Lichtgedichte vom Laser

3D-Druck war bisher ein Verfahren für wenige Spezialanwendungen in der Industrie. Jetzt erobert es den Massenmarkt – und setzt einen Kreativitäts-Turbo in Gang.

vorlesen Druckansicht 4 Kommentare lesen
Lesezeit: 17 Min.

3D-Druck war bisher ein Verfahren für wenige Spezialanwendungen in der Industrie.Jetzt erobert es den Massenmarkt – und setzt einen Kreativitäts-Turbo in Gang.

Auf der Webseite www.shapeways.com sind einfache Ring-Gedichte („Ring Poems“) fĂŒr sechs bis zehn Dollar zu haben, in der Bronze-AusfĂŒhrung ab 59 Dollar. Licht-Gedichte („Light Poems“) sind mit 49 Dollar – inklusive Mehrwertsteuer, zuzĂŒglich Versand – etwas preiswerter.

Wer sich unter einem Ring-Gedicht nichts vorstellen kann, fĂŒr den hat die niederlĂ€ndische Firma Shapeways Beispielfotos ins Netz gestellt. Einige Produkte des kleinen Spin-offs von Philips sind so neu, dass es dafĂŒr noch gar keine allgemein verstĂ€ndliche Bezeichnung gibt. Hinter den poetischen Namen „Ring Poem“ und „Light Poem“ verbergen sich Servietten-Ringe und TeelichtstĂ€nder – allerdings mit einer Besonderheit: Über ein kleines Java-Programm geben Kunden ĂŒbers Internet einen beliebigen Text vor, dessen Buchstaben sich dann zu einem ringförmigen Gitter formen. Bei Schrifttyp, Farbe und Material können Nutzer zwischen verschiedenen Optionen wĂ€hlen. Zehn Tage spĂ€ter wird das fertige Produkt aus Kunststoff oder Metall nach Hause geliefert.

Die individuellen Geschenke basieren auf einer Technologie, die bisher nur wenigen Spezialisten in der Industrie vertraut war – der sogenannten additiven Fertigung („Additive Manufacturing“, AM). Diese etwas sperrige Bezeichnung hat sich in den letzten Jahren als Oberbegriff fĂŒr Herstellungsverfahren wie Stereolithografie oder Lasersintern (siehe Kasten Seite 66) etabliert. Andere gelĂ€ufige Bezeichnungen sind „3D-Druck“, „generative Fertigungsverfahren“ oder „Schichtbauverfahren“. Ihnen ist gemein, dass WerkstĂŒcke in ihrer kompletten rĂ€umlichen Gestalt schrittweise aus mikrometerdĂŒnnen Schichten aus Kunststoff, Harz, Gipspulver oder Metall aufgebaut werden.

Lange Zeit galt AM als Synonym fĂŒr „Rapid Prototyping“, der schnellen Herstellung von Anschauungsmodellen. Designer können dank der AM-Verfahren beispielsweise rasch und mit wenig Aufwand ĂŒberprĂŒfen, wie ein neuer Akkuschrauber in der Hand liegt, auch wenn dessen Design bisher nur in Form von Konstruktionsdaten existiert; Architekten können ihren Kunden das dreidimensionale Abbild eines geplanten GebĂ€udes in die Hand geben; Chirurgen können sich aus den Daten einer Computertomografie ein realistisches Organmodell erstellen lassen, um eine OP zu planen.

Doch in den letzten Jahren sind die AM-Anwendungen weit ĂŒber ihre Prototyp-Nische hinausgewachsen. Dabei gibt es drei große Trends:

  • Dank immer besserer Materialien werden auch hochbelastbare Endprodukte fĂŒr den praktischen Einsatz hergestellt („Rapid Manufacturing“).
  • AM-Maschinen sind mittlerweile so preiswert, dass sie auch in Privathaushalten Einzug halten können, um dort per Mausklick Nachschub an HaushaltsgegenstĂ€nden, Spielzeugen oder Ersatzteilen zu liefern. Zudem bieten immer mehr Dienstleister den Ausdruck von 3D-DatensĂ€tzen an – zum Beispiel BĂŒsten aus Fotos.
  • AM-Maschinen ergĂ€nzen kleine, kollektiv genutzte WerkstĂ€tten, in denen BĂŒrger selbst GebrauchsgegenstĂ€nde bauen oder reparieren können („Fabbing“). Gerade in SchwellenlĂ€ndern wird das als Gegenbewegung zur industriellen Massenfertigung mit ihrer Ex-und-hopp-MentalitĂ€t gesehen.



