Kommentar: Die EU liegt mit dem neuen Biosprit E20 daneben
Der Plan fĂĽr eine neue Benzinsorte zeigt: Bundesregierung und EU-Kommission wissen offenbar nicht, wie sie Ressourcen priorisieren sollten, meint Gregor Honsel.
(Bild: Scharfsinn/Shutterstock.com)
Um die hohen Spritpreise zu senken, ist die EU auf eine neue Idee verfallen: Sie will eine weitere Benzinsorte mit bis zu 20 Prozent Bioethanol (E20) einführen. Bisher enthält gängiges Super (E10) nur zehn Prozent.
„Bio“ klingt immer gut, so offenbar der Gedanke dahinter – damit sollten sich auch Umweltfreunde anfreunden können. Schön wär’s, denn die wirklichen ökologischen Auswirkungen von Biomasse lassen sich nur schwer abschätzen.
Kaum seriös zu zertifizieren
„Für zertifiziert nachhaltiges Bioethanol werden vor allem Getreide und Zuckerrüben verwendet, da sie sehr ertragreich sind und die Rohstoffe zusätzlich effizient zu Bioethanol sowie wertvollen Koppelprodukten verarbeitet werden“, schreibt der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft. Es mag tatsächlich sein, dass Biosprit unter idealen Umständen einigermaßen nachhaltig ist. Doch das ist von vielen Faktoren abhängig: Aus welchen Pflanzen wird er gewonnen? Wie werden diese Pflanzen angebaut? Welche Form der Landnutzung haben die Energiepflanzen verdrängt? Was ließe sich mit den Flächen sonst noch anstellen – etwa der Anbau von Nahrungsmitteln oder die Aufforstung als CO₂-Senke? Woher stammt die Energie, mit der das Ethanol destilliert wird? Wie weit und über welche Wege wird der Biosprit transportiert? Inwieweit können die Reste („Kopplungsprodukte“) sinnvoll eingesetzt werden, beispielsweise als Tierfutter?
Nicht alle dieser Faktoren lassen sich seriös zertifizieren. Entsprechend groß ist die Gefahr, dass zur Befriedigung der politisch geschaffenen Nachfrage nicht nur der beste, sondern auch der zwei-, dritt- und viertbeste Produktionspfad genommen wird. Schlimmstenfalls ist der Biosprit sogar noch umweltschädlicher als fossiler Sprit – etwa, wenn dafür Regenwald gerodet wird.
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Ressourcen gleich mehrfach verfrĂĽhstĂĽckt
Und die Nachfrage ist immens, denn erst kürzlich hat die deutsche Bundesregierung Biomasse zu einer wichtigen Säule ihres „Gebäudemodernisierungsgesetzes“ erklärt. Zum Heizen kommt zwar kein Bioethanol zum Einsatz, sondern überwiegend Biomethan. Aber das Problem ist das Gleiche: Irgendwo muss das Zeug angebaut werden, und die Flächen dafür sind endlich. „Wenn in den nächsten 15 Jahren die Hälfte der bestehenden Gas- und Ölheizungen durch neue Gas- und Ölheizungen ersetzt würden, würde für deren Betrieb schon fast das gesamte Biomassepotenzial in Deutschland benötigt“, sagte Stefan Thomas vom Wuppertal Institut gegenüber dem Science Media Center. Importe sind auch nur eine begrenzte Lösung, denn sie verstärken politische Abhängigkeiten und verlagern die Probleme lediglich ins Ausland.
Und nun soll also auch noch der Biosprit dazukommen – zu produzieren auf Flächen, die schon heute kaum ausreichen. Der Fall zeigt: Weder die Bundesregierung noch die EU-Kommission haben den geringsten Plan davon, wie sie den Umgang mit ihren eigenen Ressourcen priorisieren sollen. Taucht in einem Sektor irgendeine Lücke auf, wird schnell die Biomasse als Pflästerchen aufgeklebt – auch wenn sie längst in einem anderen Sektor verfrühstückt wurde.
Biomethan kann beispielsweise eine der sinnvollsten Lösungen sein, um Reservekraftwerke bei hartnäckigen Dunkelflauten zu betreiben, bei denen Batteriespeicher nicht mehr ausreichen. Sowohl für Autos als auch für Heizungen gibt es hingegen eine ganz hervorragende Alternative: die Elektrifizierung.
Dieser Beitrag ist zuerst auf t3n.de erschienen.
(jle)