Zaubern probehalber

Mit der ersten Beta-Version beschränkt sich IBM auf rund 10 000 'qualified' Tester, die sich aus erfahrenen OS/2-Anwendern, Firmenkunden und Entwicklern zusammensetzen. Ihr Hauptaugenmerk sollen sie vor allem auf die Neuerungen an der Oberfläche, auf die Spracheingabe sowie auf Verträglichkeit mit bestehenden Treibern und Anwendungen richten.

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Von
  • JĂĽrgen Kuri
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Durch einen restriktiven Beta-Test von Merlin erhofft sich IBM aussagekräftigeres Feedback von erfahrenen OS/2-Benutzern und Entwicklern. Diese sollen vor allem einige Kernfunktionen des zukünftigen 'OS/2 Warp Version 4' überprüfen - etwa die Spracheingabe, die jetzt mit üblichen Soundkarten zusammenarbeitet. Bereits am 22. Juli soll dieser Beta-Test enden, ein weiterer war ursprünglich in größerem Rahmen geplant, wird aber voraussichtlich doch nicht stattfinden. IBM will die neue Version möglichst bald fertigstellen und scheint durch das kurz vor Markteinführung stehende NT 4.0 in Termindruck zu geraten.

Wie bereits die Alpha-Version sieht die Oberfläche mit ihren bunteren Icons und neuen Schrifttypen moderner aus. Über einige Änderungen, wie die Lotus-ähnlichen Karteiregister anstelle der bisherigen Notebooks haben wir bereits in früheren Ausgaben berichtet. Das aus dem Lotus SmartCenter entsprungene WarpCenter sieht zwar auf den ersten Blick dem Startmenü von Windows 95 ähnlich, bietet aber weit mehr Funktionen. Im WarpCenter kann der Benutzer auf ähnliche Weise Programme starten, aber darüber hinaus wie beim bisherigen Launchpad (beziehungsweise Klickstartleiste) Objekte darauf ablegen und sie durch einen einfachen Mausklick starten. Im Gegensatz zum bisherigen Lotus SmartCenter kann man mehrere Ablagen (trays) mit eigenen Objekten einrichten und diese so nach eigenen Kriterien ordnen. Außerdem überwacht das WarpCenter den freien Platz auf der Festplatte oder zeigt die CPU-Auslastung an.

Das 'Assistance Center' birgt diverse Hilfen. Ganz auf IBMs Zielgruppe, den 'Connected Consumer', zugeschnitten sind Links auf einige WWW-Seiten im Internet, die etwa Software-Updates oder Informationen zu IBM-Produkten enthalten. Daneben findet sich hier unter anderem der sogenannte WarpGuide, der den Benutzer bei einer Reihe von Tätigkeiten mit zusätzlichen Hilfetexten begleitet - unter anderem während der Systemanpassung.

Diverse kleinere Ergänzungen, die man sich als OS/2-Benutzer schon lange gewünscht hat und zum Teil durch externe Erweiterungen einbinden konnte, sind jetzt von vornherein vorhanden. So lassen sich die Objekte auf dem Desktop anhand eines Rasters ausrichten und die Positionen einzelner Objekte fest verankern, so daß sie von einem Neuanordnen über das Kontextmenü unberührt bleiben. Ein in die Workplace Shell (WPS) integrierter Bildbetrachter zeigt Grafiken in den gängigsten Dateiformaten und bietet einfache Editier- und Konvertierungsfunktionen an.

VoiceType Navigation und VoiceType Dictation dürften wohl die populärsten Neuerungen in Merlin sein. Im Gegensatz zum schon lange separat erhältlichen Produkt erfordert Merlin jedoch keine spezielle Steckkarte, sondern läuft mit gewöhnlichen Soundkarten. Die Beta unterstützt jetzt auch Soundblaster-Karten (Soundblaster 16 oder besser). Im Prinzip sollte VoiceType jede Soundkarte unterstützen, die Sampling-Raten bei 16 Bit mit mindestens 11 kHz bietet. Bei einer Soundblaster 16 funktionierte die Spracherkennung denn auch auf Anhieb, Versuche mit einer Soundkarte mit Opti-Chipsatz blieben dagegen erfolglos: VoiceType konnte das Mikrophon nicht ansteuern. Dies dürfte sich aber bis zur endgültigen Version ändern, denn schließlich dient ja ein Beta-Test dazu, solche Probleme zu erkennen und auszumerzen.