Bei AM hingegen können die KanĂ€le schon am Computer so angelegt werden, wie es fĂŒr die KĂŒhlung optimal ist – immer möglichst nah an der OberflĂ€che. Beim Ausdrucken werden diese KanĂ€le dann einfach ausgespart. In der Praxis konnte eine von der Firma BKL-Lasertechnik hergestellte Gussform fĂŒr die Verschlusskappen von Lippenstiften wegen der besseren KĂŒhlung die Dauer des Produktionszyklus um mehr als 40 Prozent verkĂŒrzen und gleichzeitig den Ausschuss reduzieren.

NatĂŒrlich ließen sich per AM nicht nur Gussformen, sondern auch gleich die Endprodukte selbst herstellen. Doch fĂŒr große StĂŒckzahlen ist AM wohl auf absehbare Zeit zu teuer. Das hat zwei GrĂŒnde: Erstens arbeiten die Maschinen vergleichsweise langsam, da die Bauteile schrittweise aus bis zu 20 Mikrometer dĂŒnnen Schichten aufgebaut werden. Zudem sind die Baumaterialien meist sehr teuer. Doch gerade bei kleineren Serien bietet AM auch Kostenvorteile: Es entfallen Zeit und Kosten fĂŒr die Gussform, und ĂŒber eine geschickte Konstruktion lĂ€sst sich die Zahl der Einzelteile – und damit der Montageaufwand – reduzieren. Simon Marriott, Managing Director beim australischen AM-Dienstleister Formero, nennt als Beispiel die Medizintechnik-Firma Vesda, die ein Teil eines Gasanalyse-GerĂ€ts von 24 Einzelteilen dank AM auf ein einziges reduziert hat. Bei einer StĂŒckzahl von knapp 500 konnte dadurch der Herstellungspreis um fĂŒnf Prozent gesenkt werden.

In der Luftfahrtindustrie etwa sind AM-Produkte bereits in fĂŒnfstelligen StĂŒckzahlen unterwegs. Der US-Hersteller „Manufacturing on Demand“, 2002 als Spin-off von Boeing gegrĂŒndet, hat mit AM-Verfahren nach Angaben von Program Manager Chris Glock bereits rund 20000 Bauteile in die Luft gebracht – etwa komplizierte LuftkanĂ€le fĂŒr MilitĂ€rflugzeuge. Die StĂ€rken der AM-Technologie erlĂ€utert Glock an einem Beispiel: Herkömmlich musste ein bestimmter Luftkanal aus 19 einzelnen Komponenten zusammengesetzt werden. Der per Lasersintern hergestellte Kanal besteht nur noch aus einem einzigen Teil. Dadurch hat sich nicht nur das Gewicht halbiert – auch der Aufwand fĂŒr die Sicherheitszertifizierungen der einzelnen StĂŒcke hat sich auf ein Viertel reduziert.

Sogar bei tragenden Teilen kommt AM zum Einsatz: Die US-Firma Aerotonomy etwa baut komplette TragflĂ€chen fĂŒr Drohnen mit dem Schichtbau-Verfahren. Und auch schlichtere Produkte wie iPhone-Halterungen lassen sich nach SchĂ€tzung von Simon Marriott schon in Serien von 500 bis 1000 StĂŒck wirtschaftlich herstellen, weil Aufwand und Zeit fĂŒr die Erstellung einer Gussform wegfallen.

„Additive Manufacturing wird den Markt fĂŒr einfache und simple Produkte verĂ€ndern“, glaubt Marriott. „Die Kosten, um Innovationen auf den Markt zu bringen, sinken dadurch dramatisch.“ Neben Industrie und Medizin beginnt gerade eine wachsende Zahl von Designern auszuloten, welche neuen Produkte und GeschĂ€ftsideen auf Basis der AM-Technologie gedeihen können (siehe Seite 68). Als wahrer KreativitĂ€ts-Turbo hat sich dabei das GeschĂ€ftsmodell von Shapeways erwiesen: Wer eine Designidee hat, kann sie – wie beim T-Shirt-Bedrucker Spreadshirt – bei Shapeways in den Online-Produktkatalog einstellen und bekommt fĂŒr jedes verkaufte Objekt eine selbst festgelegte Marge. Produktion,Versand und Abwicklung ĂŒbernimmt Shapeways. „Jeder ist ein Designer – und jeder ein Hersteller“, sagt Terry Wohlers, Chef der auf AM spezialisierten Unternehmensberatung Wohlers Associates.

