Zahlen, bitte! Die faszinierende Mathematik des höchsten Kirchturms der Welt

Die Sagrada Família beeindruckt nicht nur mit dem weltgrößten Kirchturm: Die Mathematik des ungewöhnlichen Jahrhundertbaus fasziniert auch Nicht-Geistliche.

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Von
  • Detlef Borchers
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Im Februar 2026 wurde der Christusturm der Basilika der Heiligen Familie in Barcelona mit der Montage des Glaskreuzes vollendet. Zum 100. Todestag seines Architekten Antoni Gaudí soll der Turm am 10. Juni 2026 von Papst Leo XIV. eingeweiht werden. Der weltweit höchste Kirchturm, der nach Gaudís Vorgaben den Hausberg Montjuïc nicht überragen durfte, steckt wie die gesamte Basilika Sagrada Família voller mathematischer Bezüge.

Zahlen, bitte!
Bitte Zahlen

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblĂĽffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natĂĽrlich der Mathematik vor.

Der Christusturm übertrifft mit 172,5 Metern das Ulmer Münster als bisher höchsten Kirchturm um mehr als 10 Meter. Sein Abschluss bildet ein gläsernes Kreuz in der für Gaudí typischen Doppeldreh-Geometrie, bei der sich die achteckigen Arme zu einem quadratischen Endstück verdrehen.

Blick auf die Sagrada Família vom Placa de Gaudi aus im Jahr 2017. Baukräne wurden vom Ersteller digital entfernt.

(Bild: c messier, CC BY-SA 4.0)

Das 17 Meter hohe und 13,5 Meter breite Kreuz wiegt knapp 100 Tonnen und wurde von einem Metallbau-Unternehmen in der Nähe von Ulm gefertigt. Nach der Einweihung des Turmes soll das Kreuz per Fahrstuhl für zahlende Besucher den Blick über Barcelona in vier Himmelsrichtungen bieten. Schon jetzt ist die Sagrada Família mehr Touristenmagnet denn Sakralbau und das am meisten besuchte Monument Spaniens, noch vor dem Prado und der Alhambra.

Mit dem letzten Teilstück des Christusturms ist die 144-jährige Baugeschichte der Basilika nicht abgeschlossen. Die Verzierung der Kirche mit den von Gaudí vorgegebenen Trencadís-Mosaiken dürfte noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Dabei gibt es keine exakten Pläne mehr: im spanischen Bürgerkrieg wurde Gaudís Büro in der Kirche in Brand gesetzt und viele Baupläne vernichtet. Seine Schüler konnten jedoch die meisten unter Gaudí angefertigten, teilweise 5 Meter hohen Gipsmodelle retten und nach ihnen wiederum Pläne ausarbeiten. Erleichtert wurde die Rekonstruktionsarbeit dadurch, dass Gaudí, inspiriert durch die Geometrie des Mathematikers Charles François Antoine Leroy mit Regelflächen arbeitete, wie etwa das konoide Dach der zur Sagrada Família gehörenden Schule zeigt.

Daneben gaben die von Gaudí vorgegebenen immer gleichen Proportionen den nachfolgenden Architekten eine Art Bauplan zur Hand: Ein Ganzes, zwei Drittel und die Hälfte bilden das Konstruktionsprinzip, verdeutlicht an den Kirchenschiffen 90 zur 60 zu 45. Die 90 Meter lange Basilika wird allein im Innern durch Säulen getragen, die im Abstand von 7,5 Meter stehe. Die mächtigsten Säulen haben in der Vierung im Hauptschiff zwölf Seiten und einen Durchmesser von 2,10 Metern, im Mittelschiff zehn Seiten und 1,40 Meter Durchmesser und in den Seitenschiffen.

Besichtigung der kirchlichen Baustelle durch den Präsident der Mancomunitat de Catalunya, Enric Prat de la Riba (links) und Bischof Enrique Reig y Casanova und Antoni Gaudí, etwa im Jahr 1914.

(Bild: gemeinfrei)

Für den so entstehenden der Säulenwald mit seinen schräg stehenden Säulen und hyperbolischen Gewölben entwickelte Gaudí die notwendigen statischen Berechnungen über Experimente mithilfe von Kettenlinien, die er fotografierte und kolorierte. Lange vor der Erfindung des Computers und der nötigen Software arbeitete er gewissermaßen mit 3D-Strukturen.

Die ersten 3D-Modelle der Sagrada Família wurden Anfang der Achtzigerjahre vom neuseeländischen Architekten Mark Burry mithilfe einer Software für den Karosseriebau angefertigt. Sie wurden als „Gaudi-Code“ bekannt. Jordi Bonet, von 1985 bis 2012 Chefarchitekt der Sagrada Família, konnte schließlich die regelmäßige Folge der Polygone vom Kreis über das Sechzehneck, Achteck, Quadrat, Rhomboid und Rechteck und wieder zurück bis zum Kreis aufzeigen, die Gaudí bei seinen Steinsäulen verfolgte.

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Neben Gaudís Mathematik sei auf ein pseudo-magisches Quadrat hingewiesen, das der Bildhauer Josep Maria Subirachs in der von ihm gestalteten Passionsfassade der Kirche in Anlehnung an Albrecht Dürers Kupferstichs Melancholie anbrachte. Die Summe der von Subirachs gemeißelten Zahlen ergibt immer 33 (und da immer einen weniger als Dürers Original) und weist dabei auf das irdische Leben von Christus hin. Das ist möglich, weil die Zahlen 12 und 16 fehlen, während 10 und 14 doppelt vorhanden sind.

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Seit jeher polarisiert Gaudís Basilika. Sein Landsmann Salvador Dalí lobte das Bauwerk, das George Orwell abstoßend und hässlich fand. In den Sechzigerjahren forderte eine Gruppe von Architekten einen Baustopp, unter ihnen Le Corbusier (der Gaudí bewunderte) und Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Inzwischen gehört die Sagrada Família zum UNESCO-Weltkulturerbe und sorgt nun mit dem Christusturm und seiner Einweihung dafür, dass Barcelona sich 2026 Welthauptstadt der Architektur nennen darf. Glaubt man der Gerüchteküche, soll Lego im Juli ein „Sagrada Família Architecture“ Set mit 12060 Teilen auf den Markt bringen.

Das Kirchengebäude wird seit 1882 gebaut und soll Mitte der 2030er Jahre fertig werden. Für irdische Verhältnisse eine gigantische Zeitspanne, für Kirchen und Gotteshäuser nicht unbedingt. Kölnerinnen und Kölner etwa können bei 150 Jahren Bauzeit nur müde lächeln: Auf die Fertigstellung des Kölner Doms mussten sie 632 Jahre warten — aber das ist eine andere Geschichte.

(mawi)