Gesundheitsdigitalisierung: Florian Fuhrmann ĂĽber die neue Rolle der Gematik

In ihrer weiterentwickelten Rolle will die Gematik die Digitalisierung besser orchestrieren und machte deutlich, dass sich die Rollen im System verschieben.

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Florian Fuhrmann auf der DMEA

Gematik-Geschäftsführer Florian Fuhrmann auf der DMEA.

(Bild: heise medien)

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Florian Fuhrmann, einer von drei Geschäftsführern der Gematik, sprach über die künftige Versorgungssteuerung und verdeutlichte, dass sich die Rollen im System verschieben. Patientinnen und Patienten träten „sehr viel selbstbewusster“ auf, das „Patient Empowerment rückt an die gleiche Stelle“ wie traditionelle Autoritäten im System. Versorgungssteuerung sei dabei mehr als reine Patientenlenkung, sie sei auch Ressourcensteuerung. Die Politik liefere „Leitplanken“, die Selbstverwaltung kenne den „Maschinenraum der Versorgung“, und die Digitalisierung bringe Daten und Mustererkennung ein.

„Stellen Sie sich ein Orchester vor und alle spielen gleichzeitig etwas anderes“, zog Fuhrmann zur Beschreibung der Lage im Gesundheitswesen eine Analogie aus der Musik. Genau so klinge derzeit die Versorgung. „Aber wir haben verlernt, gemeinsam zu spielen. Wir haben verlernt, aufeinander zu hören. Und wir haben verlernt, nach der gleichen Partitur zu spielen.“ Das führe zu „Ineffizienzen an vielen, vielen Stellen“ – der Druck im System sei hoch, so könne es nicht weitergehen.

Eine Steuerung allein durch Politik, Selbstverwaltung oder Digitalisierung greife zu kurz. Die Politik agiere übergreifend, die Selbstverwaltung sei nah an der Versorgung, aber von unterschiedlichen Interessen geprägt, „das wäre wie ein Orchester, in dem jede Instrumentengruppe ein Vetorecht hätte“.

Die Gematik verstehe sich dabei nicht als steuernde Instanz, sondern als Infrastruktur im Hintergrund: „Die Bühnentechnik“, die dafür sorgen müsse, „dass Licht, Ton und Zusammenspiel funktionieren“. Ziel sei es, die technischen Voraussetzungen für ein funktionierendes Gesamtsystem zu schaffen. Daten lägen weiterhin in Silos, Prozesse seien ineffizient, Innovationen kämen zu selten in der Versorgung an. Es benötige daher einen „Dreiklang aus politischen Leitfakten, aus selbstverwalteter Praxisnähe und aus digitaler Intelligenz“.

Philipp Müller, Leiter der Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium (BMG), konkretisierte die Digitalstrategie mit ambitionierten Zielmarken, wie vom BMG üblich: mindestens 20 Millionen aktive ePA-Nutzer, 300 Forschungsvorhaben bis 2030 und ein breiter KI-Einsatz. Demnach sollen „70 Prozent der Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sollen KI-gestützt dokumentieren“.

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Zugleich betonte Müller wiederholt, wie wichtig das Thema Cybersicherheit sei. Das Gesundheitswesen sei „der am stärksten angegriffene Sektor“, entsprechend sollen Förderprogramme folgen. Der Entwurf für das bereits geleakte neue Digitalisierungs- und Datennutzungsgesetz solle „in den nächsten Wochen und Monaten“ diskutiert werden. „Das ist auf dem Papier eine Vision, sie wird aber schon konkret Realität“, so Müller.

In der Diskussion verwies Martin Krasney vom GKV-Spitzenverband auf den § 25b SGB V, der schon in seiner ersten Fassung ein „absoluter Fortschritt“ sei. Er ermöglicht es den Krankenkassen erstmals, Abrechnungsdaten zu nutzen und Versicherte bei schwerwiegenden und seltenen Erkrankungen proaktiv zu informieren, was Verbraucherschützer kritisch sehen. Der Paragraf geht laut Krasney „absolut in die richtige Richtung“ und sei „ein absoluter Fortschritt“, damit die Versicherungen sich als „Gestalter,f als Versorger“ um ihre Kunden kümmern können.

Die Umsetzung sei „noch sehr mit einem gewissen Aufwand verbunden gewesen“, auch weil die Regelung bewusst vorsichtig ausgestaltet wurde. Zudem sei der Anwendungsbereich begrenzt: „Die Beschränkung auf die Krankheitsbilder“ könne perspektivisch erweitert werden. Denkbar sei, Daten stärker für die „Erkennung von Krankheitsrisiken“ insgesamt zu nutzen – also nicht nur für definierte Indikationen. Er kritisierte jedoch die Geschwindigkeit der Datenverfügbarkeit: „Wir kriegen sie teilweise mit viel, viel zu großem Verzug.“ Idealerweise würden die Daten „tagesaktuell“ vorliegen.

Ebenfalls sehr deutlich wurde Philipp Stachwitz, Leiter der Stabsstelle Digitalisierung bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Zwar sei die elektronische Medikationsliste „eine Art Game Changer, es ist wirklich toll, dass wir sie haben“. Doch das Thema fliege Stachwitz zufolge bisher nicht so, wie es fliegen könnte. Es fehle oft an belastbarer Evidenz, und Hinweise an Patienten ohne Einbindung der Ärzteschaft sieht er skeptisch.

Besonders kritisch sieht Stachwitz die direkte Ansprache von Patienten durch Krankenkassen ohne Einbindung der Ärzteschaft: Hinweise sollten nicht erfolgen, „ohne dass die Ärzte mit einbezogen sind“. Positiv bewertete er, dass solche Informationen künftig zumindest in der ePA sichtbar werden sollen.

Zudem bemängelte er, dass „99,5 Prozent der Inhalte der über 100 Millionen Dokumente, die wir in der ePA finden [...] aus den Arztpraxen“ kommen und Krankenhäuser kaum angebunden seien. Gleichzeitig betonte er, man solle „nicht immer nur sagen, was alles nicht funktioniert“, sondern auch anerkennen, „dass Dinge gehen“. Gerade in der Einführungsphase sei es wichtig, Fortschritte sichtbar zu machen, statt ausschließlich auf Defizite zu schauen.

Im Panel klang immer wieder die Erwartung an, dass sich Digitalisierung mit wachsender Nutzung zunehmend selbst trägt und Akzeptanz schafft. Dem widersprach Therese Ahrens vom Fraunhofer IESE und rückte eine oft unterschätzte Voraussetzung in den Fokus, nämlich die digitale Gesundheitskompetenz. „Beides ist unterdurchschnittlich schlecht in Deutschland ausgebildet und gerade rückläufig,“ so Ahrens. Ohne gezielte Förderung werde auch das viel zitierte Patienten-Empowerment ausbleiben.

Gleichzeitig warnte sie vor Risiken in den Daten selbst. Der durch den Gender Data Gap verursachte Bias übertrage sich direkt in KI-Systeme. Technische Infrastruktur allein reiche nicht. Ohne bessere Daten, mehr Kompetenz und echte Einbindung der Nutzer droht die Digitalisierung hinter ihren Möglichkeiten zurückzubleiben.

(mack)