Erdgeschichte: „Schneeball-Erde“ wohl doch nicht ununterbrochen eingefroren

Vor der Entstehung komplexer Lebewesen war die Erde 56 Millionen Jahre komplett gefroren. Einfache Organismen haben aber wohl doch von Pausen profitiert.

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Künstlerische Darstellung einer zugefrorenen Erde

(Bild: Harvard University)

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Unsere Erde war vor 700 Millionen Jahren womöglich doch nicht für 56 Millionen Jahre ununterbrochen als „Schneeball-Erde“ fast komplett zugefroren. Zwischendurch gab es offenbar doch längere Unterbrechungen, hat ein Forschungsteam aus den USA herausgefunden. Es behauptet, damit eine der größten Fragen zu diesem Zeitraum der Erdgeschichte beantwortet zu haben. Denn bislang sei vollkommen unklar gewesen, warum die Erde so viel länger zugefroren war, als es sich aus Klimamodellen ergeben hat. Die eisfreien „Treibhaus-Unterbrechungen“ könnten demnach auch erklären, wie auf Luftsauerstoff angewiesene Lebewesen diese Epoche überstanden haben, meint Erstautorin Charlotte Minsky von der Harvard University.

Als „Schneeball-Erde“ wird eine Epoche der Erdgeschichte bezeichnet, in der unser Heimatplanet fast komplett zugefroren war. Das war im sogenannten Cryogenium, einer nach dieser Vereisung benannten geochronologischen Periode in der Ära des Neoproterozoikums vor 717 bis 660 Millionen Jahren. Bislang sei man davon ausgegangen, dass die Erde bis zu 56 Millionen Jahre komplett zugefroren gewesen sein könnte. Das hätten die Modelle aber nicht vorhergesagt. Gleichzeitig sei unklar gewesen, wieso der Sauerstoff in der Luft in dieser Zeit nicht komplett verschwunden ist. Um diese Fragen zu klären, hat das Forschungsteam anhand mehrerer Modelle zum damaligen Klima und zum Kohlenstoffdioxidkreislauf versucht, den genauen Ablauf der Epoche zu ergründen.

Wie die Universität Harvard ausführt, basiert die Analyse auf der Annahme, dass Vulkanausbrüche im heutigen Nordkanada den CO₂-Gehalt der Atmosphäre so stark gesenkt haben, dass die erste Vereisung eingesetzt habe. Später hätten weitere Vulkane und andere Prozesse ihn wieder so stark steigen lassen, dass der Treibhauseffekt das Eis vorübergehend habe schmelzen lassen. Es habe sich ein Zyklus aus Vereisungen und Tauperioden eingestellt, der über dutzende Millionen Jahre gehalten habe. Damit würden gleich mehrere Paradoxe zu dieser Epoche aufgeklärt, behauptet die Forschungsgruppe. Obendrein würde die Erklärung zu untersuchten Sedimentmustern passen, bei denen sich dieser Wechsel in der Verwitterung zeigt.

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Die „Schneeball-Erde“ ist der Entstehung von komplexem Leben vorausgegangen. Dazu mussten die einfachen Organismen diese besonders lebensfeindliche Umgebung aber erst einmal überstehen. Deshalb ist die Periode für die Forschung von Interesse. Ein japanisches Forschungsteam hat vor mehreren Jahren die Hypothese aufgestellt, dass gigantische Asteroideneinschläge der vielfachen Stärke von jenem, der die Dinosaurier erledigte, diese Epoche ausgelöst haben könnten. Darauf waren sie über die Analyse von Mondkratern gekommen. Der Erdtrabant wurde zu dieser Zeit offenbar besonders häufig getroffen. Die Forschungsarbeit zu den möglichen Unterbrechungen der Vereisungen ist jetzt in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen.

(mho)