Jede Woche laden 3D-Druck-Fans bei Shapeways etwa 2500 neue Produkte hoch, zu einem Durchschnittspreis von 11,50 Euro. Darunter finden sich zu Hauf SchmuckstĂŒcke, Skulpturen, Spiele oder Designobjekte mit biologisch oder mathematisch inspirierten Geometrien – Edelstahl-Armreifen aus einer filigranen DNA-Doppelhelix zum Beispiel. Der Journalist und Branchenkenner Rein van der Mast erwartet gar eine „Wiederkehr des Jugendstils“, weil sich mit AM-Verfahren verschlungene Formen höchst einfach produzieren lassen.

Von den insgesamt rund 80000 Produkten in der Shape-ways-Datenbank lassen sich rund 650 wie die Light Poems personalisieren, vom Kugelschreiber ĂŒber Manschettenknöpfe, MĂŒslischalen und Stempel bis hin zu Foto-Reliefs. Ein Ă€hnliches GeschĂ€ftsmodell verfolgen seit 2006 der Leipziger Dienstleister RealityService GmbH oder das neuseelĂ€ndische Unternehmen Ponoko. Einige Dienstleister haben sich auf bestimmte Anwendungen spezialisiert: FigurePrints etwa druckt ausschließlich Avatare aus dem Online-Spiel „World of Warcraft“ aus, LandPrint erstellt dreidimensionale Landschaften (siehe Seite 68).

FĂŒr Frank Piller, Management-Professor an der RWTH Aachen und Co-Direktor der Smart Customization Group am Massachusetts Institute of Technology, sind Dienste wie Shapeways ein gutes Beispiel dafĂŒr, wie AM-Verfahren die sogenannte „Mass Customization“ voranbringen – also die Fertigung individueller Produkte im großen Maßstab. „Additive Manufacturing verĂ€ndert hier wirklich das Spiel“, sagte Piller auf der International Wohlers Conference im Dezember in Frankfurt. Die physikalische Grundlage fĂŒr Produkte mit der StĂŒckzahl eins ist mit AM-Maschinen schon gelegt. Was hin-gegen noch ganz am Anfang steht, ist die „Gestaltung der LösungsrĂ€ume“, wie es Frank Piller nennt.

Selbst beim Vorreiter Shapeways ist der Lösungsraum noch vergleichsweise begrenzt. Kunden können beim Light Poem etwa freien Text angeben und ansonsten nur noch zwischen vier Farben und zwei Materialien wĂ€hlen. Mit weiteren Optionen potenziert sich allerdings auch die KomplexitĂ€t der Schnittstelle. Theoretisch könnten Kunden sich beispielsweise Schuhe oder SchmuckstĂŒcke nicht nur nach ihren persönlichen Maßen anfertigen lassen, sondern auch ihre Form frei gestalten.

Doch wo sind die technischen und wirtschaftlichen Grenzen dieser Wahlfreiheit? Welche Optionen sind Spielerei, welche essenziell? Wenn Kunden zu vielen Wahlmöglichkeiten ausgesetzt seien, könne der Aufwand, die Varianten zu evaluieren, den erhöhten Nutzen der vielen Optionen leicht ĂŒbersteigen, warnt Piller. Eine entsprechende Schnittstelle mĂŒsste das Meer der Möglichkeiten fĂŒr Nutzer ĂŒberschaubar machen und gleichzeitig noch technische Restriktionen wie etwa Mindest-WandstĂ€rken berĂŒcksichtigen, ohne die KreativitĂ€t zu sehr einzuengen. „Das Problem ist nun nicht mehr, etwas zu bauen, sondern etwas anzubieten. Wir mĂŒssen den Verkaufsprozess neu erfinden und herausfinden, was die Kunden wirklich wollen“, fordert Piller. „Additive Manufacturing verlangt nach ganz neuen FĂ€higkeiten fĂŒr das Design des Lösungsraums. Das haben viele Ingenieurschulen noch nicht erkannt.“

VisionĂ€re wie der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson und Neil Gershenfeld, Direktor des Centers for Bits and Atoms am Massachusetts Institute of Technology, gehen noch einen Schritt weiter. Ihnen schwebt vor, dass AM-Maschinen irgendwann zur alltĂ€glichen Haushaltsausstattung gehören, so wie heute Tintenstrahldrucker und Mikrowelle. Fehlt eine Kaffeetasse, hat das HandygehĂ€use einen Sprung oder will man eine selbst gestaltete Obstschale verschenken, werden die GegenstĂ€nde gleich am Schreibtisch ausgedruckt. Was den Preis der Hardware betrifft, ist der 3D-Drucker fĂŒr den Hausgebrauch tatsĂ€chlich lĂ€ngst in Reichweite.

