zurück zum Artikel

GefĂŒhlter Mangel

| Frank Möcke

Mit großer RegelmĂ€ĂŸigkeit beklagt vor allem der Branchenverband BITKOM den FachkrĂ€ftemangel im IT-Bereich. Junge Leute sollen zu einem entsprechenden Studium bewegt und auslĂ€ndische KrĂ€fte angeworben werden.

HĂ€nderingend suchten die Firmen IT-FachkrĂ€fte und Ingenieure, stöhnen IndustrieverbĂ€nde und Politiker. Darum sollen mehr Schulabsolventen zum Studium bewegt werden als bisher, junge Frauen durch Schnupperkurse und Computersommercamps an den Rechner gebracht werden. Die Unis offerieren ihre StudienplĂ€tze wie warme Semmeln: „Wir bieten kreativen Köpfen hervorragende Perspektiven fĂŒr Studium und Karriere“, das „Hochschulkarrierezentrum fĂŒr Frauen Berlin“ lĂ€sst „junge Frauen die Technik erobern“, „glĂ€nzende Karrierechancen“ böten sich den Studienwilligen, wenn sie nur in die Informationstechnik einstiegen.

Die VerbĂ€nde werfen alarmierend klingende Zahlen in die Medienschlacht. Im letzten Jahr habe man rund 50000 Ingenieurstellen nicht besetzen können, so eine VDI-Studie. Allein von Januar bis Juni haben Deutschlands Ingenieur-Arbeitgeber 31146 Vakanzen in den bedeutenden Printmedien ausgeschrieben. Das entspricht einer Steigerung von 42 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahreszeitraum. Vor zwei Jahren zĂ€hlte man nur 17366 Stellenanzeigen. Eine Offensive in der Ingenieurausbildung und eine bessere Integration von Frauen und Ă€lteren Ingenieuren in den Arbeitsmarkt sei geboten: „Nur wenn wir die Zuwanderung von FachkrĂ€ften erleichtern und gleichzeitig die Potenziale von jungen Menschen, Frauen und den 30000 Ă€lteren arbeitslosen Ingenieuren nutzen, kann Deutschland weiterhin technologisch einen Spitzenplatz einnehmen“, mahnt VDI-PrĂ€sident Willi Fuchs.

Ist die Rede vom FachkrĂ€ftemangel in der Informationstechnik, zitieren Medien und Politiker immer wieder eine Studie des Branchenverbandes BITKOM, die dieser im Dezember 2006 vom Marktforschungsinstitut TechConsult durchfĂŒhren ließ (c't 6/07, S. 69). Sie gelangte bis in den „Bericht zur technologischen LeistungsfĂ€higkeit“, den das Bundesbildungsministerium jĂŒngst vorgelegt hat. Danach könnten 20000 Stellen im Kernbereich der IT-Branche nicht besetzt werden, insbesondere der Mittelstand sei betroffen. Rechne man IT-Fachleute in Bereichen wie Maschinenbau, Fahrzeug- und Elektroindustrie hinzu, komme man vorsichtig geschĂ€tzt auf 30000 unbesetzte Stellen.

Zu dieser Hochrechnung gelangte TechConsult, nachdem es 279 GeschĂ€ftsfĂŒhrer und Personalleiter von Software-HĂ€usern, IT-Dienstleistern, Hardware-Herstellern und Anbietern von Telekommunikationsdiensten telefonisch ausgeforscht hatte.

Es mag problematisch gewesen sein, aus 279 Befragungsergebnissen eine qualifizierte Analyse aufzustellen, denn die IT-Branche zeigt sich außerordentlich vielschichtig. Der BITKOM schĂ€tzt die Gesamtzahl bundesdeutscher IT-Firmen anhand der Umsatzstatistik. Im Kernbereich (Umsatz ĂŒber 500000 Euro) hat er so grob 10000 Firmen gezĂ€hlt, nimmt man kleinere Firmen (Umsatz bis 100000 Euro) hinzu, lassen sich weitere 33000 Unternehmen ausmachen. Dazu kommen noch etwa 60000 Kleinstunternehmen und EinzelkĂ€mpfer. Im BITKOM sind lediglich 850 Firmen organisiert, die aber, so der Verband, etwa 80 Prozent des Umsatzes abdecken.

