Ohne Bildschirm, Apps und Browser: „Tin Can“-Telefone sind ein Hit in den USA

Ein Retro-Telefon für Kinder trifft den Wunsch nach weniger Smartphone und wird in den USA zum Überraschungshit.

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Ein Mädchen nutzt im Kinderzimmer ein Tin-Can-Telefon mit breitem Grinsen.

(Bild: Tin Can)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

„Tin Can“ ist ein kinderfreundliches Telefon im Stil der 80er- und 90er-Jahre. Statt eines Bildschirms verfügt es über einen klassischen Ziffernblock und ein Spiralkabel und ist auf Anrufe mit anderen Besitzern des Telefons ausgelegt. Darauf spielt auch der Name des Geräts an, der auf das klassische Dosentelefon verweist.

Das Telefon kam vor rund einem Jahr auf den Markt und hat sich seither vor allem durch Mundpropaganda zu einem Verkaufserfolg entwickelt. Laut Bloomberg wurde das rund 100 US-Dollar teure Telefon bereits mehrere Hunderttausend Mal verkauft. Wegen der hohen Nachfrage kommt das Unternehmen mit der Produktion kaum hinterher: Aktuelle Bestellungen werden erst im Juni ausgeliefert. Die starke Auslastung führte zeitweise auch zu Serverproblemen, besonders während der letzten Weihnachtszeit, als es über rund zwei Wochen zu Verbindungsproblemen kam.

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Zunehmend interessieren sich auch Schulen für das Telefon, da sie darin eine Alternative zu Smartphones und ein Mittel gegen frühe Social-Media-Abhängigkeit sehen, berichtet Bloomberg. Tausende Administratoren in den USA würden derzeit Sammelbestellungen prüfen und koordinieren, wie sie ihre Schulgemeinschaften auf das Netzwerk bringen können.

Das Telefon versprüht Festnetzcharme, nutzt jedoch das heimische WLAN, um sich mit anderen Tin-Can-Geräten zu verbinden. Über eine Begleit-App auf dem Smartphone legen Eltern fest, welche Kontakte ihre Kinder anrufen dürfen und von wem sie Anrufe erhalten können. Unerwünschte Anrufe von Verkäufern oder Fremden sind ausgeschlossen. Gespräche mit anderen Tin-Can-Nutzern sind kostenlos, optional ermöglicht ein kostenpflichtiges Abo auch Anrufe mit regulären Telefonnummern, die zuvor in der App freigegeben werden müssen.

Die grüne Variante des Tin Can.

(Bild: Tin Can)

Statt Text- und Videonachrichten sowie Dauerablenkung durch Apps, Spiele und Social Media setzt das Gerät auf direkte Gespräche und soll so die mündliche Kommunikation fördern. Der Unternehmensgründer Chet Kittleson entwickelte das Telefon, damit seine Kinder Verabredungen im Freundeskreis eigenständig und sicher vereinbaren können, ohne dass die Eltern alles selbst koordinieren müssen. Die Kabelgebundenheit sorge zudem dafür, dass das Telefon nicht am Esstisch stört.

Den Erfolg von Tin Can erklärt Kittleson mit wachsender Skepsis gegenüber Smartphones, gepaart mit Nostalgie bei Eltern, die vor der Smartphone-Ära aufgewachsen sind. Das Gerät trifft damit auf eine breitere Debatte um Social-Media-Verbote und Altersverifikation, die sich zunehmend auch vor Gericht niederschlägt. In den USA verloren Meta und Google jüngst einen vielbeachteten Prozess um Social-Media-Sucht. Die Jury sah suchtfördernde Mechanismen von Instagram und YouTube als wesentliche Ursache für psychische Schäden der Klägerin.

Derzeit sind Tin Cans nur in den USA und Kanada verfügbar.

(tobe)