Unternehmen wie „Bits from Bytes“ oder „MakerBot“ bieten BausĂ€tze bereits fĂŒr unter 1000 Euro an – weniger, als mancher fĂŒr einen Plasmafernseher ausgibt. Rund 2500 Exemplare hat Bits from Bytes schon von seinem „RapMan“ verkauft, die meisten davon an Schulen und UniversitĂ€ten. Pro Kilo kostet das Baumaterial, ein thermoplastischer Kunststoff, 50 Euro, ein Bauteil von der GrĂ¶ĂŸe einer Wasserflasche kommt damit auf rund zehn Euro. Und seit der Großkonzern Hewlett-Packard im Mai 2010 begann, 3D-Drucker der Firma Stratasys unter eigenem Namen zu vertreiben, scheint der Weg von der Nische in den Massenmarkt endgĂŒltig geebnet. Experten erwarten, dass auch andere Druckerhersteller wie Canon auf den 3D-Zug aufspringen werden.

Doch eine preiswerte AM-Maschine ist nur der erste Schritt. Eine ebenso entscheidende Frage ist: Woher sollen die Konstruktionsdaten kommen? Bei einschlĂ€gigen Online-Communitys lassen sich zwar fertige 3D-DatensĂ€tze fĂŒr alle möglichen GegenstĂ€nde herunterladen. Aber eine einfache und preiswerte Software, mit der Nutzer ihre eigenen EntwĂŒrfe gestalten können, ist nicht in Sicht. Derzeit arbeitet die 3D-Druck-Szene in der Regel mit CAD-Programmen, die sich vor allem an Profis richten. „Die meisten unserer Nutzer haben einen Konstruktionshintergrund“, sagt Andy McLaren, Sales- und Marketing-Direktor beim Billigdrucker-Hersteller Bits from Bytes.

Ein weiteres Element, das den Hausgebrauch von 3D-Druckern sinnvoll macht, steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen: erschwingliche und robuste 3D-Scanner. Mit solchen GerĂ€ten ließe sich etwa ein gesprungenes StaubsaugergehĂ€use einscannen und replizieren. Doch die aktuellen Scanner sind – bis auf wenige Ausnahmen – fĂŒr den professionellen Bedarf entwickelt worden und entsprechend teuer. „Es ist eine interessante Idee, Scanner und 3D-Drucker zu einem Paket zu bĂŒndeln“, sagt Andy McLaren. „Daran arbeiten wir schon.“

Experten bezweifeln, ob die Vision „Ein 3D-Drucker in jedem Haushalt“ ĂŒberhaupt sinnvoll ist – es gebe schließlich genug Dienstleister, die DatensĂ€tze fĂŒr wenig Geld auf hochwertigen Maschinen ausdrucken. „Es gibt keinen Markt fĂŒr Heim-3D-Drucker“, meint Terry Wohlers, „höchstens als Unterhaltung fĂŒr Kinder.“ Zudem verarbeiten die einfachen GerĂ€te fĂŒr den Haus- und BĂŒrogebrauch jeweils nur einen bestimmten Werkstoff. Dienstleister mit einem großen Park unterschiedlicher AM-Maschinen können hingegen eine breite Auswahl unterschiedlicher Baumaterialien anbieten.

Allein die Firma EOS mit Sitz im bayerischen Krailling, MarktfĂŒhrer fĂŒr Laserschmelz-Maschinen, hat beispielsweise drei Werkstoffe fĂŒr Sandgussformen, elf Metalllegierungen und 15 Kunststoffe im Angebot – darunter neuerdings auch ein Elastomer, mit dem sich etwa Schlauchverbindungen oder Dichtungen herstellen lassen. KĂŒrzlich hat EOS eine eigene Lifestyle-Arbeitsgruppe gegrĂŒndet, die AM-Prozesse fĂŒr Gold und weitere Edelmetalle entwickeln soll. Andere Anbieter können Keramik, transparenten Kunststoff und sogar Glas verarbeiten. Bochumer Forscher arbeiten zudem an AM-Varianten von FormgedĂ€chtnis-Legierungen.

