Haptische Westen ausprobiert: Was leisten Woojer Vest und bHaptics Tactsuit?

Mehr Immersion durch Vibration am ganzen Körper? Wir haben die Woojer Vest 4 und den bHaptics Tactsuit Pro mit Musik, VR- und PC-Spielen ausprobiert.

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bHaptics TactSuit Pro und Woojer Vest 4 im Vergleich mit haptischen Westen und Arm-Manschetten.

Haptische Westen von Woojer und bHaptics wollen Musik, Spiele und Filme spĂĽrbar machen.

(Bild: Woojer, bHaptics)

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Seit dem ersten DualShock-Controller und Nintendos Rumble Pack für den N64 sind haptische Vibrationen in Gamepads nicht mehr wegzudenken. Hersteller wie Woojer und bHaptics erweitern diese Vibrationen beim Gaming auch noch auf Brust, Rücken, Arme und sogar den Kopf. Ihre haptischen Westen sollen digitale Ereignisse in fühlbare Impulse am ganzen Körper übersetzen – sei es der Bass eines wuchtigen Soundtracks oder der Einschlag einer Kugel im digitalen Gefecht. Wir haben die Woojer Vest 4 und die aktuellen Tactsuits von bhaptics beim Gaming am Rechner, in der VR-Brille und beim Musikhören ausprobiert.

Die Woojer Vest 4 arbeitet mit sechs sogenannten Oszillatoren, die Audiosignale direkt in breitflächige Schwingungen umwandeln. Zwei sitzen seitlich, zwei auf Brusthöhe und zwei auf dem Rücken. Alles Hörbare, egal ob PS5-Spiel, Musik vom Smartphone oder ein YouTube-Video am Rechner, wird dadurch spürbar. Die mittlerweile vierte Iteration von Woojers Rumble-Weste vibriert unabhängig davon, ob ein Spiel das Gerät offiziell unterstützt oder nicht. Angeschlossen wird sie per 3,5-mm-Klinke, USB-C oder Bluetooth an das gewünschte Gerät. In der Praxis erwies sich die Klinkenverbindung als die zuverlässigste. Drahtloses Audio und auch das USB-Kabel führten teilweise zu minimalen Verzögerungen.

Haptische Westen von Woojer und bHaptics (6 Bilder)

Das offenere Design der Woojer West 4 (ganz rechts) unterscheidet sich stark von den geschlossenen bHaptics-Westen. (Bild:

Fotos: joe

)

bHaptics geht einen anderen Weg. Sowohl die Tactsuit Pro als auch die leichtere Tactsuit Air setzen auf Vibrationsmotoren für punktgenaues Feedback. Beim Pro-Modell sind es 32 Motoren, die Air verfügt über 16. Unterstützte Spiele senden gezielte Signale an bestimmte Motoren. Wird also eine Spielfigur von rechts getroffen, pulsiert es auch rechts am Oberkörper. Diese Form des Richtungsfeedbacks funktioniert allerdings nur präzise in Titeln mit nativer Integration. Laut Hersteller sind das mittlerweile 348 Spiele, die sich in nativer Unterstützung und Community-Mods unterscheiden. Erst kürzlich hinzugefügte Spiele sind etwa das Cyberpunk-Abenteuer „Replaced“ oder das im VR Games Showcase vorgestellte „Wrath: Aeon of Ruin VR“. Eine vollständige Liste mit Filteroptionen bietet der Hersteller auf seiner Website an. Beide bHaptics-Westen bieten zusätzlich eine automatische Audio-Umwandlung für Filme, Musik oder nicht unterstützte Spiele.

Die Woojer Vest ist leichter als die Tactsuits von bHaptics und gleicht eher einem Holster als einer Weste. Sämtliche Riemen lassen sich schnell und einfach anpassen, sodass die Weste binnen Sekunden sitzt. Mit rund 1,6 Kilogramm Gewicht liegt die Vest 4 angenehm eng am Körper, erfordert aber sorgfältiges Einstellen der Gurte. Nur wenn alle Module eng am Körper liegen, fühlt sich das Feedback gleichmäßig an.

