Mozilla-Studie findet Dark Patterns bei Microsoft
Mozilla wirft Microsoft vor, Nutzer zu Edge zu drÀngen.
(Bild: DANIEL CONSTANTE/Shutterstock.com)
Microsoft verwendet zahlreiche manipulative Verfahren, um Windows-Nutzern den eigenen Browser Edge unterzujubeln, monieren Forscher im Auftrag von Mozilla.
Mozilla hat eine Studie veröffentlicht, wonach Microsoft wiederholt "schÀdliche" Designtricks wie "Dark Patterns" [1] verwendet, um Windows-Nutzern Microsoft Edge aufzudrÀngen und sie vom Einsatz konkurrierender Browser wie Mozillas Firefox, Google Chrome oder Apples Safari abzubringen. Wenn ein Anwender einen neuen Browser herunterladen und installieren will, baut der Softwareriese demnach auf die Muster "Vorauswahl", "visuelle Einmischung", "getarnte Werbung" und trickreiche Formulierungen, um die Auswahlmöglichkeiten zu verzerren. Versuche ein Nutzer trotzdem, einen alternativen Browser als Standard festzulegen, setze Microsoft auf Abwehrtaktiken, um ihn vom Wechsel abzubringen.
"microsoft-edge://" anstelle von Standard-Webprotokollen wie "https://"
Der Konzern weigere sich zugleich, die entsprechende Standard-App fĂŒr verschiedene lokale webbezogene Dateitypen neu festzulegen, schreiben die Wissenschaftler Harry Brignull und Cennydd Bowles, die Mozilla mit der Untersuchung beauftragt hat. Sie sind in den Bereichen Kognitionswissenschaft und Technologie-Ethik tĂ€tig. Apps und Funktionen wie die Suche in der Taskleiste, Widgets, Outlook, Teams und Copilot in der Windows-Vorschau erzwĂ€ngen entsprechende Aktionen: Sie öffneten Links in Edge und ignorierten dabei die Standardbrowser-Einstellung. Microsoft habe dafĂŒr offenbar ein Protokoll "microsoft-edge://" erstellt hat, das anstelle von Standard-Webprotokollen wie "https://" verwendet werde.
Halte ein User dennoch an einem alternativen Browser fest, greift Microsoft laut der Analyse mit dem Titel "Over the Edge" [2] erneut tief in die Kiste der negativ besetzten Design-Tricks [3], um den Abspenstigen zurĂŒck zu Edge zu drĂ€ngen. Alles beginne schon, sollte ein Anwender einen anderen Browser auf eine neue Windows 10- oder 11-Installation herunterladen wollen. Seine einzig realistische Option bestehe dann zunĂ€chst darin, Microsoft Edge zu öffnen. Dieser Browser durchlaufe dann eine Reihe von Schritten, die als First Run Experience bezeichnet werden. Dabei handle es sich um einen "Trichter", in dem der Nutzer dazu aufgefordert werde, seine Daten und Voreinstellungen aus zuvor verwendeten Browsern zu importieren.
"Absichtliche und anhaltende Kampagne" Microsofts
Dabei handle es sich zwar um eine gĂ€ngige Praxis auch anderer Hersteller, schreiben die Experten, die ihre UnabhĂ€ngigkeit betonen. Da Edge jedoch der einzige vorinstallierte Browser sei, "muss praktisch jeder Windows-Benutzer die Edge First Run Experience absolvieren, bevor er das Internet nutzen oder einen alternativen Browser herunterladen kann". Ăbersehe ein User im Anschluss ein graues KontrollkĂ€stchen, beginne Microsoft damit, das Verhalten in Edge zu tracken und diese Daten fĂŒr kommerzielle Zwecke zu verwenden. Von Datenerfassung und gezielter Werbung sei bei der Auswahl gar keine Rede.
Die Forscher schlussfolgern, die Designpraktiken fĂŒhrten dazu, dass Nutzer "einen alternativen Browser nicht ohne BeeintrĂ€chtigung herunterladen, installieren, verwenden oder als Standard festlegen können". Die Tricks könnten etwa zu VerbraucherschĂ€den wie Verzerrung, Anreiz zur nicht einvernehmlichen Datenweitergabe und "emotionalem Stress" fĂŒhren. Auch ein Vertrauensverlust in den Technologiesektor und SchĂ€den fĂŒr den gesamten Markt aufgrund ausbleibender Browser-Innovationen lĂ€gen nahe. FĂŒr den Einsatz dieser Techniken in Form einer "absichtlichen und anhaltenden Kampagne" gebe es keine Rechtfertigung, sodass er sofort unterbunden werden sollte. Gegebenenfalls seien regulatorische Eingriffe nötig.
EU als Vorbild
Einen anderen Ansatz schreibe etwa die EU bereits mit dem Digital Markets Act [4] (DMA) vor, konstatieren die Autoren. Wenn der Nutzer seinen PC zum ersten Mal einrichtet, sollte das Betriebssystem den Anwender demnach anhand eines Auswahlbildschirms wie bei Apple [5] fragen, welchen Browser er verwenden möchte und dann die Festlegung respektieren. Einem Bericht zufolge wird die EU-Kommission Edge aber nicht als "TorwĂ€chter" im DMA-Sinne einstufen [6], sodass die Vorgaben aus der Verordnung nicht dafĂŒr gĂ€lten. Viel gebracht hat Microsoft die GĂ€ngelung bislang nicht: Laut den globalen Zahlen von StatCounter fĂŒr Januar [7] dominiert Chrome weiter mit 64,38 Prozent Marktanteil, gefolgt von Safari mit 18,86 Prozent. Edge kommt auf 5,35, Firefox auf 3,3 Prozent. Microsoft Ă€uĂerte sich gegenĂŒber PCMag zunĂ€chst nicht zu den VorwĂŒrfen [8].
(nie [10])
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[1] https://www.heise.de/news/Klebrige-Apps-Bundesstagsstudie-kritisiert-Psycho-Tricks-von-Entwicklern-4630680.html
[2] https://research.mozilla.org/files/2024/01/Over-the-Edge-Report-January-2024.pdf
[3] https://www.deceptive.design
[4] https://www.heise.de/news/Digital-Markets-Act-WhatsApp-und-Facebook-Messenger-muessen-interoperabel-werden-9296190.html
[5] https://www.heise.de/news/Internet-Explorer-laesst-gruessen-iOS-17-4-zeigt-Browser-Auswahldialog-9610558.html
[6] https://www.heise.de/news/Microsoft-Advertising-Bing-und-Edge-fallen-wohl-nicht-unter-den-DMA-9606504.html
[7] https://gs.statcounter.com/browser-market-share
[8] https://uk.pcmag.com/browsers/150715/microsoft-deploys-harmful-design-tricks-to-push-edge-say-mozilla-researchers
[9] https://www.heise.de/newsletter/anmeldung.html?id=ki-update&wt_mc=intern.red.ho.ho_nl_ki.ho.markenbanner.markenbanner
[10] mailto:nico.ernst@gmail.com
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