Mit VoiceType Navigation läßt sich die gesamte Oberfläche mittels Sprache bedienen. Dazu legt das System für jeden Benutzer ein eigenes Profil an, so daß sich das Spracherkennungssystem nach und nach besser an den Sprecher gewöhnen kann. Nach dem Start des VoiceManagers öffnet sich am rechten Rand des Bildschirms ein Fenster, das vor allem Einsteigern eine große Hilfe bietet und die Kommandos anzeigt, die für das gerade aktive Fenster zur Verfügung stehen. Diese kann man jederzeit erweitern oder beliebig anpassen. Damit der Benutzer auf der Oberfläche nicht die Übersicht verliert, versieht das System das aktive Fenster mit einem Rahmen. Eine Trainingsphase erfordert VoiceType zwar nicht unbedingt, mehrere Anläufe sind dann aber doch nötig, bis man korrekt verstanden wird. Andernfalls meldet sich der Voice Manager öfter mit 'Please repeat', statt auf Kommandos zu reagieren. Nach ein paar Versuchen genügt aber beispielsweise schon ein einfaches 'Jump to system' von beliebiger Stelle aus, um die Systemeinstellungen zu öffnen.

VoiceType Dictation erfordert eine Trainingsphase, um sich an die Aussprache des Benutzers zu gewöhnen. Zum Diktieren öffnet man zunächst das Programm, das den Text aufnehmen soll und aktiviert die Spracheingabe durch den Satz 'Wake up please' und anschließendem 'Begin dictation'. Daraufhin öffnet sich das Quick-Dictation-Fenster, in das man seinen Text diktiert. Durch Drücken auf den Push-Button 'Send' überträgt ihn Quick Dictation dann direkt in die Anwendung. Ausführliche Versuche waren in der Kürze der Zeit zwar nicht möglich, es zeichnete sich allerdings ab, daß VoiceType zumindest in dieser Version einen recht hohen Speicherbedarf fordert: Selbst mit 32 MByte RAM war das System bei aktivem VoiceType ständig am Swappen.

Die Netzwerkunterstützung ist in dieser Beta-Version bereits sehr gut gelungen, auch wenn der Netware-Requester Probleme bereitet und sich bei ersten Versuchen die Netware Tools einfach nicht zur Mitarbeit bewegen ließen - es handelt sich aber nur um die alte Version 2.11, an der bislang nichts getan wurde. Hier sollte IBM auf jeden Fall bis zum Release noch nacharbeiten. TCP/IP- und NetBIOS- beziehungsweise SMB-Netze finden dagegen eine mustergültige Unterstützung. Der DHCP-Client (Dynamic Host Configuration Protocol) mit DDNS-Unterstützung (Dynamic Domain Name Service) arbeitet einwandfrei und macht die Integration in ein TCP/IP-Netz (vorausgesetzt, ein DHCP-Server arbeitet bereits) zum Kinderspiel. Dieser Client ist übrigens keineswegs auf einen Warp Server angewiesen. Jeder DHCP-Daemon, der sich halbwegs an die Standardisierungen hält, kann genutzt werden - und das gilt auch für jenen, den Microsoft in Windows NT eingebaut hat. Allerdings ist die Integration des TCP/IP in die WPS noch nicht allzu weit gediehen. FTP- und URL-Templates kannte man schon früher, sie in einem eigenen Ordner zusammenzufassen, ist nicht gerade ein Fortschritt.

