Koalitionsstreit um innere Sicherheit wird immer hitziger
SchĂ€uble fĂŒhlt sich missverstanden, die SPD empfindet den Bundesinnenminister als "groĂe Belastung" und die Union sieht sich von der SPD bei verdeckten Online-Durchsuchungen und beim BKA-Gesetz hingehalten.
Mit den hochsommerlichen Temperaturen steigt auch das Thermometer in der Debatte um die innere Sicherheit [1], den Schutz vor TerroranschlĂ€gen und den Ausbau des Ăberwachungsnetzes weiter an. Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble fĂŒhlt seine jĂŒngsten Ăberlegungen [2] im Umgang mit potenziellen Terroristen und "GefĂ€hrdern" missverstanden und rudert teilweise zurĂŒck. In der SPD wird der CDU-Politiker dennoch inzwischen als "groĂe Belastung fĂŒr die Koalition" empfunden. Die Union wiederum fĂŒhlt sich von den Genossen bei der Novelle des BKA-Gesetzes [3] und der damit von ihr verknĂŒpften Befugnis fĂŒrs Bundeskriminalamt zu verdeckten Online-Durchsuchungen weiter hingehalten.
SchĂ€uble sagte in Interviews mit ARD und ZDF, es sei ihm bei den ĂuĂerungen ĂŒber die Tötung von Terroristen um den militĂ€rischen Kampf gegen die Terrororganisation al-Qaida und die rechtliche Stellung der Soldaten im Völkerrecht und im Verteidigungsfall gegangen. Daraus sei die Fehlinterpretation entstanden, "als wolle irgendjemand eine gesetzliche Regelung zum Abschuss von TerrorverdĂ€chtigen. Das will niemand, ich schon gar nicht". Der Minister warnte aber davor, die Debatte ĂŒber MaĂnahmen im Kampf gegen den Terrorismus zu tabuisieren: "Die terroristische Bedrohung ist ernst. Die Sicherheitsbehörden brauchen die notwendigen gesetzlichen Instrumente." Auf die Frage, ob er eine andere Republik wolle, betonte SchĂ€uble: "Nein, wirklich nicht." Er wolle "gerade nicht in verfassungsrechtlichen Grauzonen handeln." Wichtig sei es ihm vielmehr, klare Rechtsgrundlagen zu haben. DafĂŒr will der Minister unter UmstĂ€nden das Grundgesetz Ă€ndern. Ob nicht auch auf diese Weise der Rechtsstaat unterlaufen werden könnte, thematisierte SchĂ€uble nicht.
Auslöser des Streits sind nach wie vor Ăberlegungen des Ministers in einem Interview mit dem Spiegel vor einer Woche. SchĂ€uble hatte darin unter anderem gefordert, so genannten GefĂ€hrdern unter UmstĂ€nden die Benutzung von Internet oder Handys zu verbieten. Dazu seien keine GesetzesĂ€nderungen nötig, erlĂ€uterte er jetzt. So sei im Aufenthaltsrecht bereits geregelt, dass Menschen, die ausgewiesen seien, die man aber nicht abschieben könne, bestimmte EinschrĂ€nkungen â etwa bei der Nutzung von Kommunikationswerkzeugen â auferlegt werden könnten. Als "völlig ungeklĂ€rt" hatte SchĂ€uble zudem eine eventuelle Beteiligung Deutscher an möglichen Tötungsaktionen von Top-Terroristen etwa in Afghanistan bezeichnet. Der Minister wörtlich: "Wir sollten versuchen, solche Fragen möglichst prĂ€zise verfassungsrechtlich zu klĂ€ren und Rechtsgrundlagen schaffen, die uns die nötigen Freiheiten im Kampf gegen den Terrorismus bieten."
Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach interpretiert diese ĂuĂerung nun im Interview mit dem Deutschlandfunk [4] so, dass SchĂ€uble "nicht gesagt hat, wörtlich oder auch nur sinngemĂ€Ă, er wĂŒrde jetzt einen Gesetzentwurf vorlegen, der die gezielte Tötung mutmaĂlicher Terroristen zum Inhalt hĂ€tte". Richtig sei allerdings, "dass wir heute eine völlig andere Bedrohungslage haben als zur Zeit des Kalten Krieges und dass wir darĂŒber sprechen mĂŒssen in unserem Lande". Da gebe es SchutzlĂŒcken, insbesondere beim BKA-Gesetz und Luftsicherheitsgesetz sowie bei der Strafbarkeit von Vorbereitungshandlungen, die dem Terrorismus dienen. Als "Politik paradox" der SPD bezeichnete er in diesem Zusammenhang den Streit um die heimliche Ausforschung von Festplatten. EingefĂŒhrt habe sie ein SPD-StaatssekretĂ€r unter Ex-Innenminister Otto Schily, SchĂ€uble habe das "rechtswidrige Treiben" nach massivem Druck von allen Seiten gestoppt. "Jetzt wird er dafĂŒr von der SPD hart kritisiert, und das ist schon schĂ€big", empört sich Bosbach. Die Union werde aber nicht locker lassen, da es "um den Schutz des Landes und 82 Millionen Menschen vor dem internationalen Terrorismus" gehe.
Bundesjustizministerin Brigitte Zypries warnte gegenĂŒber dem Sender [5], "dass man solche Ăberlegungen ĂŒberhaupt nur anstellt, die mit den wesentlichen Grundprinzipien unserer Verfassung nicht ĂŒbereinstimmen". Der Innenminister habe als Verfassungsminister eine besondere Verantwortung und sollte nicht solche Gedankenspiele in die Ăffentlichkeit bringen. Es gehe SchĂ€uble nicht um das kurzfristige Einsperren etwa von Hooligans, wie dies in den Polizeigesetzen der LĂ€nder geregelt sei. Vielmehr sei die Rede allgemein von GefĂ€hrdern, "wo wir nicht wissen, ob sie heute, in einem Jahr oder in drei Jahren gegebenenfalls Taten begehen. Man könne aber niemand aus einem Verdachtsmoment heraus "fĂŒr den Rest seines Lebens festsetzen".
Zypries bedauerte, dass SchĂ€uble die Schritte, "die er unternehmen könnte", wie etwa die mit Ausnahme der Regelung zu Netzbespitzelungen weitgehend abgestimmte Novelle des BKA-Gesetzes ins Verfahren zu bringen, nicht mache. Es sei durchaus ĂŒblich, Streitfragen wie das Durchforsten privater PCs und Speicherplattformen im Netz mit mehr Distanz ĂŒber den Bundestag und die parlamentarische Beratung noch mit einzufĂŒhren. "Wir haben immer gesagt, wir mĂŒssen bei der Online-Durchsuchung zunĂ€chst mal klarmachen, was ist es eigentlich ĂŒberhaupt, was kann man da machen, wie aufwendig ist es, wofĂŒr ist es ĂŒberhaupt erforderlich, wofĂŒr brauchen die Sicherheitsbehörden das, an wie viele FĂ€lle ist gedacht." Elementar sei die verfassungsrechtliche Einstufung, also vor allem der Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung. Das sei in diesem Fall "sicherlich ausgesprochen schwierig". Deswegen mĂŒsse man erst auch mit den "technisch versierten Menschen sprechen". Da brĂ€uchten die Juristen Hilfe von Informatikern. Eine Lösung bis Ende August, wie sie der Union momentan vorschwebt [6], kann sich Zypries daher nicht vorstellen.
