollständig verfestigt haben, darf später wieder lange Strategiepapiere über verlorene Souveränität schreiben. Frankreich versucht, vorher abzubiegen. Auch das ist ein Zeichen von Realitätssinn.

Am Ende ist der französische Kurs deshalb vor allem eines: verantwortungsbewusst. Er verbindet politische Zielsetzung mit technischen Standards, Beschaffung mit Industriepolitik und Symbolik mit Umsetzung. Frankreich behauptet nicht bloß, digitale Souveränität wichtig zu finden. Es organisiert sie. Mit Fristen. Mit Zuständigkeiten. Mit konkreten Migrationen. Und mit ehrlichem Blick auf die eigenen Abhängigkeiten.

Genau so sieht der dringend nötige Schwung aus. Nicht perfekt, nicht risikofrei, aber endlich ernsthaft. Und genau deshalb setzt Frankreich digitale Souveränität im Moment ziemlich richtig um.

(fo)