Im Ergebnis hat sich gezeigt: Je grĂ¶ĂŸer die Firma, desto weniger Schwierigkeiten hat sie, Vakanzen zu schließen. In Betrieben ab 250 Mitarbeitern sahen 58 Prozent der Verantwortlichen in der Personalanwerbung ein eher kleines oder gar kein Problem.

Je nach BetriebsgrĂ¶ĂŸe und Branche unterscheiden sich die Meinungen der Personalchefs zum Angebot an IT-FachkrĂ€ften.

(Bild: BITKOM)

Zwei Drittel der Firmen wĂŒnschen sich Akademiker - aber die sind einem Teil von ihnen anscheinend auch zu teuer: Jedes dritte Unternehmen hat gerĂŒgt, dass die Bewerber „unrealistische Gehaltsforderungen“ Ă€ußerten.

„Welches Qualifikationsniveau sollten die gesuchten FachkrĂ€fte mindestens haben?“, ließ BITKOM anfragen.

(Bild: BITKOM)

Ende Juni legte der BITKOM noch einmal nach: Der FachkrĂ€ftemangel in der IT-Branche in Deutschland habe sich dramatisch verschĂ€rft. Bei der quartalsweise durchgefĂŒhrten Branchenbefragung gaben 59 Prozent der IT-Unternehmen an, dass der FachkrĂ€ftemangel ihre GeschĂ€ftstĂ€tigkeit behindere. Das sei der höchste Wert seit dem Start der Befragung im Jahr 2001. Damit entwickle sich der FachkrĂ€ftemangel zu einer Wachstumsbremse fĂŒr die Hightech-Industrie in Deutschland.

Um das Problem kurzfristig zu lindern, sei aus Sicht des BITKOM eine Reform des Zuwanderungsgesetzes notwendig. Deutschland mĂŒsse fĂŒr auslĂ€ndische SpitzenkrĂ€fte attraktiver werden und ihnen eine langfristige Perspektive bieten. Die Erfahrungen mit der Green Card hĂ€tten gezeigt, dass ein Gastarbeiterstatus fĂŒr viele Hochqualifizierte nicht interessant sei. Bei der Green Card fĂŒr auslĂ€ndische IT-Spezialisten war die Aufenthaltsdauer auf fĂŒnf Jahre beschrĂ€nkt worden.

Eine Reform des Zuwanderungsgesetzes mĂŒsse die Halbierung der Einkommensgrenzen von derzeit 85500 Euro fĂŒr die Erteilung einer dauerhaften Niederlassungserlaubnis von auslĂ€ndischen Hochqualifizierten vorsehen. Daneben mĂŒsse ein Punktesystems eingefĂŒhrt werden, bei dem die Auswahl von Zuwanderern ĂŒber Kriterien wie Qualifikation, Sprachkenntnisse und Alter erfolgte.

Die Anwerbung von AuslĂ€ndern wird aus verschiedenen GrĂŒnden gefordert.

(Bild: BITKOM)

Parallel zur BekĂ€mpfung des FachkrĂ€ftemangels mĂŒsse die Reform des Bildungssystems vorangetrieben werden. Die Zahl der StudienanfĂ€nger im Fach Informatik sei seit dem Jahr 2000 um ein Viertel eingebrochen. Zur BekĂ€mpfung dieses Effekts mĂŒsse auch die Wirtschaft selbst beitragen und ihre Anstrengungen insbesondere in der Weiterbildung verstĂ€rken.

