Telemedizinkongress: „Strukturen schaffen, bevor wir sie akut benötigen“
Für mehr Versorgungssicherheit und Krisenresilienz bestärken Experten auf dem 16. Telemedizinkongress ihre Forderungen nach dem Ausbau der digitalen Strukturen.
Gernot Marx ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin und Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachens.
(Bild: Marie-Claire Koch / heise medien)
Angesichts von Fachkräftemangel und demografischem Wandel stellt sich zunehmend die Frage, wie eine flächendeckende Versorgung in gleichbleibender Qualität künftig sichergestellt werden könne. Ohne Telemedizin werde dies nicht gelingen, ist sich Gernot Marx, Vorstandsvorsitzender bei der DGTelemed, sicher. Sie ermögliche es, Expertise unabhängig vom Standort verfügbar zu machen und sei damit relevant für den Zugang zu spezialisierten Kompetenzen sowie für die Notfallversorgung. Das soll mit der Etablierung von Telekooperationen geschehen, die Krankenhäuser unterstützen sollen, und zwar „nicht nur in Form von Telekonsilen, sondern auch als grundsätzliche Mitbehandlung“.
Für die Umsetzung empfiehlt die DGTelmed (PDF) in ihrer Stellungnahme zur Krankenhausreform, entsprechende Angebote rund um Telekonsile zu zentralisieren und zu skalieren. Informationen über die Patienten, etwa Laborergebnisse, sollten für alle Behandler zeitnah, etwa in der elektronischen Patientenakte (ePA) verfügbar sein. Zudem fordert die DGTelmed mit Blick auf die anstehenden Reformen, insbesondere der Notfallreform, das Präsenzprinzip für in Kliniken angestellte Ärzte kritisch zu hinterfragen. Ärzte, die telemedizinisch tätig sind, müssen nicht zwangsläufig in Kliniken vor Ort sein.
Vorbereitung auf Großschadenslagen
Als ein weiteres Themenfeld benannte Marx die „Preparedness“, also die Vorbereitung der Versorgung auf Großschadensereignisse und außergewöhnliche Belastungen. Ohne telemedizinische Strukturen ließen sich die vorhandenen Kapazitäten nicht effizient steuern – Patientinnen und Patienten würden zunächst in den großen Häusern aufgenommen, müssten anschließend aber weiterverteilt werden. „Telemedizin ist das Rückgrat moderner Krisenbewältigung. Ein Szenario mit 100 zusätzlichen Patientinnen werden wir ohne flächendeckende Telemedizinstruktur nicht bewältigen, da nur so die vorhandenen Kapazitäten adäquat und effizient genutzt werden können“, sagt Marx. Erforderlich seien belastbare Kooperationen zwischen medizinisch-wissenschaftlichen Einrichtungen sowie zwischen Regionen und Versorgungssektoren. Resilienz sei gestaltbar: „Strukturen schaffen, bevor wir sie akut benötigen“, appelliert er.
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Marx sprach sich zudem für die Modernisierung des Kleeblatt-Systems aus, das während der Corona-Pandemie zur überregionalen Verlegung von Intensivpatienten innerhalb Deutschlands etabliert wurde. Ebenso brauche es eine Echtzeitabfrage von Kapazitäten, dabei habe das DIVI-Intensivregister gezeigt, was möglich sei. Telemedizinische Strukturen müssten deshalb verpflichtend in jedem Bundesland aufgebaut werden, andernfalls werde sich weder die Reform noch die Krise bewältigen lassen.
„Nicht an der Digitalisierung sparen, sondern mit der Digitalisierung“
(Bild: Marie-Claire Koch / heise medien)
Im Anschluss machte Philipp Müller, Leiter der Abteilung 5 „Digitalisierung und Innovation“ im Bundesgesundheitsministerium (BMG) deutlich, dass das Ministerium nicht „an der Digitalisierung sparen“ wolle, „sondern mit der Digitalisierung“ – mittel- und langfristig sollten so auch Effizienzen gehoben werden. Dieser Gedanke ziehe sich durch die Roadmap des Ministeriums.
