KI-Skandale, Modeberater und Bridges' Comeback – Fotonews der Woche 18/2026

Hasselblad und Tokina blamieren sich mit KI-Bildern in Wettbewerben, Google macht Fotos zum Stylisten und Jeff Bridges' Widelux-Revival kann vorbestellt werden.

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KI-generiertes Bild eines Fotoapparats

(Bild: erstellt mit KI / Thomas Hoffmann)

Lesezeit: 6 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Es war keine gute Woche für die Jurys großer Fotowettbewerbe – und gleich zwei traditionsreiche Marken haben sich mit denselben Federn geschmückt: KI-Bilder, die niemand erkannt hat. Bei Hasselblad, einer Marke, die schon den Mond fotografiert hat, schaffte es ein Bild in die Shortlist der „Hasselblad Masters 2026“, auf dem ein Glas einer offensichtlich Coca-Cola-ähnlichen Limonadenflasche prangt – mit einem Etikett, das aussieht, als hätte ein Buchstabensuppen-Hersteller es entworfen. Das verräterische, kryptische Schriftgewirr ist mittlerweile so etwas wie das Markenzeichen generativer KI, und unter den 70 Finalisten fiel das prompt im Subreddit r/photography auf. Die Reaktion: über 600 Upvotes und entsprechend viel Spott.

Hasselblad reagierte mit einer Stellungnahme, in der man „weitere Prüfungen“ und das Anfordern der RAW-Dateien ankündigte. Was bleibt, ist allerdings ein bitterer Beigeschmack: Die 69 anderen Finalisten – darunter etwa der Franzose Olivier Caune, dessen Stolz in den Kommentaren regelrecht untergeht – sehen sich nun reflexartigem Generalverdacht ausgesetzt. Pikant: Die Vorauswahl erfolgte intern bei Hasselblad, nicht durch die hochkarätige Grand Jury. Das macht es aber auch nicht besser.

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Nur zwei Tage zuvor traf es Tokina. Das japanische Objektivunternehmen kürte seinen Jahressieger 2025 – und musste ihn nach einem Reddit-Aufschrei wieder zurückziehen. Auch hier deuten Indizien auf eine KI-Beteiligung: Das Bild des omanischen Fotografen Abu Elias enthielt das unsichtbare SynthID-Wasserzeichen von Google, das immer dann eingebettet wird, wenn Googles Tools wie Gemini Nano Banana Pro oder der Magic Editor zum Einsatz kommen. Ob das ganze Bild generiert oder ‚nur‘ der Himmel ausgetauscht wurde, ist unklar – ein Video desselben Fotografen vom selben Ort zeigt jedenfalls Tageslicht statt Sonnenuntergang. Tokina hat den Preis kommentarlos an Lee Nuttall weitergereicht und gelobt, künftig „zusätzliche Kontrollpunkte“ einzuführen. Vielleicht reicht es ja schon, wenn die Juroren beim Etikett auf der Limoflasche kurz die Lesebrille aufsetzen.

Dass KI-Bilder nicht nur Fotowettbewerbe in Bedrängnis bringen, zeigt eine kuriose Geschichte aus Südkorea: Ein 40-jähriger Mann wurde verhaftet, weil er ein KI-generiertes Bild des aus dem Daejeon-Zoo entlaufenen Wolfes „Neukgu“ verbreitet hatte. Das Bild zeigte das Tier angeblich an einer Straßenkreuzung, woraufhin die Stadtverwaltung eine Notfallwarnung an die Bevölkerung verschickte und das Foto sogar in einer Pressekonferenz verwendete. Die Polizei verlegte ihre Suche – und jagte einem Phantom hinterher. Auf die Frage, warum er das getan habe, antwortete der Mann: „Aus Spaß.“ Bis zu fünf Jahre Haft sind nun möglich. Der echte Wolf wurde übrigens nach neun Tagen an einer Autobahn gefangen und ist heute Anwärter auf den Posten des städtischen Maskottchens. Vielleicht erkennt man hier den entscheidenden Vorteil echter Fotografien: Auch ein echter Wolf kann posieren, aber wenigstens lässt sich demnach prüfen, ob es ihn gibt.