FĂŒr den Innenexperten der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter WiefelspĂŒtz, hat SchĂ€uble derweil das Klima zwischen Schwarz-Rot schwer belastet. Jetzt habe der Minister fĂŒr seine VorstöĂe zur TerrorismusbekĂ€mpfung selbst "vom BundesprĂ€sidenten die rote Karte bekommen [7]", sagte er der Frankfurter Rundschau. Der Konflikt um die innere Sicherheit schaffe "wechselseitig schwindendes Vertrauen" innerhalb der Koalition. Bei dieser Ausgangslage werde eine kĂŒnftige Zusammenarbeit schwierig. Eine RĂŒffel versetzte SchĂ€uble auch der niedersĂ€chsische MinisterprĂ€sident und CDU-Vize Christian Wulff in der Bild-Zeitung: "Das gezielte Töten  von wem auch immer  ist mit unserem Rechtsstaat nicht vereinbar und eine Debatte darĂŒber unverantwortlich." (Stefan Krempl)
Siehe dazu auch:
- SchĂ€uble fordert "Internierung", Internet- und Handyverbot fĂŒr "GefĂ€hrder" [8]
- Weiter scharfe Kritik an SchÀubles PlÀnen [9]
- SchÀuble verteidigt seine Linie des starken PrÀventionsstaates [10]
- Merkel will rasches Gesetz fĂŒr heimliche Online-Durchsuchungen [11]
- "Die Sicherheit ist die Voraussetzung fĂŒr die Freiheit" [12], Telepolis zu den Reaktionen des rechtspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Fraktion Norbert Geis auf SchĂ€ubles VorschlĂ€ge
- Mit neuen VorschlÀgen mischt SchÀuble die Sicherheitsdebatte auf [13]
- SchÀuble: "Wir stecken den Kopf in den Sand." [14]
- Bericht: Nein der SPD zu heimlichen Online-Durchsuchungen wackelt [15]
- Bundeskanzlerin unterstĂŒtzt SchĂ€uble bei Diskussion um innere Sicherheit [16]
- Zypries signalisiert Kompromissbereitschaft bei Online-Durchsuchungen [17]
- Umfrage: Mehrheit lehnt SchĂ€ubles Anti-Terror-Ăberlegungen ab [18]
- Online-Durchsuchung: Zwischen Freiheitsrechten und moderner Ermittlungstechnik [19]
- SchÀuble will Einigung auf Online-Durchsuchungen wÀhrend der Sommerpause [20]
- Neue Details zu SchÀubles umstrittenem Anti-Terrorkatalog [21]
- Union: Technik fĂŒr heimliche Online-Durchsuchungen einsatzbereit [22]
- Schönbohm kritisiert Sicherheitsdebatte [23]
- BundesprÀsident Köhler mahnt zur Sachlichkeit in der Sicherheitsdebatte [24]
- Innenminister: SchÀubles PlÀne gefÀhrden Schwarz-Rot [25]
- SchĂ€ubles Stakkato fĂŒr die Sicherheit und gegen die Hysterie der Kritiker [26] in Telepolis
Zu den Auseinandersetzungen um die erweiterte Anti-Terror-Gesetzgebung, die Anti-Terror-Datei sowie die Online-Durchsuchung siehe auch:
(Stefan Krempl) / (jk [28])
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[3] https://www.heise.de/hintergrund/Schaeuble-will-offene-Diskussion-ueber-neue-Anti-Terrormittel-302650.html
[4] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/646636/
[5] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/646454/
[6] https://www.heise.de/news/Union-Technik-fuer-heimliche-Online-Durchsuchungen-einsatzbereit-150970.html
[7] https://www.heise.de/news/Bundespraesident-Koehler-mahnt-zur-Sachlichkeit-in-der-Sicherheitsdebatte-151237.html
[8] https://www.heise.de/news/Schaeuble-fordert-Internierung-Internet-und-Handyverbot-fuer-Gefaehrder-148706.html
[9] https://www.heise.de/news/Weiter-scharfe-Kritik-an-Schaeubles-Plaenen-Update-148823.html
[10] https://www.heise.de/news/Schaeuble-verteidigt-seine-Linie-des-starken-Praeventionsstaates-149017.html
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[12] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25673/1.html
[13] https://www.heise.de/news/Mit-neuen-Vorschlaegen-mischt-Schaeuble-die-Sicherheitsdebatte-auf-149262.html
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[15] https://www.heise.de/news/Bericht-Nein-der-SPD-zu-heimlichen-Online-Durchsuchungen-wackelt-149790.html
[16] https://www.heise.de/news/Bundeskanzlerin-unterstuetzt-Schaeuble-bei-Diskussion-um-innere-Sicherheit-149862.html
[17] https://www.heise.de/news/Zypries-signalisiert-Kompromissbereitschaft-bei-Online-Durchsuchungen-150169.html
[18] https://www.heise.de/news/Umfrage-Mehrheit-lehnt-Schaeubles-Anti-Terror-ueberlegungen-ab-150271.html
[19] https://www.heise.de/news/Online-Durchsuchung-Zwischen-Freiheitsrechten-und-moderner-Ermittlungstechnik-150289.html
[20] https://www.heise.de/news/Schaeuble-will-Einigung-auf-Online-Durchsuchungen-waehrend-der-Sommerpause-150453.html
[21] https://www.heise.de/news/Neue-Details-zu-Schaeubles-umstrittenem-Anti-Terrorkatalog-150800.html
[22] https://www.heise.de/news/Union-Technik-fuer-heimliche-Online-Durchsuchungen-einsatzbereit-150970.html
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