Bleiben Sie ruhig!

Ermittler klagen, dass immer mehr Menschen Verschlüsselungstechnologie benutzen. Verdächtige könnten deshalb nicht mehr überwacht werden. Experten der Harvard University halten das nun für "stark übertrieben". Ist das beruhigend?

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Ermittler klagen, dass immer mehr Menschen Verschlüsselungstechnologie benutzen. Verdächtige könnten deshalb nicht mehr überwacht werden. Experten der Harvard University halten das nun für "stark übertrieben". Ist das beruhigend?

FBI und CIA warnen seit Jahren unter dem eingängigen Stichwort "Going Dark" davor, dass Ermittler aufgrund zunehmender Verschlüsselung im Internetzeitalter "blind" werden könnten. Sorgen macht den Ermittlern vor allem die zunehmende Verbreitung von Verschlüsselung bei Messengern. Aber auch die wenig kooperative Haltung von Apple in Sachen Verschlüsselung hat in der Politik für Unruhe gesorgt.

Wie die Kollegen von heise online jetzt berichten, kommt nun eine Expertengruppe unter der Leitung des Berkman Center for Internet and Society zu dem Schluss, die Schlapphüte sollten sich mal nicht so anstellen. Unter dem Titel "Keine Panik" (Echt! Kein Scherz!) veröffentlichten die Experten jetzt einen Abschlussbericht, dem zufolge auch künftig die Online-Kommunikation überwacht werden kann.

Denn zum einen würden Metadaten wie Positionsdaten, Telefonnummern oder Sender und Empfänger einer Nachricht jetzt und in Zukunft nicht verschlüsselt, weil sie "für die Funktion des Systems" nötig sind. Außerdem beruhe ein großer Teil der Geschäftsmodelle im Internet auf der Verwertung unverschlüsselter Userdaten. Und schließlich würde die Zahl der Sensoren, die einen ständigen Datenstrom ins Internet senden - und damit auch indirekt ihre Nutzer überwachen - in Zukunft noch weiter zunehmen.

Für mich klingt das wenig beruhigend.

Passt aber zur Haupt-These unserer aktuellen Titelstory in TR 2/2016. Im brandneuen Februar-Heft schreibt unser Autor Christian Honey, dass zumindest in Deutschland Verschlüsselung nicht ganz oben auf der Liste der Ermittlungsbehörden steht. Im Gegenteil: Innenminister Thomas de Maizière macht sich für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung stark. Auf den ersten Blick ein Widerspruch. Aber nach der Harvard-Studie völlig klar: Sollen die Leute doch verschlüsseln und sich in Sicherheit wiegen. Wir kriegen sie doch...

Ganz anders sieht die Sache übrigens mit Anonymisierung aus. E-Mail-Anbieter wie Posteo, die keine Bestandsdaten von ihren Usern erheben, kriegen immer mal wieder Besuch von der Polizei. Und Software wie Tor, die zwar nicht verschlüsselt, aber die Identität der Kommunikationspartner verschleiert, macht auch die deutschen Ermittler nervös.

Dazu passt eine zweite, aktuelle Studie, über die jetzt die Süddeutsche Zeitung berichtet. Demnach "quillt das so genannte Dark Web- also Webseiten, die nur über anonyme Tor-Browser zugänglich sind - über vor "illegalen Inhalten".

Die eigentlich recht besonnen Autoren Thomas Rid und Daniel Moor haben in der Studie nämlich ermittelt, dass mehr als 50 Prozent aller Websiten im Darknet "illegale Inhalte" wie Drogen, Pornographie oder Waffen anpreisen. Blöd nur, dass lediglich fünf Prozent des gesamten Datenverkehrs, der über das Tor-Netz läuft, mit dem Darknet zusammenhängt.

Aber die Stoßrichtung ist schon klar: Terror, Drogen, Waffenhandel, (Kinder)-Pornographie. Irgendjemand hat das mal "die vier apokalytischen Reiter der Überwachungsdebatte" genannt. Wird höchste Zeit, das Mittelalter zu beenden. (wst)