Müller verwies, wie bereits auf dem Future Health Day der Telekom und auch auf der DMEA, auf die im Vorjahr verabschiedete neue Digitalisierungsstrategie, die nach seinem Amtsantritt um das Thema KI ergänzt wurde. An Zielen wie 20 Millionen aktiven Nutzern der elektronischen Patientenakte und 300 Forschungsvorhaben bis 2030 wolle sich das Ministerium messen lassen. Außerdem soll KI eine größere Rolle spielen. Man fange nicht bei null an, betonte Müller. Bisher seien rund 30 Millionen Dokumente hochgeladen worden, beim E-Rezept liege das Volumen bei 1,3 Milliarden Rezepten.
Die Kritik, die ePA werde von Patientinnen und Patienten nicht genutzt, nehme man ernst: „Da arbeiten wir dran“, sagt Müller. Zugleich räumte er die allseits bekannten Probleme rund um die Telematikinfrastruktur (TI) ein. Man wolle die TI „maßgeblich stärken“ und Komplexität reduzieren. Das werde „nicht ganz ohne Nebengeräusche funktionieren“, auch deshalb solle die Gematik mit mehr Durchsetzungsbefugnissen ausgestattet werden.
Forschungsdatenzentrum und EHDS
Im Oktober feiert das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) sein einjähriges Bestehen. Müller unterstrich das Ziel, das FDZ weiter auszubauen; die Umsetzung der EHDS‑Verordnung gilt ihm dabei als zentrales Fundament eines vernetzten europäischen Gesundheitsdatenraums. Strukturierte Daten aus der ePA sollten in das FDZ einfließen, an Nutzbarkeit und Interoperabilität wolle man weiter arbeiten. Daten seien das neue Öl, zitierte Müller einen oft bemühten Vergleich, der den Wert der Daten veranschaulichen soll. Im Koalitionsvertrag sei eine Kultur des Datenteilens verankert, an deren Umsetzung das BMG arbeite.
Primärversorgung und Notfallreform
Ein zentrales Vorhaben der Legislaturperiode ist laut Müller die Primärversorgung, auch mit Blick auf die Beitragsstabilität, die Gesundheitsministerin Nina Warken auf der DMEA versprochen hatte. Ziel sei eine bessere Steuerung und effizientere Patientenversorgung. Es solle stark auf digitale Elemente gesetzt werden. Mit dem aktuellen Gesetzentwurf will das Bundesgesundheitsministerium Vorarbeit leisten und einen Dreiklang aus digitaler Ersteinschätzung, Terminvermittlung und Überweisung verfolgen. Es gehe dabei nicht um „trial and error“, betonte Müller. Stellschrauben sollten so gesetzt sein, dass nachjustiert werden könne. Konstruktive Hinweise nehme das Ministerium gerne – auch auf digitalem Wege – entgegen.
Zum Thema Cybersicherheit betonte Müller, dass der Gesundheitssektor in Europa zu den am häufigsten angegriffenen Sektoren zähle. Bilder von geschlossenen Notaufnahmen wolle niemand sehen, sagte er. Das BMG plant im Zuge der NIS2-Umsetzung ein Sofortprogramm in Milliardenhöhe, das nicht nur Krankenhäuser, sondern auch Apotheken und weitere Einrichtungen einbeziehe.
Digitalisierung als Gemeinschaftsaufgabe
Aus den ursprünglich zwei geplanten Gesetzen zu Digitalisierung und Datennutzung ist eines geworden. Die Ministerin habe entschieden, beide Vorhaben zusammenzuführen – das hätten allerdings nicht alle im Ministerium von Anfang an geteilt, räumte Müller mit einem Augenzwinkern ein. Vieles sei bereits aufgeschrieben; zum bislang geleakten Entwurf könnten sich Beteiligte dann im Stellungnahmeverfahren äußern. Mit dem Gesetz wolle man unter anderem die ePA weiterentwickeln und die Telematikinfrastruktur stärken.
Abschließend betonte Müller, das Vorhaben sei eine Gemeinschaftsaufgabe: „Wir wollen das alles nicht allein machen, wir können das auch nicht allein machen“. Mit der DGTelemed sei man dafür gut aufgestellt. Es gehe nicht nur ums Sparen, sondern auch um Effizienz und eine bessere Versorgung mit den verfügbaren Mitteln, wenn man es gemeinsam richtig mache. „Wir können besser werden, besser versorgen [...] wenn wir es richtig machen“.
(mack)