Dass Softwareunternehmen und IT-Dienstleister mit deutlich steigenden UmsĂ€tzen und wachsendem Mitarbeiterbedarf rechnen, kann auch der Personaldienstleister Adecco bestĂ€tigen, der regelmĂ€ĂŸig die IT-Stellenangebote in Printmedien auswertet. Danach haben Privatwirtschaft und öffentlicher Dienst innerhalb einer Jahresfrist bis MĂ€rz 2007 bundesweit 30 Prozent mehr Angebote fĂŒr Computerfachleute als im davor liegenden Vergleichszeitraum veröffentlicht. Mit Beginn dieses Jahres stieg die Zahl der Offerten sogar um mehr als ein Drittel. Adecco konstatiert aber auch, dass der anhaltende VerdrĂ€ngungswettbewerb unter Telekommunikationsunternehmen, Netzbetreibern und im Hardwaresektor den Preiskampf verschĂ€rft und die Unternehmen dieser Sparten zum Personalabbau veranlasst.

Die BITKOM-Studie wird durch eine Untersuchung des DĂŒsseldorfer Management-Beratungsunternehmen A.T.Kearney weitgehend konterkariert, nach der in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren in den 500 grĂ¶ĂŸten deutschen Unternehmen rund 120000 IT-Jobs vor allem in den Bereichen Administration und Support ausgelagert und zum Teil verloren gehen könnten. BITKOM-Vorstandsmitglied Hans-JĂŒrgen Niemeier hat Ende Mai in einer Rede an der RWTH Aachen im Hinblick auf die Kearney-Studie eingerĂ€umt, es stehe außer Zweifel, dass solche Möglichkeiten bestehen, der Rationalisierung bei Standardanwendungen stĂŒnden aber neue und höherwertige Dienste gegenĂŒber: „Leider dringt der Jobaufbau in solchen Bereichen viel schwerer in das Bewusstsein der Öffentlichkeit - und damit derer, die nach einem qualifizierten Studienabschluss vor ihrer Berufswahl stehen - als drastische Hiobsbotschaften wie die von Entlassungen im sechsstelligen Bereich. Hier mĂŒssen wir - Wirtschaft und Hochschule - gemeinsam vor allem mit prĂ€zisen Informationen gegensteuern.“

A.T.Kearney hatte im MĂ€rz von einen „Kehraus in der Branche“ gesprochen und davor gewarnt, dass IT-Kosten nicht mehr als gegeben akzeptiert wĂŒrden. Das habe Konsequenzen fĂŒr IT-Mitarbeiter und IT-Dienstleister, und so wĂŒrden in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren durchschnittlich 80 Prozent aller Ausgaben fĂŒr IT-Services aus Kosten- und QualitĂ€tsgrĂŒnden auf externe Firmen fallen.

Holger Röder, der als Partner den Bereich „Strategische IT Beratung“ bei A.T.Kearney leitet, erlĂ€utert dazu, dass rein „technisch orientierte“ ITler - etwa Java-Programmierer - in Zukunft eher das Nachsehen haben und wohl knapp ein Drittel dieser ArbeitsplĂ€tze ins Ausland abwandern werden. „Die mĂŒssen auf dem neuesten Stand bleiben, laufend geschult werden, und da ist es fĂŒr die Firmen effizienter, solche Dienste auszulagern.“

Insbesondere große internationale IT-Dienstleister mit Zugang zu Niedriglohnressourcen (zum Beispiel Offshore) und industriebezogene Nischenanbieter hĂ€tten darum in Deutschland die besten Zukunftsaussichten. GegenĂŒber den 120000 klassischen IT-ArbeitsplĂ€tzen, die so verschwĂ€nden, wĂŒrden allenfalls 25000 neue mit branchenspezifischem oder BWL-Know-how entstehen. Eine Zahl, die mit den SchĂ€tzungen des BITKOM grob gesehen korreliert - nur dass dieser sich in seiner Untersuchung allein auf die gesuchten KrĂ€fte bezieht und diejenigen, die wegrationalisiert werden könnten, außen vor lĂ€sst.

