Google zum Gähnen

Die Nutzerschaft reagiert auf Googles jüngste Innovation, die Online-Tabellenkalkulation Google Spreadsheets, eher verhalten. Hat der Suchmaschinen-Marktführer nach zu vielen Beta-Versionen und Me-Too-Produkten ein Strategieproblem?

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Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Wade Roush

Kann aus Gutem irgendwann zu viel des Guten werden? Google-Fans und Marktbeobachter kommen langsam zu diesem Schluss. Die Reaktionen aus Internet-Gemeinde und Blogosphäre auf Google Spreadsheets, die neue Online-Tabellenkalkulation des Such-Marktführers, ging jedenfalls über ein leichtes Gähnen nicht hinaus. Das Excel-artige Produkt, mit dem man online Listen und Kalkulationen erstellen und mit anderen Nutzern teilen kann, wurde mancherorts gar äußerst negativ empfangen.

Für Google ist das eine ganz neue Erfahrung - sonst scheinen immer alle happy zu sein, sobald das Unternehmen eine freie, Web-basierte Anwendung online stellt, die man bislang nur vom Desktop-PC her kannte, wo Microsoft bekanntlich mit eiserner Hand herrscht. So setzte Google der Windows-Suche mit Google Desktop bereits 2004 ein praktischeres Browser-basiertes System entgegen. Gegen Outlook positionierte man den E-Mail-Dienst Google Mail und den Kalender Google Calendar, Word will man mit dem (hoffentlich bald wieder online gehenden) Dienst Writely attackieren, daneben greifen auch der Google Page Creator (Web-Design-Hilfe) und Google Talk (Instant Messaging-Client) Microsoft-Produkte an. Und nun also Google Spreadsheets als Attacke auf Excel - und wahrscheinlich planen die Programmierer in Mountain View und den anderen Google-Standorten auch noch eine Präsentationssoftware kontra PowerPoint.

Bis zur Beta-Einführungsphase von Google Spreadsheets, die am 6. Juni startete, begrüßten Technologie-Blogger und andere "Early Adopter" jeden neuen Google-Dienst noch mit viel Enthusiasmus - auch weil sie hoffen, die Suchmaschine könnte sich entschließen, endlich ernsthaft gegen Microsofts Office-Dominanz vorzugehen. Diesmal war das allerdings anders: Kritiker meinten schnell, die neue Google-Tabellenkalkulation habe diverse technische Schwächen. Gleichzeitig schwebte bald die Frage im Raum, ob Googles Langzeitstrategie im Bereich Web-basierter Software tatsächlich gut für die Firma, ihre Nutzer und letzlich auch das Netz ist.

"Wie lange ist es her, das ein Google-Produkt tatsächlich unser Leben verändert hat?", fragte beispielsweise Michael Arrington vom populären "Web 2.0"-Beobachtungsblog TechCrunch. "Für mich war und ist das der Kern der Firma - ihre Suchmaschinentechnologie. Google muss nun endlich neue, visionäre Produkte aggressiv auf den Markt bringen und die Projekte kompromisslos stoppen, die nicht funktionieren." Außerdem forderte Arrington "endlich eine Antwort auf die Frage, wie 'Google 2.0' aussehen könnte."

Google Spreadsheets ist nicht anders als jede andere Tabellenkalkulation seit den frühen achtziger Jahren - wie VisiCalc oder Lotus 1-2-3. Die Web-Software erlaubt, Daten sauber zu erfassen und grundlegende Rechenoperationen durchzuführen - beispielsweise das Aufaddieren der Einträge einer Spalte. Da die Tabellen auf Googles Server lagern, können sie von jedem Computer aus erreicht werden, so lange nur Internet Explorer oder Firefox darauf läuft. Zudem lassen sich Dokumente mit anderen Nutzern teilen, in dem man Einladungen per E-Mail verschickt.

Im Gegensatz zu Microsoft Excel kann Google Spreadsheets aber keine Charts und Graphen erstellen und besitzt nicht all die mathematischen Funktionen, die man vom Desktop gewohnt wäre. "Es ist kein Excel-Killer", meint denn auch Richard Ericson, Kolumnist der "Computerworld". "Wenn man ein Finanzanalyst ist, der große Geschäftstabellen konsolidieren muss, wird man nicht Googles Software nutzen. Brauchen Sie Charts? Bleiben Sie bei Excel. Das gleiche gilt für Grafiken und diverse Tabellentricks."

Ganz schlecht findet Ericson das neue Google-Produkt dann zwar doch nicht, doch es sei beispielsweise keinesfalls so mächtig wie "Calc", die Tabellenkalkulation der Open-Source-Office-Suite OpenOffice.org.

Stan Beer, Kolumnist bei "ITWire", findet, dass Web-Varianten von Desktop-Werkzeugen diesen sowieso nur wenig entgegen zu setzen hätten. "Sie sind vergleichsweise schwach. Der ganze Hype, den es um Google Spreadsheets gibt, ist vollkommen übertrieben." Textverarbeitungen und Tabellenkalkulationen seien komplexe Anwendungen. "Die sind schon für den Desktop schwer zu erstellen. Dennoch spielt die Welt verrückt, sobald Google irgendetwas rudimentäres oder sogar experimentelles online stellt."

Die Suchmaschine stellt ihre Online-Anwendungen in der Tat stets als Beta-Varianten online - und/oder als Teil der "Google Labs". So mancher Kommentator findet diese Strategie ermüdend: Google verwende das Label "Beta" zu häufig und zu lange. Google Mail ist beispielsweise noch 26 Monate nach dem Start eine Beta-Version. "Das war traditionell Googles Strategie, gegen Kritik gewappnet zu sein: Ist etwas Beta, ist es es schließlich noch nicht fertig und da können Fehler noch ausgemerzt werden", meint Barbara Krasnoff von "Linux Pipeline".

Google kennt die Kritik: "Wir haben das Wort "Beta" wohl ein wenig missbraucht", meinte jüngst Firmenmitbegründer Sergey Brin gegenüber der Presse. Man wolle seinen Teams die Möglichkeit geben, Dinge herauszubringen, die noch nicht für alles zu gebrauchen seien - man sei auf das Feedback angewiesen. "Nun kommt es aber immer häufiger vor, dass die Leute intern wie extern größere Erwartungen an unsere Produkte haben. Wir müssen besser kommunizieren, welche Sachen schon gut laufen und welche die Nutzer ehrlicherweise nur als Versuchskaninchen einsetzen."

Nimmt man Googles Tabellenkalkulation, Textverarbeitung, E-Mail-Manager, IM-Client, Fotomanager und andere Tools zusammen, kann man sich leicht vorstellen, dass die Firma längerfristig plant, Microsoft als Hauptanbieter von Productivity-Software zu ersetzen. Googles Management weist diese Ideen jedoch nach wie vor zurück oder ignoriert entsprechende Anfragen. Der Hauptfokus der Firma und das Kerngeschäft lägen weiterhin bei der Suchmachine und der Online-Werbung.

Übersetzung: Ben Schwan. (nbo)