Social-Media-Verbot fĂĽr Jugendliche: Australiens Kontrolle greift nicht
Plattformen prüfen wenig, Konten bleiben bestehen. Neue Daten zeigen systematische Schwächen des weltweit ersten Verbots.
(Bild: Fabrizio Misson/Shutterstock.com)
- Enrico Giardina
Das vor knapp fünf Monaten in Australien eingeführte Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige erweist sich offenbar in der Praxis als weitgehend ineffektiv. Nach einer ersten groß angelegten Umfrage der Molly Rose Foundation haben 61 Prozent der befragten 12- bis 15-Jährigen, die bereits vorher Konten besaßen, weiterhin Zugriff auf mindestens eines davon. Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram ergreifen demnach oftmals keine Maßnahmen, um Minderjährige zu identifizieren und auszuschließen.
Für die Erhebung wurden im März 1.050 australische Jugendliche befragt. Die Daten zeigen, dass die Social-Media-Anbieter bisherige Accounts zum großen Teil unangetastet lassen: Bei YouTube gaben 64 Prozent der verbliebenen jungen Nutzer an, der Betreiber habe nichts unternommen, um ihre Konten zu deaktivieren. Bei Instagram und TikTok äußerten dies jeweils rund 60 Prozent. Knapp ein Viertel der Teenager hat Alterskontrollen bei bestehenden Konten zudem aktiv umgangen.
Technische Hilfsmittel wie VPNs kamen dabei lediglich bei vier bis fĂĽnf Prozent zum Einsatz. Stattdessen griffen einige Jugendliche Berichten zufolge auf Ausweise ihrer Eltern oder auf bedruckte Masken zurĂĽck, um die Gesichtserkennungssysteme zu umgehen.
Jugendschutzziele bisher nicht erreicht
Das politische Kernziel, die Sicherheit von Kindern im Netz zu erhöhen, wird der Umfrage zufolge verfehlt. Über die Hälfte der betroffenen Jugendlichen (51 Prozent) gab an, sich online nicht sicherer zu fühlen als vor dem Verbot. Gleichzeitig weichen die Jugendlichen auf andere digitale Dienste aus: 43 Prozent nutzen verstärkt Gaming-Plattformen, 39 Prozent verbringen mehr Zeit mit Messengern.
Videos by heise
Allerdings verzeichnet die Studie auch erste Teilerfolge: Immerhin 31 Prozent der betroffenen Jugendlichen gaben an, sich nun sicherer zu fühlen, und die Hälfte bemerkten, nun weniger Zeit online zu verbringen. Die Stiftung warnt jedoch, dass dieser Effekt mit der Zeit wieder verschwinden könnte.
Die Molly Rose Foundation rät anderen Ländern wie Großbritannien vor diesem Hintergrund davon ab, das australische Gesetz zu kopieren. Ein pauschales Verbot entbinde Tech-Konzerne von ihrer Verantwortung für sicheres Produktdesign und erzeuge lediglich Scheinsicherheit. Die Organisation fordert stattdessen schärfere Regulierungen, um die Plattformbetreiber rechtlich in die Pflicht zu nehmen und gefährliche Algorithmen direkt zu verändern.
Die australische Regierung hatte den Tech-Konzernen bei Gesetzesverstößen bereits mit Klagen vor dem Bundesgericht gedroht. Sie habe demnach Untersuchungen wegen systematischer Verstöße gegen die Altersprüfung eingeleitet. Den Unternehmen sollen bei nachgewiesener Missachtung der Gesetze Bußgelder von bis zu 49,5 Millionen Australischen Dollar (rund 30 Millionen Euro) pro Verstoß drohen.
Weitere Länder könnten Australien folgen
Ab Dezember 2025 hatte Australien als erstes Land ein weitreichendes Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige verhängt. Die Regierung wolle damit die psychische Gesundheit der Kinder vor schädlichen Einflüssen aus dem Netz schützen. So sollen Gefahren wie Cybermobbing und suchtfördernde Algorithmen aktiv eingedämmt werden. 4,7 Millionen Konten sind nach Angaben der australischen Behörden anschließend gesperrt worden.
Kritiker bezweifeln jedoch die Wirksamkeit des Verbots, da Jugendliche solche Sperren leicht umgehen könnten. Zudem warnen Experten davor, dass ein Pauschalverbot junge Menschen von wichtigen digitalen Netzwerken und Hilfsangeboten isoliert. Als Alternative fordern Medienpädagogen stattdessen etwa eine gezielte Förderung der digitalen Medienkompetenz und die stärkere Regulierung der Plattformalgorithmen.
Auch in Europa werden ähnliche Social-Media-Verbote diskutiert. Eingesetzt werden könnte etwa eine kürzlich vorgestellte Wallet-App der EU zur Altersverifikation. Bisherige Verbotspläne der deutschen Regierungsparteien CDU und SPD stoßen dabei allerdings auf erhebliche rechtliche Hürden.
(hag)