„Offline-Sucht“: Warum analoge Hobbys wieder im Trend sind
Viele fühlen sich in der zunehmend digitalen Welt reizüberflutet und flüchten sich in analoge Hobbys, die sie dann auf Social Media posten. Ein Widerspruch?
(Bild: Rui Elena/Shutterstock.com)
In der heutigen Welt gehören digitale Medien und Tools schon lange fest zum Alltag. Da wundert es nicht, dass einige Menschen von digitalen Reizen überwältigt sind und die sogenannte „Digital Fatigue“ („digitale Ermüdung“) spüren.
Der „Analogue Trend“ auf Social Media
Gerade jüngere Menschen, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, scheinen sich nach mehr Offline-Zeit zu sehnen, wie eine Vodafone-Studie aufzeigt. Das macht sich auch in einem neuen Trend auf Social Media bemerkbar: Der „Analogue Trend“, den Anhänger auch als „Analogue Living“, oder „Going Analog“ bezeichnen.
Unter Hashtags wie #analog oder #offlinehobbies posten Nutzer Beiträge rund um ihre liebsten analogen Tätigkeiten auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok. Dazu gehören vor allem entspannende Tätigkeiten wie Malen, Puzzeln, händisches Schreiben und Lesen. Auch sogenannte „Granny Hobbys“ sind beliebt, beispielsweise Stricken, Vögel beobachten und Gärtnern.
Videos by heise
Warum analoge Medien ein Comeback erleben
Das Ziel scheint für viele zu sein, Doomscrolling zu reduzieren und somit die „Digital Fatigue“ oder gar den „Brainrot“ („Hirnverfall“) zu vermeiden. Analoge Hobbys eignen sich dafür besonders gut, da sie weniger stark ablenken und dem Gehirn beibringen, nicht ständig nach dem nächsten Dopamin-Kick zu suchen. Für einige Menschen entschleunigt sich durch analoge Hobbys der Alltag und steigert die Kreativität, wonach ebenfalls viele streben.
Für andere könnten analoge Hobbys fernab von Bildschirmen auch eine Art Flucht aus der aktuell unsicheren Weltlage bieten, mit der sie besonders auf Social Media konfrontiert werden. All das löst womöglich bei einigen eine Nostalgie aus, weshalb sie Tätigkeiten und Medien wie analoge Fotokameras und Brettspiele „wiederbeleben“. Diese schenken ein vertrautes Gefühl aus einer Zeit, in der vermeintlich noch „alles gut“ war: eine Zeit ohne digitale Überreizung und mit einer stabileren Weltlage.
Analoge Hobbys online posten: ein Widerspruch
Wer diesen Trend beobachtet, kommt nicht umhin, die Widersprüchlichkeit zu bemerken. Denn der Sinn des „Analogue Living“ ist es eigentlich, mehr Zeit offline zu verbringen, statt sich einen Haufen Videos über ein analoges Leben anzuschauen. Diese können wie jede andere Nische auf Social Media „süchtig“ machen – und prompt kommt man doch wieder beim Doomscrolling an.
Gefahr des Überkonsums
Bei der Darstellung der analogen Tätigkeiten besteht wie bei vielen anderen Inhalten auf Social Media zudem immer die Gefahr, dass weniger die Sache an sich, sondern die Ästhetik im Vordergrund steht. Es wird wichtiger, dass das Hobby „gut aussieht“ und so zu mehr Likes führt. Das kann auch den Überkonsum („Overconsumerism“) befeuern, wenn Influencer häufig neue und verschiedene Materialien und Marken in die Kamera halten und so zu unnötigen Käufen animieren.
Ein Beispiel ist das von Content Creator Siecec Campbell vorgestellte Konzept eines „Analog Bag“: In einer Tasche werden Objekte wie Bücher, Magazine, Stifte und Notizbücher verstaut. Das hat eine Welle ausgelöst, in der andere Influencer ebenfalls zeigen, was sie in ihre eigene „analogen Tasche“ einpacken. Bei vielen dieser Videos spielt die Ästhetik ihrer Tasche eine große Rolle, und Shopbetreiber haben angefangen, auf diesen Trend aufzuspringen und ihre Taschen dementsprechend zu vermarkten.
(Bild: Rui Elena/Shutterstock.com)
Mögliche positive Auswirkungen des Trends
Das Comeback von analogen Hobbys bedeutet natürlich nicht zwingend, das digitale Leben komplett abzulehnen. Analog und digital können koexistieren und einander ergänzen. Dabei ist es wichtig, die Balance zu finden. Die große Reichweite der sozialen Medien hat den Vorteil, Menschen aus aller Welt durch ähnliche Interessen miteinander verbinden zu können. Außerdem können viele Menschen neue Hobbys entdecken, auf die sie vielleicht sonst nicht gekommen wären.
Vorsicht ist nur geboten, wenn die Likes wichtiger werden als der Spaß am Hobby – dann läuft etwas falsch. Auch das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen, ist gut: Braucht es jetzt wirklich noch ein Stiftmarker-Set oder noch ein Buch in einer Special Edition? Oder reichen nicht die Sachen aus, die bereits da sind? Nachhaltige Alternativen wie Ausleihen und Secondhand sind auch eine Option, mit wenig Budget ein neues Hobby zu starten oder zu erhalten. Im Vordergrund sollten immer das Hobby und die positiven Effekte für die eigene psychische und körperliche Gesundheit stehen. Und dafür braucht es weder viel Online-Zuspruch noch ein riesiges Budget.
(mho)