Digitale Selbsthilfe: App bietet Unterstützung für pflegende Angehörige
Pflegende Angehörige sind oft stark belastet und isoliert. Die App in.kontakt bietet Raum für Austausch und soll für niedrigschwellige Unterstützung sorgen.
(Bild: wir pflegen Bundesverband)
Die Pflege von Angehörigen zu Hause ist oft eine enorme Herausforderung und wirkt oft isolierend. Als „Tor zur Welt“ will der Verband wir pflegen über die App in.kontakt Betroffene mit einer Online-Selbsthilfe-Community verbinden. Das soll Betroffenen helfen, sich mit anderen pflegenden Angehörigen zu vernetzen und Wissen auszutauschen. Die Anwendung ist, im Gegensatz zu kommerziellen Apps, die sich an pflegende Angehörige richten, kostenlos.
Entstanden ist in.kontakt und digitale Selbsthilfe im Rahmen des dreijährigen Modellprojekts OSHI-PA (Online-Selbsthilfe-Initiativen für pflegende Angehörige) zwischen 2018 und 2020, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit und der Techniker Krankenkasse. Seit Ende 2020 erhält das Projekt Fördermittel für die Selbsthilfeentwicklung.
(Bild: wir pflegen Bundesverband)
Über in.kontakt und die Motivation hinter der App hat heise online mit Nicola Gansert vom Bundesverband „wir pflegen“ gesprochen.
Was war Ihre Motivation, in dieses Thema einzusteigen und die App zu entwickeln?
Wir sind die Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation für pflegende Angehörige. 86 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – häufig ohne professionelle Hilfe. Die Hauptlast tragen die pflegenden Angehörigen und pflegenden Eltern. Wir möchten ihnen in der Gesellschaft und Politik eine Stimme geben, aber auch den Austausch und die Vernetzung untereinander fördern. Neben unseren lokalen Selbsthilfegruppen entstand der Wunsch, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit von zu Hause aus vernetzen zu können. So ist in.kontakt als digitale Selbsthilfeplattform entstanden. Sie bietet Chatkanäle und eine Wissensrubrik, beispielsweise mit Ratgebern zur Windelversorgung.
Pflegende Angehörige haben ein viel höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken oder sich zu überlasten. Selbsthilfeangebote haben einen präventiven Charakter und stärken die Resilienz. Das ist ein super niederschwelliges Angebot. Leider werden pflegende Angehörige bei neuen Entwicklungen oft gar nicht mitgedacht. Wir versuchen, die Bedürfnisse von unten nach oben zu entwickeln – aus den Chats heraus sehen wir genau, was die Menschen gerade bewegt.
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Für die App arbeiten wir mit vmapit zusammen, weil die Entwickler insbesondere für gemeinnützige Vereine Unterstützung anbieten. Das Ganze entstand in Kooperation mit einer Hochschule. Die Daten liegen auf eigenen Servern von vmapit und es gibt keine Datenweitergabe.
Gibt es die Plattform auch als klassische Website? Gerade ältere Menschen haben oft ältere Smartphones, auf denen aktuelle Apps nicht mehr laufen.
Es gab mal eine Webversion, aber die Umsetzung war noch nicht optimal, da man sich jedes Mal neu anmelden musste. Daher fokussieren wir uns aktuell auf die App. Bei der App kann man sich einen Spitznamen geben. Anders als bei WhatsApp sieht man weder die Handynummer noch den echten Namen. So kann man ganz frei über Herausforderungen sprechen, ohne dass Daten auf die eigene Person zurückzuführen sind.
Wer moderiert diese Chaträume?
Bislang kam es erst ein einziges Mal vor, dass sich jemand nicht an die Chat-Etikette gehalten hat. Wir vom Hauptamt screenen die Kanäle regelmäßig. Zudem melden die Nutzerinnen und Nutzer Fehlverhalten sehr zuverlässig. Wir sind aktuell auch mit dem Entwicklerteam im Gespräch, ob künftig eine Künstliche Intelligenz helfen kann, unangebrachte Inhalte direkt zu löschen. Private Eins-zu-eins-Chats können wir natürlich nicht einsehen, aber Nutzer können einstellen, ob sie überhaupt privat angeschrieben werden möchten.
Wie viele Nutzerinnen und Nutzer haben Sie aktuell?
Die App wurde sehr gut angenommen. Inzwischen verzeichnet die App 5.720 Downloads und 1.306 angelegte Profile. Nur mit einem Profil kann man in den Chatkanälen aktiv sein. Wie bei vielen sozialen Netzwerken schreibt nur ein kleinerer Prozentsatz wirklich aktiv. Wir versuchen, ab und zu Impulse zu setzen, lassen der Community aber ihren Raum. Es gibt zum Beispiel lokale Kanäle für bestimmte Bundesländer oder ganz neu eine Gruppe speziell für pflegende Partnerinnen und Partner. Es ist toll zu sehen, wie dort Erfahrungswissen geteilt wird und sich Peer-to-Peer-Support entwickelt.
in.kontakt (8 Bilder)

wir pflegen Bundesverband
)Wie finanziert sich das Projekt?
Wir werden als Projekt vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen gefördert. Darüber läuft die Selbsthilfeförderung auf Bundesebene, mit der auch das Entwicklerteam bezahlt wird. Uns ist es ein großes Anliegen, dass diese Angebote für pflegende Angehörige komplett kostenlos und werbefrei bleiben. Pflege bringt ohnehin schon genug Aufwand und finanzielle Belastungen mit sich.
(mack)