Konturen im Nebel
Am 8. Mai traf sich die OS/2 User Group Deutschland e.V. in Köln. Aus diesem Anlaß war hierzulande erstmals offiziell eine Vorabversion der nächsten OS/2-Version 'Merlin' zu sehen.
- Dr. Harald Bögeholz
Für ihre 14. Konferenz hatte die OS/2 User Group hochkarätige Sprecher gewinnen können: John W. Thompson, General Manager der IBM Division 'Personal Software Products' und Verantwortlicher für die Entwicklung und Vermarktung sämtlicher Desktop-Software-Produkte der IBM, sowie Paul Giangarra, der Chefarchitekt der nächsten OS/2-Version, standen den Konferenzteilnehmern Rede und Antwort.
Für IBMs OS/2-Strategie fand Thompson deutliche Worte, die so manchen kleinen Softwareentwickler nachdenklich stimmten. Sein Ziel sei die Fokussierung auf das Wesentliche, und das sind die Großkunden - Banken, Versicherungen, Automobilhersteller, kurz Firmen, die mindestens 5000 PCs und möglichst noch Groß-EDV von IBM betreiben und auf ihre 'mission critical applications' angewiesen sind. Diese letzte Domäne von OS/2 wolle man nicht kampflos Windows NT überlassen.
Zwiespältige Zusage
IBM steht also genau so lange hinter OS/2, wie die Großkunden es noch wollen - der Massenmarkt der Allerwelts-PCs interessiert bestenfalls in zweiter Linie. Konsequenterweise stampfte man schon vor Monaten OS/2 für PowerPC ein - bei den wichtigen Kunden läuft OS/2 schließlich auch prima auf Intel-PCs. Pech für die Entwickler, die bereits Zeit und Geld in die Portierung ihrer OS/2-Applikationen gesteckt haben.
Daß IBM ihre Software zunehmend auch auf NT portiert, sei nicht etwa ein Zeichen für schwindenden OS/2-Support: Welche Firma könne es sich schließlich leisten, nur für die eigene Betriebssystemplattform zu entwickeln? Ein leises 'Microsoft' aus dem Auditorium überhörte Thompson geflissentlich.
Mit dem aktuellen Stand von Merlin im Reisegepäck versuchte Paul Giangarra, etwas Vorfreude auf das kommende System zu schaffen. Die in Merlin integrierte Spracherkennung 'VoiceType' (noch in englischer Version) funktionierte zwar auf der Bühne nicht. Dafür konnte sie aber jeder in der kleinen Begleitausstellung der Konferenz hautnah ausprobieren. Wenn die Umgebungslautstärke nicht gerade allzu groß ist, hört Merlin - sprecherunabhängig - aufs Wort und öffnet sprachgesteuert Fenster, startet Programme, wählt Menüpunkte et cetera. Mein mit Sicherheit nicht akzentfreies Amerikanisch bereitete VoiceType jedenfalls kaum Schwierigkeiten.
UntergrĂĽndiges
Neben zahlreichen eher kosmetischen Veränderungen, die Merlin zunehmende Ähnlichkeit mit Windows '95 verleihen, gibt es auch unter der Oberfläche einige Neuheiten. Die Treiberarchitektur wird Plug&Play-fähig. Beim Bootvorgang lädt Merlin sogenannte Hardware-Sniffer, die dafür sorgen, daß nur noch die Treiber für tatsächlich vorhandene Hardware geladen werden und richtig konfiguriert sind. Auch den Grafikbereich hat IBM umgekrempelt, so daß es für Grafikkartenhersteller leichter wird, neue Treiber zu entwickeln. Man spricht von einer Reduzierung des Aufwands von circa 56·000 auf 8·000 Codezeilen; das läßt auf mehr Treibersupport hoffen. Die EnDIVE-Schnittstelle wird es Anwendungen und auch den Presentation-Manager- Treibern selbst ermöglichen, direkt auf die Hardware zuzugreifen und so für flottere Grafik sorgen.
Endlich hat sich IBM auf Treibersupport für (magneto-)optische Wechselplattenlaufwerke besonnen, ein entsprechender Treiber wird Bestandteil des Systems sein. Ob das HPOFS, das lange Dateinamen und Caching auch für (optische) Wechselplatten ermöglicht, mit von der Partie sein wird, ist jedoch noch ungewiß. SMP-Support, also symmetrisches Multiprozessing auf mehreren Prozessoren, ist erst einmal nicht geplant. Das will man erst in die zukünftige Server-Version einbauen.
Für größere Nähe zur Windows-Welt sorgt ein weiterentwickeltes WIN32S, es ist jedoch vorerst nicht geplant, echte Windows-95-Anwendungen direkt unter OS/2 ausführen zu können. Immerhin sollen sogar solche Windows-Applikationen laufen, die virtuelle Devicetreiber (VDDs) erfordern.
Die Developer API Extensions, die Entwicklern eine vergleichsweise leichte Portierung von Windows-Programmen nach OS/2 ermöglichen, bringen einige Windows-Spezifika ins System ein. So wird Merlin über eine Registry verfügen - neben Config.sys und den OS/2-eigenen INI-Dateien ein weiteres Konfigurationsgrab. Zusätzlich zu den bisher unterstützten ATM-Fonts beherrscht das neue System auch TrueType. Unicode-Support - vor allem für Entwickler interessant - soll nicht ins Betriebssystem integriert werden, jedoch über die XPG4-Library möglich sein.
Dreingaben
Ansonsten greift IBM für Merlin noch einmal kräftig in den Fundus bereits existierender OS/2-Software. Der PC System View Client 4.0 wird das Remote-Management im Netzwerk über SNMP (Simple Network Management Protocol) ermöglichen. Eine Light-Version von PCom (3270-Emulation), Object Rexx, OpenGL und schließlich OpenDoc sind weitere Beispiele. Natürlich soll alles viel einfacher und einheitlicher zu installieren sein - hoffentlich gelingt das besser als bei Warp Connect.
Wenn auch der genaue Lieferumfang von Merlin noch nicht feststeht - der Featurismus schlägt auf jeden Fall wieder zu. Man hofft, bei der Auslieferung weiterhin mit zwei CD-ROMs auszukommen; für eine Komplettinstallation bewegen sich erste Schätzungen bei 150 MByte Plattenplatzbedarf. Eine erste Beta-Version sollte mit Erscheinen dieses Hefts verfügbar sein, das Endprodukt voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte. (bo) (bo)