Learntec 2026: Den Stöpsel gezogen?
Wenn man sich an das Ende der CeBIT während der Learntec erinnert, ist das ein nicht so gutes Zeichen. Die eingetrübte Stimmung hat aber nicht nur einen Grund.
Normalerweise schaut man zur Learntec eher auf AmeisenhĂĽgel-artige Szenen in der Messe-Eingangshalle. Dem war dieses Jahr nicht so.
(Bild: kbe/heise Medien)
Manche Partys betritt man und spürt gleich, dass die Stimmung nicht zur fröhlichen Einladung passt. Manchmal ahnt man auch schon im Vorhinein, dass nichts Außerordentliches zu erwarten sein wird, aber man geht trotzdem hin, weil Fehleinschätzungen immer möglich sind. Surprise me – in a good way! Für die diesjährige Learntec hat sich meine vorangegangene Ahnung vor Ort allerdings bestätigt: Die (KI-)Luft ist raus, die Stimmung hat sich abgekühlt, das Interesse ist gesunken. Aber wieso ist das so?
Sichtlich weniger los
Zunächst zu den konkreten Zahlen: Es kamen in diesem Jahr circa 11.000 Besucher aus 34 Ländern vom 5. bis zum 7. Mai zur Messe Karlsruhe. 11.000 Besucher zählte die Learntec zuletzt im Jahr 2022, nach einem sogenannten Neustart aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Zuvor hatte sie im Jahr 2020 mit circa 15.600 Besucherinnen und Besuchern die bisher meisten Menschen nach Baden-Württemberg gelockt. Nach 2022 ging es mit steigenden Zahlen bis 2024 weiter (14.000), und seit 2025 ist wieder ein Rückgang zu erleben. Im vergangenen Jahr waren noch etwa 13.000 Besucher aus 40 Ländern dabei.
Die diesjährigen Zahlen stellten sich vor Ort deutlich dar. Die sonst gut frequentierte Eingangshalle blieb erstaunlich leer, der in vorangegangenen Jahren spürbare Enthusiasmus zwischen den Messeständen schien gedrückt. Die parallel stattfindende Konferenz wurde in meiner Wahrnehmung mit mehr Interesse besucht als die Angebote in den Messehallen.
Erschlagende BMI
Was Aufbruchstimmung und auch Enthusiasmus der vergangenen Jahre auf jeden Fall getrübt haben dürfte, ist ein weniger offener Markt für digitale Bildungsanbieter im Schulbereich. Die sonst föderal agierenden Länder haben sich inzwischen zum Teil zusammengetan, um Lernplattformen und KI-Tools für den Unterricht entwickeln zu lassen. Ausführender ist das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU). Bis 2027 soll das FWU als Auftraggeber die adaptive Lernplattform AIS entwickeln lassen. Der dort bereits entwickelte Chatbot Telli, der nun AIS.Chat heißt, ist auch schon in einigen Bundesländern für öffentliche Schulen nutzbar. Sowohl die bisherige Auftragsvergabe als auch die Finanzierung – zum Teil aus DigitalPakt-Geldern – sind immer wieder in die Kritik geraten. Das Ziel dieser Bemühungen? Eine staatliche Bildungsmedieninfrastruktur (BMI) nach den genauen Vorstellungen der Länder zu schaffen. Oder wie das FWU es ausdrückt: „Mit der Bildungsmedieninfrastruktur (BMI) wird [...] gemeinsam mit den Ländern ein verlässliches, zukunftsfähiges Netzwerk aus digitalen Medien und Tools für die Schule [geschaffen].“ Das heißt für viele private Anbieter wie etwa Fobizz allerdings auch: Ihr seid bald raus – wir brauchen euch nicht mehr.
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Denn Fobizz und Mitstreitende wurden in den vergangenen Jahren durch die Corona-Pandemie und die Einführung von generativer KI für den Schulbetrieb wichtiger und konnten entsprechend über Landeslizenzen wachsen – sie sprangen in die noch offene Marktlücke. Der nötige Distanzunterricht gab digitalen Lern- und Lehrplattformen einen Aufwind. Und Plattformen, die die schulische Nutzung von KI-Angeboten wie ChatGPT oder Midjourney vereinfachten oder auch datenschutzrechtlich weniger schwierig machten, konnten ebenfalls eine schnelle Antwort auf sich verändernde Unterrichtsbedürfnisse bieten.
Dass sich nun aber nicht nur neue private Anbieter an Lern- und Lehrangeboten gegen die bisherigen BMI-Planungen auflehnen, zeigt in einem aktuellen LinkedIn-Eintrag einer der Geschäftsführer des Ernst-Klett-Verlags, Maximilian Schulyok, denn auch die großen klassischen Schulbuchverlage haben längst digitale Angebote aufgebaut. Schulyok erklärte in der vergangenen Woche, dass der Verband Bildungsmedien, das Bündnis für Bildung, der Didacta-Verband und der EdTech-Verband die Bundesländer in einem gemeinsamen Brief dazu aufgefordert haben, den Vertrag über den Aufbau und den Regelbetrieb des BMI entsprechend zu überarbeiten.
Während also das BMI die Marktlage perspektivisch deutlich verengt beziehungsweise weiter verengen könnte, bleiben auch die DigitalPakte grundlegende Probleme. Sie werden für einige Jahre aufgelegt, sind aber unsichere Verhandlungsmasse mit einkalkulierten Finanzierungslücken. Digitale Bildungsangebote oder auch schon nur eine digitale Infrastruktur werden also eher als Extra oder auch notwendiges Übel für ein paar Jahre bezuschusst, aber nicht als fester Bestandteil des Bildungssektors gesehen und so verankert. Nachhaltige Geschäfte sind so schwer möglich.
Dass in den Messehallen der diesjährigen Learntec weniger laut und verheißungsvoll große Digital- und KI-Versprechen abgegeben wurden, mag zusätzlich an den hitzigen (teils weltweiten) Debatten der vergangenen Monate liegen. Denn es ist eine allgemeine Eintrübung des Enthusiasmus in Bezug auf Digitalität durch die Debatten zu Social-Media- und Smartphone-Verboten für Heranwachsende (Digital Wellbeing) zu spüren. Und die Veröffentlichung immer neuer, unausgereifter KI-Modelle auf die breite Bevölkerung lässt die großen KI-Versprechen auch immer hohler aussehen. Ablesbar war das auch am Learntec-Kongressprogramm, das sich auffallend häufig mit Gesundheits-, Wohlbefindens- und auch KI-Verlässlichkeitsfragen auseinandersetzte.
Zu guter Letzt hat die Learntec sicherlich auch dadurch an Attraktivität verloren, dass mittlerweile die Didacta das Digitale ganz gut abdeckt und jeweils früher im Jahr stattfand. Zudem wurde sie parallel zur OMR in Hamburg ausgerichtet und die New Work Evolution, die neben der Learntec auf dem Messegelände Karlsruhe durchgeführt wird, könnte durch Zurück-ins-Büro-Bewegungen ebenfalls Federn gelassen haben. Um Didacta und OMR wohl zukünftig wieder ein Schnippchen schlagen zu können, wird sie für das Jahr 2027 auf den 2. bis 4. Februar verlegt. Damit kehrt sie zu ihrem eigentlichen Terminfenster zurück, das sie aufgrund der Pandemie in den Frühling verlegt hatte.
(kbe)