TÜV Nord hält die NEFZ-Verbrauchsangaben für unrealistisch
- Gernot Goppelt
Die Angaben der Autobauer zu Verbrauch und CO2-Ausstoß ihrer Modelle weichen oft stark von den tatsächlichen Werten ab. Automobilclubs und Verbraucherschützer haben bei einigen Fahrzeugen im Alltagsbetrieb "ein Verbrauchsplus von bis zu 30 Prozent" festgestellt, sagt Rainer Camen vom TÜV Nord. Damit fällt die Ökobilanz vieler Autos viel schlechter aus, als die Angaben der Hersteller vermuten lassen. Weil die ausgewiesenen Werte in Tests nach EU-Norm ermittelt werden, eignen sie sich laut Camen aber, um beim Autokauf einzelne Modelle miteinander zu vergleichen.
Die teils extremen Abweichungen führt der TÜV-Experte auf das wenig realistische Prüfverfahren im sogenannten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) zurück. "Dabei wird der Motor der Testfahrzeuge auf einem Rollenprüfstand vergleichsweise gering belastet und maximal ein Fahrtempo von 120 km/h erreicht", erklärt Camen. Außerdem bleiben bei den Tests elektrische Verbraucher ausgeschaltet, die den Verbrauch eines Wagens steigern: Laut dem ADAC schluckt beispielsweise ein Auto mit aktivierter Sitz- und Heckscheibenheizung, Beleuchtung und Lüftung auf 100 Kilometern etwa einen halben Liter Kraftstoff zusätzlich.
Der Bundesrat will am kommenden Freitag (8. Juli) über die Einführung eines neuen Energie-Labels für Pkw abstimmen. Wie bei Haushaltsgeräten soll ab Oktober die Energieeffizienz von Autos auf einem Hinweisschild mit Farbskala und den Klassen A+ für besonders gut bis G für besonders schlecht ablesbar sein. Bei der Berechnung der jeweiligen Effizienzklasse werden Verbrauch und Schadstoffausstoß in Relation zum Fahrzeuggewicht betrachtet. Dagegen protestieren der VCD und die Umweltverbände BUND und NABU, weil auf diese Weise schwere Autos mit hohem Verbrauch bevorzugt würden.
"Eine unabhängige Vergleichsbasis" für Kaufinteressenten eines Pkw will der ADAC mit dem sogenannten Eco-Test an die Hand geben. Seit 2003 bewertet der Automobilclub aktuelle Modelle nicht nur hinsichtlich des CO2-Ausstoßes, sondern auch der Schadstoffe Kohlenwasserstoff, Stickoxide und Partikel. Für sein Urteil legt der ADAC den Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) zugrunde, führt aber noch eigene Test auf Autobahnen und bei eingeschalteter Klimaanlage durch.
In einer Internet-Datenbank können die seit 2003 gefällten Öko-Testurteile über rund 1200 Fahrzeuge eingesehen werden. Dabei werden alle Antriebsarten – von Diesel über Benziner bis zu Hybrid – zwar gleich behandelt, bewertet wird jedoch in einem "relativen Skalensystem" je nach Fahrzeugklasse. Der ADAC begründet dies damit, dass Kaufentscheidungen meist innerhalb einer Fahrzeugklasse fielen: "Wer eine S-Klasse kaufen möchte, wird sich nicht aufgrund geringerer CO2-Werte für einen Smart entscheiden", sagt Eco-Test-Projektleiterin Sonja Schmidt. Die ADAC-Methode erlaube dagegen eine Differenzierung der Emissionen innerhalb der Klassen. (dpa) (ggo)