Aufgeladen wird sie über einen USB-Port am Rücken. Die restlichen Anschlüsse und Regler sitzen im Oszillator links auf der Brust, was nicht ganz optimal gelöst ist. Die Knöpfe für die Lautstärkeregelung, das Ein- und Ausschalten und die Bluetooth-Koppelung sind nur schwer ertastbar, erst recht, wenn die Vibration läuft. Da die Anschlussbuchsen für die Kabelverbindungen am unteren Element des Bedienelements sitzen, muss entweder unpraktisch gefummelt oder die Weste noch einmal ausgezogen werden. Zumindest eine farbliche Markierung an der Oberfläche wäre nett gewesen.

Technisch deckt die Weste einen Frequenzbereich von 1 bis 250 Hertz ab. Praktisch heißt das: Vor allem tiefe Frequenzen entfalten Wirkung am ganzen Körper. Hohe Töne spielen eine untergeordnete Rolle und werden manchmal gar nicht von Vibrationen begleitet. Vor allem beim Musikhören und rhythmischen Spielen machen sich Woojers Stärken bemerkbar. Tiefe Beats laufen nicht nur durch Kopfhörer, sondern durch den gesamten Oberkörper. Wuchtige und basslastige Musik wie EDM oder moderner Metal wird hier schnell zu einem intensiven Erlebnis. Aber auch ruhigere Klänge wie etwa der stimmungsvolle Inception-Soundtrack „Time“ von Hans Zimmer können von den Vibrationen profitieren. Wichtig ist, dass man für jedes Genre die Intensität anpasst, damit das Gehörte auch zum Gefühlten passt.

Weniger überzeugend war die Hitzeentwicklung. Bereits nach rund 15 Minuten Musikhören auf hoher Intensität wurden die Bereiche um die Vibrationsringe spürbar warm. Für längere Sessions können also Pausen nötig werden, auch weil die intensiven Vibrationen auf Dauer anstrengend werden können. Zudem zeigte sich bei hohen Lautstärken ein leichtes Grundrauschen über den integrierten Kopfhörerverstärker. Auch die lauten Vibrationsgeräusche bei hoher Intensität können auf Dauer stören. Für Musikliebhaber mit hohen Ansprüchen ist das durchaus relevant.

Der größte Nachteil der Woojer Vest ist gleichzeitig ihr größter Vorteil: ihre Kompatibilität. Zwar funktioniert sie nahezu mit jeder Ausgabequelle. Gleichzeitig führt die fehlende tiefergreifende Unterstützung einzelner Spiele dazu, dass immer die gesamte Audiospur für die Übertragung auf die Weste genutzt wird. Während unseres Tests von Resident Evil: Requiem erhöhte die Woojer Vest besonders bei Jumpscares in ruhigen Abschnitten die Immersion. Sobald allerdings Hintergrundgeräusche wie Regen oder Straßenlärm hinzukommen, spürt man immer eine leichte, aber eigentlich unnötige Dauervibration.

Vor allem bei VR-Spielen stört dieser permanente Rumbleeffekt eher, statt die Immersion zu steigern. Warum die Weste vibriert – ob nun als Rückstoß beim Abfeuern einer Waffe oder weil im Hintergrund ein Gerät brummt – ist kaum zu erkennen. Statt punktueller Impulse liefert die Woojer-Weste zudem flächendeckende Vibrationen, wodurch nicht immer klar wird, aus welcher Richtung der Effekt kommt. Ebenfalls erwähnenswert: Die Akkulaufzeit gibt der Hersteller mit bis zu zehn Stunden an. In intensiven Spielszenarien kamen wir eher auf etwa fünf Stunden.

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Die Tactsuit Pro bringt rund 1,9 Kilogramm auf die Waage und orientiert sich optisch klar an taktischer Ausrüstung. Ein Drehregler direkt an der Weste erlaubt schnelle Anpassungen der Intensität – praktisch, wenn ein Spiel plötzlich lauter wird. Das günstigere Air-Modell reduziert die Motoranzahl auf 16 und wiegt nur etwa 1,1 Kilogramm. Außerdem fehlen ihr der Drehregler und zusätzliche Druckknöpfe zur Größenverstellung an den Schultern, wodurch sie nicht unbedingt die perfekte Wahl für voluminöse Oberkörper ist. Die auffälligen Gummielemente an der Front sind ebenfalls der Pro-Version vorbehalten. Beide Modelle tragen sich angenehm und lassen sich schnell und einfach in der Größe anpassen.

