Technologie als Staatsräson: Was Palantir mit seinem Manifest bezweckt

Palantir verkauft nicht nur Software, sondern in einem Manifest ein politisches Weltbild in 22 Thesen, um die Dominanz des Westens zu sichern.

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Ausgedruckter Ausschnitt des Palantir-Manifests mit Textmarkierung

(Bild: Palantir / Bearbeitung heise medien)

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Inhaltsverzeichnis

„Silicon Valley ist vom Weg abgekommen“, sagte Palantir-CEO Alex Karp im vergangenen Jahr in mehreren Interviews – ein Vorgeschmack auf die Kritik, die er im Frühjahr 2025 in seinem Buch „The Technological Republic“ ausführlich verschriftlichte. Kürzlich postete Palantir dann eine zugespitzte Fassung in 22 Thesen mit der knappen Begründung: „Weil wir viel gefragt werden.“ Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Palantir steht unter wachsendem öffentlichen und politischen Druck – das Manifest ist die Antwort darauf.

Dass Palantir sich vielen Fragen stellen muss, stimmt. Aus einem Unternehmen, das anfänglich nur im Sicherheitsbehördenbereich in den USA tätig war, ist über die Jahre ein globaler Player geworden, der um Kunden für seine Datenanalyse- und KI-Systeme in verschiedenen Bereichen wirbt. Militär, Polizei, Behörden (und damit der Staat) bleiben jedoch der zentrale Geschäftsbereich, auf dem Palantirs Erfolg basiert. Gleichzeitig stehen Palantir und seine Führung um Alex Karp sowie Investor und Mitgründer Peter Thiel zunehmend in der öffentlichen Kritik. Insbesondere in sicherheitspolitischen Debatten, auch außerhalb der USA, entzünden sich Kontroversen an der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Palantir-Technologien eingesetzt werden sollten und welche Folgen dies für die Gesellschaft haben kann. Der Einsatz von Palantir ist politisch und rechtlich umstritten, es gibt wachsende Kritik zur Rolle von Palantir im NHS in England. Hinzu kommen die Frage nach der digitalen Souveränität und Zweifel an der Wirksamkeit des Systems im Einsatz bei der Polizei.

Die Kritik dominierte in den vergangenen Monaten die Schlagzeilen. Dabei ist Dominanz eigentlich ein Schlagwort, das Palantir und sein Chef nicht nur auf dem Schlachtfeld im Militärbereich, sondern auch in der Außendarstellung auf T-Shirts gerne verwendet sehen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Timing des Posts weniger zufällig, sondern als strategisches Agenda-Setting im politischen Moment.

Eine Analyse von Imke Stock

Das 22-Thesen-Manifest schlägt mit seiner sicherheitspolitischen Rhetorik viral in die öffentliche Debatte ein, zahlreiche Medien berichteten. Der X-Post ist dabei weniger als klassische Produktwerbung zu verstehen, sondern als strategisches Kommunikationsinstrument. Ein Unternehmen spricht hier wie ein politischer Akteur über Staat, Krieg und Gesellschaft.

Die im Buch formulierten Thesen werden in ein zugespitztes, öffentlichkeitswirksames Narrativ übersetzt, das sicherheitspolitische Bedrohungsszenarien mit der Notwendigkeit technologischer Lösungen verknüpft. So heißt es: „Die Fähigkeit freier und demokratischer Gesellschaften, sich durchzusetzen, erfordert mehr als moralische Appelle. Sie erfordert Hard Power, und Hard Power wird in diesem Jahrhundert auf Software basieren.“ Dazu zählen laut dem Manifest auch KI-Waffen und eine Wehrpflicht. Zugleich wird argumentiert, nicht nur die „Ingenieurselite des Silicon Valley“ habe eine Verpflichtung zur Verteidigung der Nation, auch die Gesellschaft müsse Risiken und Kosten künftiger Konflikte stärker mittragen. Silicon Valley müsse auch „einen Beitrag zur Bekämpfung von Gewaltverbrechen leisten“. Für „ernsthafte Anstrengungen zur Lösung des Problems“ müssten Politiker auch „Risiken ihren Wählern oder Spendern gegenüber“ eingehen. Die Botschaft richtet sich damit gleichzeitig an politische Entscheidungsträger, Sicherheitsbehörden, Investoren und die Tech-Öffentlichkeit.

Der Post spiegelt das politische Selbstbild und die ideologische Positionierung Palantirs wider. Technologie wird hier nicht mehr nur als Werkzeug, sondern als strukturierendes Prinzip staatlicher Handlungsfähigkeit dargestellt.

