BMI „ganz grobes Maß“: Algorithmen sagen besser voraus, wer sehr krank wird
Fachkräftemangel und Co. gefährden laut Internistenkongress die Versorgungsqualität. KI soll es richten, doch der Mensch muss stets im Mittelpunkt stehen.
(Bild: PopTika/Shutterstock.com)
Anlässlich des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin sprachen Mediziner über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, der weit über die reine Mustererkennung hinausgeht. KI-Agenten sollen Ärzte und Pflegepersonal aktiv bei Routineaufgaben entlasten und so dem Fachkräftemangel und der zunehmenden Bürokratisierung entgegenwirken. Gleichzeitig ermöglicht moderne Technologie eine differenziertere Diagnostik, betonten die Experten.
Künstliche Intelligenz im Klinikalltag entwickle sich von einem beratenden zu einem aktiv handelnden System. „Wir gehen den Schritt von ‘nicht nur Rat, sondern auch Tat’“, erklärte Prof. Jens Kleesiek, Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin am Universitätsklinikum Essen, auf einer Pressekonferenz zum Kongress.
Angesichts von Fachkräftemangel und administrativer Überlastung sei der Einsatz solcher Technologien unumgänglich: „Wir können die Versorgungsqualität, die Versorgungssicherheit nicht mehr garantieren, wenn wir nicht weitere Werkzeuge einsetzen.“
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Als konkretes Beispiel nannte Kleesiek die „agentische KI“, die autonom komplexe Prozesse wie eine Patientenentlassung koordiniert oder das Personal warnt, wenn eine Allergie nicht korrekt in der Akte vermerkt wurde. Es gäbe sehr viele Beispiele, in denen die KI gut sei, beispielsweise beim „Ambient Listening“ im Arzt- und Patientengespräch, bei der Mustererkennung und der Erkennung von Darmpolypen, die erfahrenen Ärzten jedoch kaum hilft.
Gleichzeitig mahnte er, dass man bei all der technologischen Unterstützung „den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten sollte“. Die Gefahr sei, blind auf die Technik zu vertrauen, ähnlich wie bei einem Navigationssystem, dem Fahrer folgen und „irgendwo in den Fluss oder in ein Feld rein“ fahren. Das Leitmotiv müsse daher klar sein, so Kleesiek: „Wir behandeln Patienten und nicht Daten.“
Neubewertung durch Daten: Der BMI auf dem Prüfstand
Die fortschreitende Digitalisierung führt auch zu einer Neubewertung etablierter medizinischer Parameter. Die Komplexität der Stoffwechselforschung reicht dabei weit in die Evolutionsgeschichte zurück, wie Prof. Michael Stumvoll vom Universitätsklinikum Leipzig ausführte. Stumvoll erinnerte daran, dass Fettgewebe eine entscheidende Entwicklung gewesen ist, um Hungerperioden zu überstehen und das energieintensive menschliche Gehirn zu versorgen. „Kein anderes Tier kann sich leisten, ein Viertel des Grundumsatzes [...] in das Gehirn“ zu stecken, so Stumvoll. Dieser evolutionäre Vorteil werde in der heutigen Zeit des Überflusses zur Herausforderung.
Besonders den Body-Mass-Index (BMI) bezeichnete er als „ganz grobes Maß“, das „der Biologie der individuellen Fettverteilung, dann Beschaffenheit des Fetts überhaupt nicht gerecht“ werde. Um dies zu verdeutlichen, zog er den Vergleich zu Arnold Schwarzenegger, der zu seinen besten Zeiten als Bodybuilder „auch ein BMI von 30 gehabt“ habe, dies aber auf Muskelmasse zurückzuführen sei. Mit komplexen Algorithmen könne man heute Muster "echt jenseits von BMI" erkennen. Der Nutzen sei enorm: „Da wissen wir genau, die wird krank und zwar dann und bald und zwar blöd krank.“
Für die Kongresspräsidentin Prof. Dagmar Führer-Sakel ist klar, dass „alte Konzepte nicht mehr reichen“. Der digitale Wandel sei eine Chance, den Fokus von einer „Reparaturmedizin“ hin zur Prävention zu verschieben. Ziel sei eine Medizin, die „partizipativ, [...] individuell und ganz klar vernetzt“ gestaltet wird und in der die wachsende Datenflut als Ressource für eine präzisere und personalisierte Behandlung dient.
(mack)