Das Management-Beratungsunternehmen A.T.Kearney glaubt, dass in fĂŒnf Jahren im Zuge von Umschichtungen 15 Prozent der klassischen IT-ArbeitsplĂ€tze wegrationalisiert und 30 Prozent ins Ausland transferiert sein werden.

IT-Outsourcing werde aber immer mehr zum Standard. Bereits heute gingen bei deutschen Industrieunternehmen insgesamt 13 Milliarden Euro fĂŒr IT-Services an externe Anbieter, das seien fast 35 Prozent der Gesamtausgaben. Dieser Anteil wird der A.T.Kearney-Studie zufolge in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren auf etwa 80 Prozent ansteigen, was einem Volumen von rund 33 Milliarden Euro entspricht.

Den Großen der Branche ist das Reden vom „FachkrĂ€ftemangel“ ganz und gar fremd. Ihnen rennen die Uni-Absolventen die TĂŒren ein: AMD hat am Standort Dresden in den letzten drei Jahren fĂŒr sein neues Halbleiterwerk Fab 36 die SollstĂ€rke von rund 1000 hoch qualifizierten Ingenieuren, Technikern und Spezialisten spielend erreicht. Man habe „aus einem großen Bewerberpool“ auswĂ€hlen können, „nur bei einigen hoch spezialisierten Positionen mussten wir mitunter lĂ€nger suchen, um den geeigneten Kandidaten zu finden“, so AMD-Sprecherin Karin Raths.

Bewerberfavorit SAP hat aufgrund seines hervorragenden Image ebenfalls grundsĂ€tzlich keine Probleme, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Das Ă€ußere sich sowohl in der QualitĂ€t als auch in der QuantitĂ€t der Bewerbungen. Nur in den Ingenieurbereichen stehe man im harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen, erklĂ€rt SAPs „Communications Manager im Executive Communications Operations Office“ Alla Ruggaber-Mast. Im letzten Jahr konnte SAP rund 40000 Bewerbungen allein fĂŒr seinen deutschen Standort zĂ€hlen. Von der QualitĂ€t der Bewerbungen her gesehen erhalte man die gesamte Bandbreite von „sehr gut bis mĂ€ĂŸig“. Man freue sich vor allem, dass sich weiterhin sehr gute Kandidaten unvermindert bei dem Unternehmen bewerben.

Dabei treibt die Suche nach FachkrĂ€ften auch skurile BlĂŒten. Der schwedische ERP-Anbieter IFS will frisch gebackene UniversitĂ€tsabsolventen mit einer Rallye durch Westeuropa begeistern, die er in Kooperation mit der niederlĂ€ndischen Sportwagenschmiede Burton organisiert. Zehn von 20 Teilnehmern winkt nach EignungsprĂŒfungen wĂ€hrend der Ralley eine Anstellung.

Auf solche „Recrutingmaßnahmen“ und Bewerberströme kann der Mittelstand nur neidvoll blicken. Dessen Praxis zeigt sich am Beispiel der mittelstĂ€ndischen Firma id-netsolutions aus Hamburg. Sie hat derzeit drei Stellen zu besetzen, und ihr GeschĂ€ftsfĂŒhrer Adrian Ave nennt viele GrĂŒnde, warum die Vakanzen noch bestehen. Teilweise bis hin zur „fassungslosen Ohnmacht“ trieben ihn die „von keinerlei Kompetenz“ getrĂŒbten Leistungen mancher Bewerber.

Die gebe es zwar in genĂŒgender Zahl, doch wenn Ave sie im Rahmen der Vorstellung nach einem einleitenden GesprĂ€ch mit einer kleinen technischen PrĂŒfung auf die Suche nach einfachen Systemfehlern schickt, kapituliert das Gros. Selbst in namhafte Zertifikate oder Umschulungszeugnisse setzt er wenig Vertrauen, sie sagen ihm wenig ĂŒber die Qualifikation aus.