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In These 15 des Manifests heißt es, die Entmilitarisierung Deutschlands und Japans nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine „Überkorrektur“, für die Europa heute einen hohen Preis zahle. Auf den ersten Blick mag es verblüffen, dass das Manifest Deutschland direkt adressiert. Doch der Fokus auf Deutschland ist kein Zufall – er ist für Karp auch ein persönliches Anliegen. Der Palantir-CEO promovierte an der Goethe-Universität Frankfurt, besuchte Seminare von Jürgen Habermas und lebte mehrere Jahre in Deutschland – er überlegte sogar, dauerhaft zu bleiben. Diese Prägung zieht sich auch durch „The Technological Republic“. Das Buch liest sich als politisches Manifest, das die Ideologie und die politische Agenda hinter dem Unternehmen Palantir und seinen Machern erklärt. Besonders deutlich wird das im Verhältnis zu Deutschland – einem Markt, der für Palantir strategisch wichtig, aber politisch umkämpft ist. Dass nicht nur er selbst ein enges Verhältnis zu Deutschland habe, sondern auch Palantir, erläuterte Karp im vergangenen Jahr in einem Livestream für Privatanleger:

„Wir sind eine Ingenieursorganisation. Das heißt, wenn du von Palantir lernst, lernst du aus Teilen davon – aus unserer germanisch geprägten industriellen und intellektuellen Kultur, so wie sie existierte, als Deutschland führend war, nicht so, wie sie heute ist. Und eines der Dinge, die ich an Deutschland tatsächlich ziemlich schmerzhaft finde – ich habe schließlich einen großen Teil meines Lebens dort verbracht, habe viele Freunde dort, mir liegt viel daran, ich sehe mich selbst gewissermaßen als germanisch geprägt: Von welchem Unternehmen sollte Deutschland lernen? Es ist offensichtlich: von Palantir! Aber stattdessen blockieren völlige Idioten unser Produkt.“

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Gegen Palantirs Einsatz bei der Polizei regt sich seit längerem Widerstand. Zuletzt gab es deswegen einen Koalitionsstreit in Baden-Württemberg, die SPD will Palantir auf Bundesebene blockieren und noch dazu steht das Unternehmen unter Druck, weil europäische Alternativen in den Fokus rücken.

Die Deutschland-Kritik steht dabei nicht isoliert, sondern fügt sich in eine längere publizistische Strategie ein. Die inhaltliche Linie lässt sich auch über mehrere Veröffentlichungen hinweg nachzeichnen. Bereits 2023 legte Alex Karp gemeinsam mit weiteren (Palantir-)Autoren in dem Buch „Von Artificial zu Augmented Intelligence“ den Wunsch nach größerer Offenheit gegenüber KI-Technologien in Deutschland und Europa dar – verbunden mit dem Appell, den technologischen Anschluss nicht zu verlieren. Auch in „The Technological Republic“ spart er nicht an Dramatik. Dort schreibt Karp: „Für den Westen ist der Moment der Wahrheit gekommen“, „in dem wir entscheiden müssen, wer wir sind und was wir als Gesellschaft und Zivilisation anstreben“. Es gehe um die Verteidigung der Nation und darum, „den beständigen, aber fragilen geopolitischen Vorteil zu wahren, den die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in Europa und anderswo ihren Gegnern gegenüber bewahrt haben.“

Das von Palantir verbreitete Kurz-Manifest ist keine bloße Verdichtung des im Vorjahr erschienenen Buches, sondern ein eigenständiges, zeitlich eingebettetes Interventionspapier. Es greift zentrale politische Konfliktlinien in den USA auf – von militärischer Abschreckung (einschließlich KI-Systemen) über die Rolle des Silicon Valley bis zu kulturellen Auseinandersetzungen um Religion, Moral und Werte – und nimmt zugleich Bezug auf die „rücksichtslose Enthüllung des Privatlebens von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“. Ferner fordert es von der Gesellschaft mehr Nachsicht gegenüber Personen, „die sich dem öffentlichen Leben verschrieben haben“. Außerdem kritisiert das Manifest eine übermäßige Moralisierung politischer Debatten und wirft Teilen gesellschaftlicher Eliten Intoleranz gegenüber religiösem Glauben vor.

Palantir verschiebt den Maßstab von der Frage, ob etwas moralisch richtig ist, hin zu der Frage, ob es funktional für Macht, Stabilität und Staat ist. Palantir positioniert sich mit seinen Veröffentlichungen nicht nur als Softwareanbieter, sondern als Akteur, der an der Neudefinition von Staatlichkeit, Sicherheit und gesellschaftlicher Ordnung mitwirkt. Dabei geht es um zentrale Fragen von Krieg, Aufrüstung und internationaler Machtbalance – Themen, die traditionell staatlicher Politik und Entscheidungsgewalt vorbehalten sind. Palantir macht damit deutlich, dass die Grenze zwischen Technologiekonzern und politischem Akteur längst durchlässig geworden ist. Genau das ist der Kern der Debatte: Staaten müssen sich fragen, ob und unter welcher Kontrolle sie einem Unternehmen mit klarer politischer Agenda Zugang zu höchst persönlichen Daten ihrer Bürger gewähren.

(vza)