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Mehr Spielwiese für die KI gibt es indessen bei Google. Der Konzern stattet Google Photos im Sommer mit einer „Wardrobe“-Funktion aus, die alle Kleidungsstücke aus der Bildersammlung automatisch katalogisiert. Tops, Hosen, Schmuck, Schuhe – die KI sortiert, was sie findet, und stellt das digitale Sortiment in einem virtuellen Kleiderschrank zusammen. Mix-and-Match-Outfits lassen sich so erstellen, mit Freunden teilen und – das ist der eigentliche Clou – virtuell anprobieren. Google möchte damit die morgendliche Suche nach dem passenden Outfit überflüssig machen.

Interessant am Rande: Da die wenigsten Menschen Produktfotos ihrer eigenen Kleidung von oben aufnehmen, dürfte Google die Pieces aus den Fotos identifizieren und dann passende Bilder aus Google Images ziehen. Ob das Tool wirklich begeisterte Anwender finden oder eher in der langen Schlange der vergessenen Google-Features enden wird, wird sich ab dem Sommer auf Android zeigen, iOS folgt später.

Die Branchenzahlen für Februar 2026 [PDF] sind da, und sie zeichnen ein vertrautes Bild. Spiegellose Systemkameras legen bei den Stückzahlen gegenüber dem Vorjahr um 10 Prozent zu, Kompaktkameras sogar um 26 Prozent – der Boom hält also an. DSLRs hingegen sind weiter im Sinkflug: minus 50 Prozent bei den Einheiten, minus 56 Prozent beim Wert. Bei Objektiven liegt das Verhältnis Linse zu Body bei 1,6 – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Die spannendste Zahl steckt aber im Boom der Kompakten: Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass die totgesagte Klasse der Kompaktkameras ausgerechnet die Generation-Smartphone zurückerobert?

Zum Wochenausklang noch eine echte Freude für Analogfans: Die WideluxX F10, das Herzensprojekt von Schauspieler Jeff Bridges und seiner Frau Susan in Zusammenarbeit mit den SilvergrainClassics-Machern Marwan El Mozayen und Charys Schulder, ist jetzt vorbestellbar. Bridges, seit Jahrzehnten bekennender Widelux-Liebhaber, hatte 2024 angekündigt, die nach einem Brand im Panon-Werk verlorene Schwenkpanorama-Kamera neu auflegen zu wollen. Nun ist es so weit: 5.200 Euro kostet eines der 350 Exemplare aus der ersten Produktionsrunde, ausgeliefert wird in sechs bis acht Monaten.

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Technisch bleibt die WideluxX dem Original treu: 26mm-Schwenkobjektiv mit Blende 2,8, drei Verschlusszeiten (1/15, 1/125, 1/250 s), 140 Grad Bildwinkel, fixer Fokusbereich von 1,5 Metern bis unendlich. Auf einem 36er-Film passen rund 21 Panoramen mit jeweils 24 x 58 Millimetern. Bei einem Preis, der nur unwesentlich über dem für gut erhaltene gebrauchte F8-Modelle liegt – aber mit zwei Jahren Garantie und individueller Gravur. 15 Minuten nach dem Verkaufsstart waren bereits 50 Stück verkauft. So sieht es aus, wenn Fotografie mal nicht von KI, sondern von echtem Filmtransport bewegt wird.

Wer sich nach so viel KI-Debatten nach echter Fotografie sehnt: Die WideluxX-Geschichte selbst ist ein Long Read wert. Auf der Website von SilvergrainClassics dokumentieren die Macher den Reverse-Engineering-Prozess und die Suche nach Ersatzteilen. Es ist eine schöne Erinnerung daran, dass hinter Kameras Menschen stehen – und nicht nur Algorithmen, die Coca-Cola-Etiketten kryptisch vor sich hin halluzinieren.

(tho)