Optional gibt es für bHaptics-Nutzer auch Armsleeves, die das Feedback auf die Unterarme erweitern. Gerade bei VR-Spielen verstärkt sich so beispielsweise der Eindruck eines Rückstoßes beim Abfeuern einer Waffe. Allerdings drückten die Manschetten bei längerer Nutzung an den Unterarmen, da sie sehr streng angezogen werden müssen, um die Vibration gut zu übertragen. Hier ist Feintuning gefragt. Wenn die Vibration am Oberkörper und den Unterarmen immer noch nicht reicht: bHaptics bietet auch einen „Tactivisor“ an. Das Facecover passt auf Meta Quest 3, Quest 2 und die Valve Index und bringt die VR-Brille ebenfalls zum Vibrieren.

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Die Rückmeldungen der Tactsuit Air wirken etwas weniger fein abgestuft als bei der Pro-Version, sind aber im Kern vergleichbar. Wir mussten die Intensität bei der leichteren Weste etwas höher einstellen, um ein ähnliches Empfinden zu erreichen. Thermisch schneidet die Air etwas besser ab. Die geringere Motorendichte sorgt also für weniger Hitzestau, was gerade bei längeren Sessions angenehmer sein kann. Die Verbindung am PC funktionierte bei beiden Modellen stabil, in einer Standalone-VR-Umgebung mit der Meta Quest 3 traten vereinzelt Verbindungsprobleme auf.

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Beide bHaptics-Modelle machen ihren Job hervorragend. In nativ unterstützten VR-Shootern wie „Arizona Sunshine 2“ oder „Pavlov VR“ spielt das System seine Stärken voll aus. Treffer von hinten, seitliche Explosionen oder sogar das Einrasten eines Magazins geben die Westen differenziert wieder. Diese Richtungsinformation kann tatsächlich helfen, schneller zu reagieren. Allerdings wird auch hier Wärme zum Thema. Nach etwa einer Stunde intensiver Nutzung entsteht ein leichter Hitzestau unter dem Material. Der Akku soll im Schnitt über 13 Stunden halten, das deckt sich auch in etwa mit unserer Erfahrung. Geladen wird per USB-C in rund fünf Stunden.

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Haptische Westen können die Immersion beim Spielen mit und ohne VR-Brille steigern und machen auch Musik und Filme spürbar, was sich positiv auf das Erleben auswirken kann. Wichtig ist jedoch, dass man sich vor dem Kauf über den Einsatzzweck im Klaren ist. Auch wenn beide Hersteller mit Unterstützung für Musik, Film, Gaming und VR werben, sind nicht alle Modelle gleichermaßen für diese Zwecke geeignet.

Wer Musik oder Filme am ganzen Oberkörper spüren will, findet bei der Woojer Vest 4 eine schnelle und einfache Lösung. Sie funktioniert mit jeder Audioquelle und benötigt keine spezielle Spielunterstützung. Wer hingegen kompetitive (VR-)Shooter spielt, Wert auf ein detailliertes, räumliches Treffergefühl legt und umfangreiche Einstellungsmöglichkeiten will, sollte zu den bHaptics-Westen greifen. Das Pro-Modell liefert die differenzierteste Rückmeldung, die Air-Weste punktet hingegen bei Tragekomfort und Preis. Dazu gibt es durchdachtes Zubehör für Arme, Beine und Kopf, das vor allem beim Spielen in VR Spaß macht.

Der größte Kritikpunkt ist der Preis: Die Woojer Vest 4 gibt es derzeit ab 508 Euro. Für den Tactsuit Pro ruft bHaptics auf der eigenen Website 529 US-Dollar auf, das Air-Modell gibt es für rund 269 US-Dollar. Sämtliche Systeme sind damit Luxus-Zubehör, die gemessen am eigentlichen Mehrwert viel zu teuer sind.

(joe)