Das semantische Smartphone

Googles Nexus One, oder: Wie man sich mit einem netten neuen Kommunikationsgerät im Unterholz der Sprache verlaufen kann.

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Von
  • Peter Glaser

Eigentlich ist das Nexus One einfach ein modernes, computerisiertes Mobiltelefon. Das schlanke, titangraue Gerät lässt die herangeschaffte digitale Welt scharf und flüssig über den Bildschirm laufen. Will man den Bildschirminhalt ins Querformat drehen, geht das bemerkenswerter Weise nur nach links; aber gut. Das Nexus One soll dem iPhone auf Augenhöhe gegenübertreten, was nicht ganz einfach wird. Aber eine Firma wie Google kann Wunder vollbringen.

Es ist mit Google wie mit dem Hollywood-Produzenten, dem eine traumhafte Villa mit Swimmingpool gehörte. Er war nicht zufrieden und ließ sich einen Steg aus Plexiglas über den Pool bauen, genauer gesagt: knapp unter die Wasseroberfläche. Wer nicht wusste, dass da ein Steg ist, sah nichts. Manchmal ging der Produzent dann rüber zum Pool, und er ging über dem Wasser. Ein Wunder.

Im September 2003 wurde Google-Mitgründer Sergey Brin auf einer Fachmesse gefragt, wann ihm klargeworden sei, dass Google zu einer Ikone der Gegenwart geworden ist. Brin erzählte die Geschichte eines Manns, der einen Herzinfarkt erlitten hatte, und jemand aus seiner Familie rettete ihm angeblich das Leben, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei. "Das", sagte der Unternehmer, "war ein bedeutender Moment." Die Botschaft der Geschichte: Google ist Gott.

Mit Sprache, speziell mit dem Erzählen von Geschichten, aber auch mit einzelnen Worten, lässt sich eine ganze Menge machen. Religionen und Marken werden so begründet. Mit Geschichten kann man die Fantasie der Menschen zum Aufleuchten bringen. Niemand weiß das besser als Science Fiction-Autoren. Nun zeigt sich allerdings: Der unschöne Vorwurf, dass Google die Leistungen anderer abgreift, hat eine neue Variante gefunden. Die Familie des 1982 verstorbenen SF-Autors Philip K. Dick will Google verklagen.

Seine Tochter Isa Dick Hackett wirft dem Smartphone-Neuling vor, den Namen für das Kommunikationsgerät aus dem Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen" ihres Vaters übernommen zu haben. Die Androiden in der Geschichte, die später unter dem Titel "Blade Runner" verfilmt und zu einem Meilenstein des SF-Kinos wurde, heißen "Nexus-6" (und das Betriebssystem des Google-Smartphones heißt "Android"). An den Assoziationen, die sich von den Nexus-6-Replikanten herleiten lassen, können Marketingleute auf den ersten Blick ihre Freude haben: Die Einheiten der Nexus-Serie, von Gentechnikern der Tyrell Corporation hergestellt, ähneln Menschen zum Verwechseln, sie sind aber stärker, agiler, anfangs robuster und bedarfsweise auch intelligenter.

"Google greift erst mal zu", sagt Isa Dick Hackett, "hinterher kann man dann sehen, wo man bleibt." Sie sieht den Namen Nexus One als Verletzung ihrer Markenrechte. Bei der Vorstellung des Smartphones am Mittwoch hatte man bei Google betont, dass der Name des Geräts nichts mit Philip K. Dick zu tun habe. Der Begriff sei schlicht in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet worden – als ein Ort, an dem Dinge miteinander verknüpft werden.

Mal sehen, ob sich als nächstes die Erben des Schriftstellers Henry Miller melden und weiterer Ärger ins Haus steht. Der hatte 1960 als letzten Band einer Trilogie über seine frühen Abenteuer – nach "Sexus" und "Plexus" – einen Roman mit dem Titel "Nexus" veröffentlicht. Und was will ein Smartphone wie Googles Nexus One denn anderes als einen einzuladen in neue Abenteuer?

Die Assoziationen zu den Blade Runner-Replikanten sind für einen Gerätehersteller im übrigen nicht nur erfreulich. Die Androiden hören nach vier Jahren auf zu funktionieren. Und sie wollen dich töten. (bsc)