OMR26: Scott Galloway warnt vor dem Platzen der KI-Blase

Der bekannte Marketingprofessor präsentierte auf der Digitalkonferenz in Hamburg seine Vorhersagen für 2026. Den KI-Champions prophezeit er schwere Zeiten.

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Ein Mann im schwarzen Anzug, von hinten und im Hintergrund ein voller Saal

Scott Galloway auf der BĂĽhne

(Bild: Daniela Schenk/MOR)

Lesezeit: 5 Min.
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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Scott Galloway gehört auf der OMR inzwischen fast schon zum Inventar. Der Professor der Stern School of Business, Autor und Podcaster, lieferte in Hamburg auch in diesem Jahr in seiner Keynote die Vorhersage für das Tech-Jahr. Seine neun Hypothesen für 2026 kreisen um eine zentrale Frage: Wie lange läuft der KI-Hype noch – und welche gesellschaftlichen Implikationen hat er?

Galloway sieht im Datacenter-Boom die eigentliche KI-Übertreibung. Laut Galloway seien weitaus mehr neue Rechenzentren angekündigt als bisher gebaut worden. Der Hype der letzten dreieinhalb Jahre stoße an seine Grenze. KI brauche Chips, Strom, Kühlung und Kapital. Je größer der Ausbau, desto stärker rücken hohe Energiepreise, Infrastrukturgrenzen und politische Widerstände in den Fokus. Die Hyperscaler müssten nun zudem zeigen, dass der enorme Ressourcenbedarf durch reale Produktivitätsgewinne gedeckt wird.

Nvidia und OpenAI waren die großen Gewinner des seit der Freigabe von ChatGPT laufenden KI-Zyklus. Galloway sieht beide jetzt jedoch unter Druck. Bei OpenAI wächst die Konkurrenz im Unternehmenskundengeschäft. Hier soll Anthropic OpenAI bei den KI-Ausgaben bereits überholt haben – mit rund 70 Prozent gegenüber etwa 25 Prozent.

Gleichzeitig greifen chinesische Open-Source-Modelle das untere Marktsegment an. Das setzt Preise und Margen unter Druck. Nvidia ist bislang der zentrale Gewinner der KI-Infrastruktur, ist aber stark abhängig davon, dass der Ausbau der Rechenzentren weiter in hoher Geschwindigkeit läuft.

Jahr für Jahr kürt Galloway seinen Favoriten unter den Aktien der „Magnificent Seven“ – und lag dabei 2025 mit seinem Favoriten Alphabet goldrichtig. Bereits Ende 2025 machte Galloway seinen Favoriten für dieses Jahr aus – nämlich Amazon. Seine Begründung: Der E-Commerce-Pionier sei historisch günstig bewertet und habe weiter große operative Hebel.

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Dabei geht es vor allem um Automatisierung, Robotik, Logistik und Skaleneffekte. Amazon hat über Jahre bewiesen, wie konsequent der US-Konzern Technologie in Effizienz übersetzt. Wenn Robotik in Lagern und Lieferketten den nächsten Sprung macht, könnte Amazon davon besonders profitieren. Bislang geht Galloways Einschätzung auf: Mit einem Kursplus von 19 Prozent hat sich die Amazon-Aktie 2026 bislang am zweitbesten entwickelt – nach erneut Alphabet.

Galloway sieht Raumfahrt als den wichtigsten Wachstumsmarkt der kommenden Jahre. Er spricht von der „Mother of all addressable markets“. SpaceX ist hier inzwischen für mehr Starts verantwortlich als alle anderen US-Anbieter zusammen.

Die Logik hinter der These: Satelliten, Konnektivität, Verteidigung, Erdbeobachtung und geopolitische Infrastruktur werden immer wichtiger. Space ist damit längst mehr als ein Prestigeprojekt. Für Anleger bleibt das Feld allerdings kompliziert, weil viele der spannendsten Unternehmen privat sind. Noch zumindest: SpaceX will bekanntlich 2026 an die Börse. Galloway rechnet dabei allerdings mit überzogenen Erwartungen und Kursen.

Das US-Geschäft von TikTok, das im Januar an ein Konsortium von Oracle, Silver Lake und MGX verkauft wurde, ist für den Bestsellerautor („The Four“) einer der attraktivsten Tech-Werte überhaupt.

Die riesige Reichweite, junge Nutzer, der große kulturelle Einfluss und die Werbemacht machen TikTok zum Filetstück der Social-Media-Landschaft – und politisch so sensibel. Wer TikTok kontrolliert, kontrolliert auch die Aufmerksamkeit auf dem Smartphone. Für Investoren wäre das hochattraktiv – doch TikTok US wird nicht börsengehandelt und ist damit nicht direkt zugänglich.

Die Traumfabrik Hollywood bekommt Druck von mehreren Seiten. Kurzvideos binden Aufmerksamkeit, Creator bauen eigene Medienmarken auf, Video-Podcasts wachsen, während KI die Produktionskosten senkt.

Galloway beschreibt den Kurzvideo-Trend und die Möglichkeiten der KI als Meteoriten, die auf das klassische Studio-Modell treffen. Inhalte entstehen schneller, günstiger und näher am Publikum. Für Filmstudios und TV-Anbieter wird die Konkurrenz um Aufmerksamkeit damit noch härter.

Galloway hält wenig von der These, dass klassische Bildung durch KI entwertet wird. Für ihn bleibt ein Studium eines der stärksten sozialen und ökonomischen Schutzfaktoren: Uni-Absolventen leben im Schnitt mehr als sechs Jahre länger, haben weniger Scheidungen und weniger Übergewicht. In der KI-Ära könnte Bildung sogar wichtiger werden, weil gut ausgebildete Menschen neue Werkzeuge produktiver einsetzen.

Der vielleicht gesellschaftlich wichtigste Punkt betrifft „AI-Companions“. Laut Galloway haben bereits 72 Prozent der US-Teenager schon einen KI-Begleiter genutzt. Daraus leitet er eine große gesellschaftliche These ab: Einsamkeit könnte zur wichtigsten Konsumkategorie der nächsten Dekade werden. KI-Begleiter können Nähe simulieren, bergen aber das Risiko, reale Bindungen weiter zu verdrängen.

Galloway erwartet, dass Vermögen aus politisch volatileren Regionen verstärkt in sichere europäische Standorte fließt. London, Mailand und Genf könnten davon profitieren, weil große Vermögen Rechtssicherheit, politische Stabilität, internationale Infrastruktur und verlässliche Steuerrahmen suchen.

(mho)