Das klingt nach viel, doch angesichts der riesigen Materialvielfalt, aus der Ingenieure bei herkömmlichen Herstellungsverfahren wĂ€hlen können, bleibt die Werkstoffauswahl ein Flaschenhals fĂŒr die industrielle Verbreitung von AM. Zudem ist es – außer mit der vor allem fĂŒr den Prototypenbau benutzten Polyjet-Technologie (siehe Kasten) – noch nicht möglich, Bauteile aus mehreren Materialien herzustellen.
Die Aufgabe, neue Materialien in die AM-Prozesse zu integrieren, ist alles andere als trivial. Es gibt viele Stellschrauben, mit denen sich entweder die Festigkeit des Bauteils oder die Schnelligkeit des Prozesses optimieren lÀsst.

Das wirft ein weiteres Problem auf: Beim Guss oder beim Schmieden wissen Konstrukteure durch jahrzehntelange Erfahrung ganz genau, wie sie ein WerkstĂŒck aus einer bestimmten Legierung fĂŒr eine bestimmte Belastung auslegen mĂŒssen. Bei der additiven Fertigung fehlen diese Erfahrungswerte noch, ebenso wie Auslegungsnormen und Standards. Als Lösung fĂŒr dieses Problem hat EOS die „Part Property Profiles“ aufgesetzt – einen Satz von Verarbeitungsparametern, die dem Kunden garantieren sollen, dass die Bauteile aus einem bestimmten Werkstoff genau definierte Kennwerte – beispielsweise zur Festigkeit – einhalten.

Die enge VerknĂŒpfung von Material und Maschine fĂŒhrt allerdings auch dazu, dass die Grundstoffe fast ausschließlich von den Herstellern der Maschinen angeboten werden. Experten fĂŒrchten bereits, dass das „Tintenstrahldrucker-Syndrom“ auch in der AM-Branche um sich greifen wird: Die Hersteller machen ihre Maschinen immer preiswerter, schlagen dafĂŒr aber immer höhere Margen auf das Verbrauchsmaterial auf. „Die Kosten fĂŒr AM-Material sind 30- bis 50-mal so hoch wie fĂŒr Gussmaterial“, sagt Michael Siemer, PrĂ€sident des US-Dienstleisters Mydea, und fordert „Open-Source-Werkstoffe“. Chemie-Riesen wie BASF zögern, mit eigenen Materialien in den AM-Markt einzutreten – zu groß ist offenbar noch die KomplexitĂ€t, zu klein der Umsatz.

Mit der weiteren Verbreitung der 3D-Technologie werden sich auch ganz neue Probleme ergeben – zum Beispiel beim geistigen Eigentum. Wenn jemand etwa eine Alessi-Zitronenpresse einscannt und die Daten zum Download ins Netz stellt – hat er damit eine Urheberrechtsverletzung begangen? Wird es eine Raubkopie-Szene fĂŒr Designobjekte geben? Oder werden Design-Firmen die 3D-Daten ihrer Bauteile irgendwann ĂŒber iTunes oder Amazon verkaufen? Und muss, wer die Daten fĂŒr einen selbst designten Babyschnuller zum Download anbietet, sich an die gleichen Sicherheitsvorschriften halten wie ein gewerblicher Hersteller? Eine Antwort darauf ist noch nicht abzusehen, aber die ersten AnwĂ€lte haben das Thema schon fĂŒr sich entdeckt.

Ein Antreiber fĂŒr AM-Techniken dĂŒrften die SchwellenlĂ€nder sein. Hier könnten preiswerte und robuste Maschinen die Grundlage legen fĂŒr eine Art Graswurzel-Bewegung der Produktion, die sich von der westlichen Massenherstellung emanzipiert. Die „Fabbing“-Bewegung von Neil Gershenfeld betreibt ĂŒberall auf der Welt kleine WerkstĂ€tten, in denen BĂŒrger selber GebrauchsgegenstĂ€nde bauen oder reparieren können (siehe Seite 74). Marktforscher Terry Wohlers ist ĂŒberzeugt, dass Additive Manufacturing in vielen Bereichen der Gesellschaft die Spielregeln neu setzen kann: „Noch nie hatte ein Herstellungsverfahren so einen Impact.“ (grh)