Gedächtnis der Menschheit: Das Internet Archive schlägt Wurzeln in der Schweiz
Mit einer Stiftung in St. Gallen will das Internet Archive nicht nur bedrohte Archive retten, sondern auch die KI-Ära konservieren. Doch Widerstände wachsen.
(Bild: rawf8/Shutterstock.com)
Vor drei Jahrzehnten trat Brewster Kahle mit der Vision an, einen universellen Zugang zum Wissen zu ermöglichen. Was 1996 als ehrgeiziges Projekt des US-Informatikers mit dem Internet Archive und der mittlerweile vor allem bekannt gewordenen Wayback Machine begann, ist heute Teil des digitalen Rückgrats der kollektiven Erinnerung. Doch das Internet transformiert sich aktuell durch generative KI radikal, was die Bewahrung des Wissens vor neue Hürden stellt. In diesem Umfeld schlägt die Organisation nun mit der Gründung des Internet Archive Switzerland in St. Gallen ein neues Kapitel auf.
Die Wahl des Standorts ist kein Zufall: St. Gallen blickt mit ihrer Unesco-geschützten Stiftsbibliothek auf eine über tausendjährige Tradition der Archivierung zurück. Laut dem Geschäftsführer des Schweizer Ablegers, Roman Griesfelder, bietet das dortige akademische Umfeld den idealen Nährboden, um das universelle Wissen in einer sicheren Umgebung einen Schritt weiter in die Zukunft zu tragen.
KI-Modelle als neues Kulturgut
Die eidgenössische Stiftung agiert nach Angaben der Institution rechtlich eigenständig, ist aber Teil eines globalen Netzwerks unabhängiger Bibliotheken. Ein Schwerpunkt liegt auf der Sicherung bedrohter Archive weltweit. Ein Thema, das auch bei einer im November geplanten Pariser Unesco-Konferenz im Fokus stehen wird. Parallel dazu widmet sich die Stiftung in Kooperation mit der Universität St. Gallen dem Gen AI Archive: Unter der Leitung von Professor Damian Borth sollen erstmals KI-Modelle systematisch archiviert werden.
Dabei handelt es sich um einen Wettlauf mit der Zeit. Webseiten gelten bereits als flüchtiges Medium. Doch KI-Modelle verändern sich so rasant, dass ihre historische Dokumentation klassische Archive überfordert. Um in Zukunft zu verstehen, wie Algorithmen die heutige Gesellschaft formen, will die Einrichtung neben Ergebnissen der KI auch die Modelle selbst konservieren. Weitere Internet-Archive-Dependancen gibt es bereits in beziehungsweise für Kanada und Europa als Ganzes.
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Kollateralschaden im KI-Krieg
Parallel wächst der Widerstand gegen die Bemühungen der Online-Historiker. Immer mehr Verlage wie die New York Times blockieren die Crawler der Wayback Machine: Sie fürchten, ihre Inhalte könnten ungefragt als Trainingsmaterial für KI-Giganten wie OpenAI dienen. Der Direktor der Suchmaschine, Mark Graham, sieht das Archiv so zum Kollateralschaden in einem Konflikt werden, in dem es eigentlich um Urheberrechte und Lizenzgebühren geht und der auf dieser Ebene gelöst werden müsste.
Dabei zeigt sich oft, dass selbst große Medienhäuser ihre eigene digitale Historie nicht lückenlos pflegen können. Graham berichtet von Redakteuren, die in eigenen Archiven Material vermissten. Dieses sei dann nur noch in der Wayback Machine auffindbar. Experten wie die Medienanwältin Kendra Albert warnen: Wer Archiv-Bots pauschal sperre, um KI-Scraper fernzuhalten, drohe, das kulturelle Gedächtnis der Gegenwart zu löschen. Die neue Schweizer Präsenz soll hier als stabiler Anker für die öffentliche Zugänglichkeit dienen.
(mma)