Die Jetzt-sofort-Alles-Maschine

Sex sells - wissen die Werber. Aber Faulheit verkauft noch besser. Vor allem unter Tarnbezeichnungen wie Convenience oder HochverfĂĽgbarkeit.

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Von
  • Peter Glaser

Marktforscher der Hochschule für Wirtschaft in Stockholm haben jüngst die Reaktionen von 15- bis 18-Jährigen auf Reklame untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass beide Geschlechter Werbung mit erotischen Anspielungen negativer bewerteten als sexlose Reklame - die stattdessen auf Humor oder Information setzt. Auch in Großbritannien haben Studien zu vergleichbaren Ergebnissen geführt. Einer Erhebung des Chartered Institute of Marketing zufolge werden nur noch sechs Prozent der britischen Verbraucher durch Reklamemotive mit sexuellem Subtext angesprochen. Sex verkauft sich nicht mehr.

Die Attraktion, die Sex ausübt, um Menschen in neue Technologien hineinzuverlocken, ist keine dauerhafte Sache. Bei der Einführung neuer Techniken spielt Sex zweifellos eine Rolle. Das wird schon an den ältesten Artefakten deutlich - Frauenfiguren mit gewaltigen Brüsten und Hintern, die vor etwa 27.000 Jahren mit Hilfe einer neuen Technologie gefertigt wurden - der Keramik (Bemerkenswert übrigens, dass man erst lange Zeit später die ersten nützlichen Dinge aus gebranntem Ton hergestellt hat). Und daran hat sich bis heute und hin zu den digitalen Medien wenig geändert.

Nun zeigt sich, dass Sex zwar bei der Initialisierung und Verbreitung eines neuen Mediums behilflich ist. Im alltäglichen Fortlauf allerdings verliert diese Art der Anziehungskraft ihren Glanz.

Wenn wir das Internet als Versuch betrachten, eine globale Jetzt-Sofort-Alles-Maschine zu betreiben, wird eine erstaunlich unterschätzte Macht sichtbar: die Faulheit. Statt Sex sells heißt es mittlerweile: Faulheit siegt. Unter Tarnbezeichnungen wie Convenience oder Hochverfügbarkeit branden Wissen und Warenströme an die Bildschirme des Planeten. Die Jetzt-Sofort-Alles-Maschine verheißt uns ein Leben im Zustand der Magie: Zauberei bedeutet immer die sofortige Erfüllung von Wünschen.

Die ersten Keime des Lebens schwebten im temperierten Weltraum des Urozeans. In der Erbsubstanz wurde dieses wundervolle, gewichtlose Schweben unauslöschlich verzeichnet. Faulheit bedeutet, in einem weichen Sessel vor seinem Bildschirm zu sitzen und sich an diesen Zustand zurückzuerinnern.

Da man, was Faulheit angeht, am liebsten ihren Endpunkt betrachtet, die hypnotisch behagliche Schwere, übersieht man gern die immensen Energien, die Faulheit freizusetzen imstande ist. So sind beispielsweise wirklich faule Menschen daran zu erkennen, dass sie ungeheuer fleißig sind - damit sie möglichst schnell wieder faul sein können.

Zu welchen technischen Höchstleistungen uns das Streben nach Faulheit führen kann, zeigt inbildhaft die Raumfahrt (nicht zu vergessen deren virtuelle Weiterentwicklung, das Internet): Als das erste Mal ein Astronaut einen Raumspaziergang unternahm, ohne mit dem Mutterschiff verbunden zu sein, saß er - in der Schwerelosigkeit! - in einem weissen (Düsen-)Sessel. (wst)