Wer wirklich etwas könne, so Ave, fordere hingegen gut und gerne ein Jahresgehalt von 60000 Euro, und die gebe der Markt nicht her. MittelstĂ€ndische Unternehmen stĂŒnden in einem harten Konkurrenz- und VerdrĂ€ngungswettbewerb, auch angeheizt durch schillernde Quereinsteiger, die sich zu Dumpingpreisen feilbieten.

AbhĂ€ngig von GrĂ¶ĂŸe und Branche strukturieren Personalchefs die GrĂŒnde, aus denen heraus sie Bewerber ablehnen.

(Bild: BITKOM)

Da muss den Mitarbeitern der geringe gesetzliche Urlaubsanspruch reichen, und geregelte Arbeitszeiten bleiben ein Fremdwort. Ave: „Der Betriebsrat bin ich, und der möchte auch zukĂŒnftig eine Win-Win Situation fĂŒr Kunden, Arbeitnehmer und Arbeitgeber schaffen können. Wir legen hohen Wert auf ein gutes Betriebsklima und eine angenehme Umgebung - das lĂ€sst sich auch ohne ĂŒberzogene Gehaltszahlungen realisieren und schafft Motivation auf allen Seiten.“

Wenn die Firmen so hĂ€nderingend Mitarbeiter suchen, warum fragen sie dann nicht bei der Agentur fĂŒr Arbeit nach? Die hĂ€lt die neuesten Zahlen ĂŒber Stellenbedarf und Stellengesuche bereit: Ende Juni zĂ€hlte die Agentur 31334 arbeitslose ITler, fast ein Drittel weniger als im Juni 2006. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen hat sich in diesem Zeitraum um ein Viertel auf 7622 erhöht.

Weil das Gros der arbeitslos Gemeldeten ĂŒber 50 Jahre alt sei, so Klaus Heimann, der Berufsbildungsexperte der IG-Metall, spielen wohl immer noch emotionale GrĂŒnde eine Rolle, wenn Arbeitgeber die kalte Schulter zeigen. Die IG-Metall sieht aber auch, dass bei den Älteren Nachqualifikation nötig sein kann und fordert daher vehement eine entsprechende Offensive. Der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie und Energie, Hubertus Schmoldt, wies den Firmen Anfang Juli gegenĂŒber der OsnabrĂŒcker Zeitung ein Gutteil Schuld an der Job-Misere zu: Die Chefetagen mĂŒssten sich endlich zu ihrer Verantwortung bekennen, es sei ein gesellschaftspolitischer Skandal, die derzeit arbeitslosen Ingenieure einfach abzuschreiben. Die Unternehmen hĂ€tten selbst den FachkrĂ€fte- und Ingenieurmangel verursacht: „Es wurde an der Kostenschraube gedreht, es wurde entlassen und eine LĂŒcke beim Know-how gerissen.“

Kurzfristig lassen sich passgenaue Bewerber nicht finden, selbst wenn sich Abiturienten in Scharen an den UniversitĂ€ten einschrieben. Die stĂŒnden erst in einigen Jahren zur VerfĂŒgung.

Aus mittelstĂ€ndischer Sicht liegt es sicher nahe, die Zahl der potenziellen Bewerber deutlich zu erhöhen - das gestiegene Angebot senkt außerdem die Preise fĂŒr die Arbeitskraft und gestattet, aus einem großen Bewerberpool sich die besten KrĂ€fte herauszufischen. Weil dies in absehbarer Zeit auf Schwierigkeiten stĂ¶ĂŸt, erschallen der Ruf nach auslĂ€ndischen KrĂ€ften und die Klage ĂŒber den drohenden Niedergang des Standortes Deutschland.

