Formel gegen Verschwörungstheorien

Hätte die Nasa tatsächlich die Mondlandung gefälscht – das Ganze wäre spätestens nach drei Jahren aufgeflogen, will ein britischer Forscher mathematisch nachgewiesen haben.

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Hätte die Nasa tatsächlich die Mondlandung gefälscht – das Ganze wäre spätestens nach drei Jahren aufgeflogen, will ein britischer Forscher mathematisch nachgewiesen haben.

Mein Lieblingskonter auf die Mondlande-Verschwörungstheorie geht so: Mag ja sein, dass die Nasa ursprünglich tatsächlich mal vorhatte, die ganze Sache zu faken. Doch als sich die Ingenieure das dann genauer angeschaut haben, sagten sie sich: Kommt Jungs, lasst uns lieber eine Rakete bauen und hinfliegen. Ist einfacher. Denn wie zum Teufel sollen wir es hinkriegen, dass mehr als 400.000 Nasa-Mitarbeiter jahrzehntelang dichthalten?

Der Oxford-Mediziner David Robert Grimes hat die Wahrscheinlichkeit dafür nun in Formeln und Zahlen gegossen. In einem Aufsatz geht er der Frage nach, nach welcher Zeit sich Konspirationen selbst enttarnen – sei es unabsichtlich, sei es gezielt durch Whistleblower. Die Faktoren dafür sind die Zahl der Beteiligten sowie die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Beteiligte selbst verraten. Letztere errechnet er aus Zahl der Verschwörern und der "Lebensdauer" bereits enttarnter Verschwörungen – der NSA-Affäre, dem Tuskegee-Syphilis-Experiment und dem Forensik-Skandal des FBI.

Damit kommt Grimes zu einer Enttarnungs-Wahrscheinlichkeit, die zwischen von 1 zu 250.000 und 1 zu 4000 liegt. Mittels Poisson-Verteilung errechnet er daraus, nach wie vielen Jahren eine Verschwörung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auffliegt. Bei der Mondlandung wären das keine vier Jahre. Anders formuliert: Damit sich das Geheimnis bis heute hätte bewahren lassen, dürften höchstens 250 Leute eingeweiht gewesen sein.

Seine Formel wendet Grimes auch auf drei weitere populäre Verschwörungsideologien an: Der Glaube, dass der Treibhauseffekt eine Erfindung von Klimaforschern ist; dass hinter Impfungen ein Komplott der Pharma-Industrie steht; und dass alle Medikamenten-Hersteller unter einer Decke stecken, um wirksame Krebsmedikamente zu unterdrücken.

Der Krebs-Komplott bliebe, wenn es ihn denn gäbe, nach Grimes Berechnungen gerade einmal etwas mehr als drei Jahre unentdeckt. Beim Klima und den Impfungen hängen die Ergebnisse stark davon ab, wen man zu den möglichen Verschwörern zählt. Rechnet man alle Mitarbeiter der beteiligten Wissenschaftsorganisationen dazu, gibt Grimes der Klima-Verschwörung gerade einmal 3,7 Jahre. Ist es nur ein harter Kern von Wissenschaftlern, wären es knapp 27 Jahre. Hätten alleine die Gesundheitsbehörden eine große Impf-Lüge untereinander ausgeheckt, könnte sie knapp 35 Jahre Bestand haben. Kommen noch die Mitarbeiter der Impfstoff-Hersteller dazu, sind es nur noch gut drei Jahre. (Bei diesen Zahlen legt Grimes jeweils die untere Grenze der Wahrscheinlichkeit (1:250.000) zu Grunde. Bei weniger konservativen Annahmen verkürzt sich die Lebensdauer einer Konspiration entsprechend.)

Ist damit nun eine Formel gefunden, die Verschwörungstheoretiker zum Verstummen bringt? Wohl kaum. Grimes selbst räumt ein: Viele von ihnen seien so "ideologically invested", dass sie sich kaum durch solche Rechenspielchen überzeugen ließen. (Er hofft, dass sich wenigstens ein paar weniger ideologisch imprägnierte Leute dadurch beeinflussen lassen.)

Zum anderen geht Grimes aber auch ziemlich hemdsärmelig mit den Daten um. Aus nur drei enttarnten Verschwörungen leitet er eine allgemeine Verräter-Wahrscheinlichkeit ab – das finde ich, vorsichtig formuliert, ziemlich mutig. Vielleicht gibt es ja jede Menge unentdeckter Konspirationen, deren Mitglieder besser schweigen können? Wir wissen es nicht. Und die große Bandbreite bei der geschätzten Zahl der Beteiligten zeigt, dass man diese Größe offenbar beliebig hin- und herschieben kann. Findige Verschwörungstheoretiker werden sicherlich noch viele andere Angriffspunkte entdecken.

Ich nehme an, so ernst hat es Grimes mit den ganzen Rechenspielen auch gar nicht gemeint. Immerhin hat er mit seinem Aufsatz noch einmal auf einen zentralen Denkfehler der meisten Verschwörungstheorien hingewiesen: Dass es nämlich tatsächlich exorbitant unwahrscheinlich ist, dass eine große Anzahl von Menschen irgendetwas über viele Jahre hinweg geheim halten kann – möge sich die genaue Wahrscheinlichkeit nun seriös berechnen lassen oder nicht. (grh)