Der Prophet des Andersseins
Morinosuke Kawaguchi hat einen neuen Begriff fĂĽr sich definiert: Subkultur-Engineering. Von Japan aus soll es die Welt erobern.
- Martin Kölling
Morinosuke Kawaguchi hat einen neuen Begriff fĂĽr sich definiert: Subkultur-Engineering. Von Japan aus soll es die Welt erobern.
Das Interessante an Japans Konformismus ist, dass er immer wieder extreme Querdenker kreiert, die mit ihren Ideen den Erkenntnis- oder Produktionsprozess der Welt voranbringen können. Einer meiner jüngsten Gesprächspartner aus dieser Rubrik ist Morinosuke Kawaguchi, der sich vom supergeerdeten Hitachi-Ingenieur zum avantgardistischen Vordenker einer neuen Richtung im Produktdesign entwickelt hat: dem Subculture-Engineering. Gewagt fragt Kawaguchi, heute Associate Director bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little: Warum soll ein Handy nicht so gestaltet sein, dass es seinem Nutzer ein ähnliches Gefühl der Sicherheit vermittelt wie die Kuscheldecke von Charly Browns Freund Linus?
Seine Antwort hat er in ein Buch mit dem schier unübersetzbaren Titel "Otaku de Onnanoko na Kuni no Monozukuri" gepackt. Kawaguchis eigene englische Übersetzung hört sich cool an: "Neon Genesis of Geeky-Girly Japanese Engineering". Auf Deutsch könnte man vielleicht sagen: Das Erfolgsgeheimnis des fetisch-mädchenhaften japanischen Ingenieurwesens.
Sein Gedankengang ist offenbar derart packend, dass das Buch in Japan die Bestsellerlisten stürmte. Der damalige Ministerpräsident und Hardcore-Fan japanischer Manga-Comics, Taro Aso, der sogar im Dienstwagen Mangas liest, schrieb ihm sogar persönlich eine Widmung. Das Buch sei "voller Weisheit und Hinweise", wie Japan das Potenzial seiner Subkulturen zu seinem Vorteil einsetzen könne. In Taiwan wurde die chinesische Übersetzung dieses Jahr in die Hitliste der "Großen Technikmanagement-Bücher" gewählt. Und das koreanische Institut für Industrietechnik (Kitech) hat sogar eine Studiengruppe mit Top-Wissenschaftlern, Ingenieuren und Managern eingerichtet, um Kawaguchis Ideen zu studieren und Anregungen für die eigene Produktentwicklung zu gewinnen, um dann Japan mit japanischen Ideen zu schlagen.
Die Botschaft des Subkultur-Ingenieurs: Da immer mehr Technikprodukte zur Massenware werden, rücken Inhalten und Funktionen in den Mittelpunkt des Designs. Für die nächste Stufe der technischen Entwicklung müssen Firmen daher das japanische Konzept des Monozukuri (Exzellenz in Produktion und Qualität) mit emotionaler Gestaltung verbinden. Und besonders das Studium der kindlichen Aspekte der Subkulturen kann Anregungen für die nächste Generation von globalen Hightech-Hits liefern, seien es nun japanische Teenager oder Otaku, die etwas verklemmt wirkenden Sammler und Technikfreaks.
Zu bestaunen gibt es da wirklich genug. Denn Japan ist dank seiner ausgeprägten Kultur der Bedürfnisbefriedigung ein Quell aufreizender Ideen mit globaler Suchtkraft. Seien es nun die Roboterklos mit ihren beheizbaren Klobrillen das in den 90er Jahren auch in Deutschland zu Ruhm gekommene digitale Tamagotchi-Küken.
Die meisten Anregungen empfängt Kawaguchi nicht von ungefähr von Spielzeugdesignern. Denn diese Kreativen müssen nicht über die mechanischen Funktionen ihr Spielzeug verkaufen, sondern ihre Kunden emotional packen. Und nirgendwo geht es dabei so innovativ zu wie in Japan, weil die Inselnation ein Reich der Subkulturen ist: Otaku verschiedenster Couleur pflegen ihre Spleens noch extremer als die Engländer es tun (was ja nicht wundert, liegt Japan doch noch weiter vom Festland entfernt als Europas Insulaner).
In Kawaguchis Wohnung wimmelt es nur so von Beispielen. Ein etwa drei mal drei Zentimeter großer Quader mit Gumminoppen simuliert beim Druck auf die Noppen das Geräusch, das entsteht, wenn man die Luftblasen einer Luftpolsterfolie zerdrückt. Kawaguchis Lieblingsspielzeug ist derzeit ein kleiner Handy-Anhänger in Form einer Chikuwa, einer aus Fischmehl gepressten Rolle, die normalerweise mit Gurkensticks oder Fischeiern gefüllt serviert wird. Kawaguchi drückt auf die kleine Gummi-Chikuwa, es glitscht ein Gurkenimitat heraus. "Das ist ein so nettes Gefühl, man kann gar nicht aufhören zu drücken", sagt der Elektronikerfinder. Das sei perfekt. Auf den Punkt gebracht meint Kawaguchi, dass die Menschheit technisch zurück in die Ära der Kindheit fortschreitet.
Für Japan fordert er, sich genau auf diese neue Designform, das Nachdenken über das Interface und die Bedürfnisbefriedigung, zu konzentrieren, weil im Produzieren die Chinesen billiger und im Software-Engineering die Amerikaner und Inder besser sind. Japan solle nicht mit den Apples und Googles der Welt um die Marktbeherrschung kämpfen, appelliert er. Das sei ein Kampf bis aufs Blut, der viele Opfer fordere, statt Unternehmensvielfalt zu fördern.
Ergo: Japan soll sich auf die Menschen und ihre versteckten Wünsche konzentrieren und dabei seine Erfahrungen nutzen, ressourcenschonend zu wirtschaften. "Der Sinn des Lebens ist nicht das Gewinnen – sondern das Überleben", sagt Kawaguchi. So stark habe ich schon lange keinem Interviewpartner mehr beipflichten wollen. (bsc)