Mit Blick auf die arbeitsuchenden IT-ler hat die frĂŒhere Bundesregierung aus gutem Grund eine Grenze gesetzt: Nur wer ĂŒber 85500 Euro verdient, darf als EU-ferner AuslĂ€nder in Deutschland arbeiten. Fiele diese Grenze, dann mĂŒssten sich auch Hochqualifizierte der Konkurrenz beugen und LohnzurĂŒckhaltung ĂŒben.

Der schwarze Peter liegt beim StudienanfĂ€nger. Wenn er in einigen Jahren sein Informatikstudium abgeschlossen hat, könnte der derzeit herrschende konjunkturelle Aufschwung lĂ€ngst Vergangenheit sein - der tritt nĂ€mlich bereits 2008, so prophezeit das MĂŒnchner ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut in seiner Konjunkturprognose vom 25. Juni, „in seine SpĂ€tphase“ ein. Das Ende des Aufschwungs erwartet das ifo im Verlauf des Jahres 2009. Danach könnten die frisch gebackenen Informatiker, die dem Ruf der Industrie und Politik gefolgt sind, auf der Straße stehen - hĂ€nderingend.

Arbeitslos gemeldete IT-FachkrÀfte
im Juni 2007 arbeitslos Gemeldete (Juni 2006) im Juni 2007 gemeldete offene Stellen (Juni 2006)
Datenverarbeitungsfachleute ohne nÀhere Angabe 628 (1242) 39 (151)
Systemanalytiker, Organisatoren 1535 (2094) 230 (276)
Anwendungsprogrammierer 2799 (3818) 781 (562)
Systemprogrammierer 2482 (3526) 1073 (1066)
Rechenzentrumsfachleute 7977 (11110) 1071 (915)
Vertriebsfachleute 2337 (2350) 854 (419)
Datenverarbeitungskaufleute 5722 (8217) 1040 (1117)
Informatiker 6831 (10726) 2337 (1519)
andere 1023 (1236) 197 (142)
Datenverarbeitungsfachleute insgesamt 31334 (44319) 7622 (6167)

Über Auswirkungen und Ursachen des so vehement beklagten „FachkrĂ€ftemangels“ sprachen wir mit Professor August-Wilhelm Scheer. Der GrĂŒnder und Vorsitzende des Aufsichtsrates der IDS Scheer AG ist seit dem 22. Juni PrĂ€sident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, BITKOM, davor Direktor des Instituts fĂŒr Wirtschaftsinformatik im deutschen Forschungszentrum fĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz.

c't: Herr Professor Scheer, der BITKOM beklagt, vor allem die mittelstĂ€ndische Industrie suche hĂ€nderingend IT-Fachleute. Der Bedarf wird auf etwa 20000 geschĂ€tzt. VerschmĂ€ht sie die rund 30000 Informatiker, die bei der Bundesagentur fĂŒr Arbeit als arbeitsuchend gemeldet sind?

Professor August-Wilhelm Scheer: Keineswegs. Die Zahl der arbeitslosen IT-Fachleute hat sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert! Bei etwa einer Million BeschĂ€ftigten in der IT kann man von VollbeschĂ€ftigung sprechen. Arbeitslosigkeit entsteht vor allem durch individuelle Gegebenheiten: Wissen veraltet sehr schnell, oft fehlt die notwendige Kompetenz. Auch ImmobilitĂ€t ist ein großes Hindernis.

c't: Wer nicht passgenau qualifiziert ist, den kann man doch schulen oder ausbilden?

Scheer: Wir appellieren an unsere Mitgliedsfirmen, ihre Mitarbeiter intensiv zu qualifizieren und unterstĂŒtzen das mit der BITKOM-Akademie. Ich appelliere aber auch an die Arbeitnehmer, ihre WettbewerbsfĂ€higkeit zu erhalten. Das erfordert die Bereitschaft jedes Einzelnen, lebenslang zu lernen.

c't: Können Sie jungen Menschen guten Gewissens zu einem Informatikstudium raten?