Besser sieht es da schon bei 'normalen' SMB-Systemen wie dem LAN Server und Windows NT aus. Die Integration ins System ist vorbildlich gelungen, ein Objekt 'Network Connections' gibt Zugriff auf diese Systeme (und auf Netware, so es denn einmal richtig funktioniert), und die Trennung in 'normalen' LAN-Requester und Peer-Services entfällt völlig. Selbst in einer NT-Domain kann man jetzt die zur Verfügung stehenden Ressourcen browsen - allerdings nicht auf Alias-Ebene, wie es im LAN Server (und damit auch in Merlin als Client) Standard ist. Dieser Versuch führt nur zu einer Fehlermeldung, da NT das Alias-API nicht unterstützt. Über das Objekt 'Sharing and Connecting' kann aber auf Server-Ebene auch in einem NT-Netz auf die Ressourcen (in diesem Fall dann Shares) zugegriffen werden, ohne etwa Share- oder Server-Namen wissen zu müssen. Viel einfacher ist dies natürlich alles in einem LAN-Server-Netz: Hier muß man nicht einmal auf Server-Ebene vorgehen, sondern kann einfach die Domain auswählen und ein Alias mit einer lokalen Ressource verbinden - voilà.

Auch die Freigabe von Ressourcen der lokalen Maschine im Netz ist denkbar einfach - entweder über das Kontext-Menü eines Directories oder über dasselbe Objekt, mit dem man sich auch die Connections geholt hat, trägt man den Namen, wie User darauf zugreifen können, und eventuell noch Access-Control-Lists ein. Leider geht die Integration noch nicht so weit, daß Merlin Shadows von Netzwerkverzeichnissen auf dem Desktop entsprechend behandelt. Ist man nicht angemeldet, wird durch einen Doppelklick auf ein solches Objekt nicht etwa eine Login-Prozedur gestartet, sondern man erhält nur die Fehlermeldung, daß der Netzwerkpfad nicht gefunden wurde. Abgesehen vom Netware-Requester ist die Netzwerkunterstützung aber schon sehr weit gediehen - und auch stabil.

Java ist noch nicht vollständig in die WPS integriert. Statt dessen wird in dieser Beta nur das SDK installiert, und auch der Web Explorer, jetzt in der Version 1.2, verarbeitet noch keine Java-Applets. Als Mail-Client ist nach wie vor Ultimail light vorhanden; im Release soll er aber durch Lotus Notes Mail ersetzt oder ergänzt werden. Auch die übrigen TCP/IP-Anwendungen wie der NewsReader/2 oder FTP-PM zeigen sich noch im alten Gewand.

Weitgehend fertig sind die Netzwerkmanagement-Agents, die für DMI (Desktop Management Interface) und SNMP vorhanden sind. Sie ermöglichen in Zusammenarbeit mit einer entsprechenden Management-Plattform die vollständige Überwachung, Fernwartung und Steuerung der Hard- und Software-Parameter des Systems. Hinzu kommt Netfinity, das nach der Übernahme von Tivoli (und der daraus resultierenden Einsetzung von TME10 als Standard-Managementplattform der IBM) nunmehr 'TME10 Netfinity' heißt, in der Funktionalität aber kaum verändert wurde - was aber keineswegs negativ zu werten ist, denn sowohl für lokales wie netzwerkgestütztes Hardware-Management ist es ein gutes Produkt. Übrigens sind die DMI- und SNMP-Agents keineswegs nur nutzbar, wenn entsprechendes Netzwerkmanagement betrieben wird. Auch auf einer Standalone-Maschine ermöglicht der MIB-Browser beispielsweise zuverlässig die Erkennung, welche IRQs tatsächlich benutzt werden oder frei sind. Ein zusätzliches Tool, HDMON.EXE, unterstützt außerdem Festplatten mit SMART-Monitoring.

Auf ein weiteres Feature, das in dieser ersten Beta sehr gut arbeitet, sei noch besonders hingewiesen: OpenDoc. Nachdem die Object Management Group (OMG) Opendoc zum Standard für Verbunddokumente auserkoren hat, wird es auch allmählich Zeit, auf einer anderen Plattform als dem Mac endlich eine lauffähige Version vorzeigen zu können. Dafür hat IBM dann auch einige Parts standardmäßig aufgenommen, die selbst unerfahrenen Anwendern die Technologie vorführen können. Die Parts, die WPS-gewohnt als Templates vorliegen, stellen eine eigene kleine Textverarbeitung mit ausgedehnten Layout-Möglichkeiten dar. Daneben stellen die Multimedia-Parts von OpenDoc, die beispielsweise eine extrem leicht zu nutzende Integration von Sound- und Video-Files in die WPS ermöglichen, eine gelungene Demonstration dar. (db/jk) (ole)