Kommentar: Zum Glück fällt nur das Müsli
Roboter sind auf der Hannover Messe allgegenwärtig. Die meisten Hersteller versprechen mehr als sie halten können, meint Robin Ahrens.
Mit Müslipackungen hat der Roboter am Stand des RIG so seine Schwierigkeiten.
(Bild: Robin Ahrens / heise medien)
Die Hannover Messe steht dieses Jahr ganz im Zeichen der Industrial Automation. Das spürt man nicht nur in den Messehallen. Auch der Bundeskanzler beschwor in seiner Auftaktrede, industrielle KI-Lösungen aus dem engen Korsett europäischer KI-Regulierung herauslösen zu wollen.
Viele Automatisierungsprozesse sind aber ziemlich abstrakt. Digital Twins im Metaverse, komplizierte Steuerungstechnik oder KI-gestützte Softwarelösungen – all das ist weder anschaulich noch sonderlich spektakulär. Wie kann man Menschen nun für abstrakte Automatisierungsprozesse begeistern? Richtig, mit Robotern.
Roboter stehen nicht nur sinnbildlich für Fortschritt, sie faszinieren Menschen umgemein. Das bestätigt sich auf der Hannover Messe: Überall, wo irgendetwas scheinbar autonom fräst, sortiert, herumfährt oder tanzt, bilden sich Menschentrauben. Da ist es ganz egal, ob die Unternehmen überhaupt etwas mit Robotik am Hut haben: Die Menschen kommen wie Motten zum Licht.
Ganz schön viel der gezeigten Robotertechnik verspricht aber mehr als sie halten kann – und wirkt angesichts der vielen prätentiösen Marketingversprechen eher drollig.
Die verhängnisvolle Kiste
Am Stand von SAP etwa fährt ein humanoider Roboter auf einer Rollplattform umher. Zwar geht es im Kern darum, die hauseigene Software für Lagermanagement zu demonstrieren. Aber Roboter ziehen eben mehr als die drögen User Interfaces der SAP-Programme.
Der fahrbare Humanoide hat eine relativ triviale Aufgabe: Er soll eine Plastikkiste mit Ingwershots von einer Ablagefläche aufnehmen, zu einem Regal rollen und die Kiste dort abstellen. Für jeden dieser Schritte legt die SAP-Software vorher automatisch einen Task an.
(Bild: Robin Ahrens / heise medien)
Klingt erstmal gut, wirkt in der Realität allerdings recht träge. Bis der Roboter die Kiste aufgenommen hat, dauert es – deutlich länger, als Menschen dafür bräuchten. Das liege an den Menschenmassen auf der Messe, versichert der SAP-Mitarbeiter, der arme Roboter sei ja ganz verwirrt.
Irgendwann hat er die Kiste dann tatsächlich in den Greifern und fährt zielstrebig auf das Regal zu. Nun ja, etwa zu zielstrebig, schließlich steht da noch eine Kiste aus einem vorherigen Durchlauf. Das scheint der Roboter aber nicht zu realisieren: Er schiebt die Plastikkiste schnurstracks mit den Robo-Ärmchen voran ins Regal, während die alte Kiste hinten vom Regalbrett purzelt. Nur der geistesgegenwärtige Eingriff eines Standmitarbeiters bewahrt sie vor dem Aufprall. Glück gehabt.
Jaja, der Mensch ist schuld
Weiter zum Stand des Robotics Institute Germany (RIG). Auch hier rollt ein humanoider Roboter umher. Er soll „komplexe Aufgaben ausführen, aus Interaktionen mit Menschen lernen und in natürlicher Sprache kommunizieren“ können. Das RIG verspricht, dass er nicht-rigide Objekte greifen kann – also alles, was besonderes Fingerspitzengefühl bedarf.
Klingt vielversprechend. Und tatsächlich: Der Roboter wird von einem Mitarbeiter per Sprachbefehl gesteuert – wenn er denn hört. Denn bislang scheint er eher renitent zu sein. Mehrfach muss der Herr die Kommandos wiederholen und dabei besonders deutlich sprechen. Ist das schon die Revolte der Maschinen gegen die Menschheit?
Irgendwann steht der Roboter dann vor einer erwartungsvollen Messebesucherin und hat die mechanische Hand geöffnet. Eine Müslipackung soll er nun aufnehmen. Die Frau drückt dem Roboter die Verpackung in die Robo-Hand, sie hält unnatürlich lange inne. Irgendwann lässt sie los und schwups, das Müsli liegt auf dem Boden. Daran sei der Roboter aber nicht schuld, versichert der RIG-Mitarbeiter. Die Besucherin habe die Müslipackung nur falsch übergeben.
Viel heiße Luft
Solche Situationen spielen sich immer wieder entlang der Hannover Messe ab. Unabhängig vom Hersteller scheint sich ein Muster abzuzeichnen. Immer wieder wird viel versprochen, mit technischen Superlativen um sich geworfen und die adaptive Intelligenz der Roboter in den Himmel gelobt. In vielen alltäglichen Situationen, vor allem im Umgang mit Menschen, versagen sie aber – noch.
(Bild: Robin Ahrens / heise medien)
Gerade die spektakulär wirkenden Humanoiden scheinen besonders fehleranfällig. In vielen industriellen Fertigungssituationen seien intelligente Fertigungsarme ohnehin die bessere Wahl, erklärt ein Mitarbeiter von Agile Robots, einem deutschen Hersteller.
Gewiss, die Technik der Roboter ist komplex und einzelne Bauteile mittlerweile hochentwickelt. Am Ende entscheiden aber nicht die Herstellerversprechen, sondern reale Situationen. Und bislang fällt das Müsli dann eben doch. Ein Glück, dass es kein kiloschweres Bauteil war.
(rah)