Scheer: Ohne EinschrĂ€nkung: ja. IT bleibt eine Wachstumsindustrie. Denken Sie daran, wie oft neue Produktversionen erscheinen. In der IT ist immer mehr Beratungs- und Management-Know-how gefragt. Daher ist es sinnvoll, Informatik mit einem Anwendungsfach zu kombinieren, zum Beispiel Wirtschaftsinformatik oder Bioinformatik. Zudem sollten die Studierenden frĂŒhzeitig persönliche Fertigkeiten trainieren, insbesondere Fremdsprachen.

c't: Konjunkturen verlaufen zyklisch. In ein paar Jahren, wenn die Studenten ihr Studium abgeschlossen haben, wird der gegenwĂ€rtig zu beobachtende Aufschwung Geschichte sein - dann stehen die Absolventen auf der Straße.

Scheer: Da schĂŒren Sie zu viel Angst. Die gegenwĂ€rtige Situation ist ja das Ergebnis eines - darauf wollen Sie wohl hinaus - „Schweinezyklus“. Diejenigen, die seinerzeit durch das Platzen der New-Economy-Blase vor einem Informatikstudium zurĂŒckgeschreckt sind, fehlen uns jetzt. Die Branche wĂ€chst stetig und die Jobaussichten von Informatikern sind deutlich besser als in vielen anderen Berufen.

c't: Den Großen der Branche laufen die Uni-Absolventen die TĂŒren ein, bei SAP zum Beispiel bewerben sich Jahr fĂŒr Jahr 40000 ITler. Was können kleine oder mittelstĂ€ndische Firmen tun, um ihren Betrieb fĂŒr IT-FachkrĂ€fte attraktiv zu machen?

Scheer: Die großen Konzerne sind in der Tat attraktive Arbeitgeber, aber der Mittelstand kann ebenfalls punkten. Überschaubare Strukturen und mehr Verantwortung fĂŒr den Einzelnen sind wichtige Faktoren fĂŒr die Berufswahl. MittelstĂ€ndische IT-Firmen mĂŒssen die Personalentwicklung als strategische Aufgabe verstehen. Dazu gehört der Aufbau eines regionalen Netzwerks, das unter anderem Kooperationen mit Hochschulen und Kontakte zu lokalen Medien umfasst.

c't: Viele IT-Fachleute klagen, dass kleinere Betriebe oft nur den gesetzlichen Mindesturlaub gewĂ€hren, sich nicht an Arbeitszeitvorschriften halten und dennoch von ihren Mitarbeitern erhöhte Leistungsbereitschaft und MobilitĂ€t fordern. Auf der anderen Seite stöhnt ein Drittel der vom BITKOM befragten Firmen, Einstellungen scheiterten an „unrealistischen Gehaltsforderungen“ der Bewerber. Wie passt das zusammen? Wer Leistung fordert, muss doch die Leistungen auch angemessen honorieren?

Scheer: Die IT-Firmen zahlen gut und die Zahl der Arbeitsstunden ist nicht unbedingt ein Maßstab fĂŒr WohlfĂŒhlen oder NichtwohlfĂŒhlen. Wer an einer interessanten Sache arbeitet, wird auch mit Engagement dabei sein. Es stimmt aber auch: Die Kleinen mĂŒssen sehen, dass sie sich attraktiv machen. Eine anspruchsvolle Aufgabe und ein gutes Image können da viel bewirken. Denken Sie einmal daran, wie viele sich bei den Fraunhofer-Instituten bewerben. Dies geschieht nicht wegen hoher Bezahlung, sondern weil sie als Forschungseinrichtungen ein hervorragendes Image haben. (fm [1])


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-291140

Links in diesem Artikel:
[1] mailto:fm@ct.de