Next Generation Network: Das Imperium schlägt zurück

Auf der Jahrestagung des Eco-Verbands in Köln sprachen Experten über die Zukunft der Netze und die verschiedenen Modelle des Next Generation Networks.

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Von
  • Monika Ermert

Das Next Generation Network (NGN) ist die letzte Chance für die klassischen Telekommunikationsanbieter, mit der Entwicklung des Internets Schritt zu halten und dessen Möglichkeiten zu nutzen, ohne ganz auf das eigene Geschäftsmodell zu verzichten. Das sagte beim Jahreskongress des Eco Verbands in Köln der Fraunhofer Fokus-Forscher Niklas Blum. Das Motto des Eco-Kongresses, "Ist das Internet noch zu retten?", müsse daher eigentlich lauten: "Sind die Telcos noch zu retten?"

Blum entwarf ein Bild des NGN, das über ein Verbindungsnetz die verschiedenen Zugangsnetze verknüpft und darüber eine Kontrollebene für Funktionen wie Abrechnung, Authentifizierung und Bandbreitenmanagement legt. Auf einem so gemanagten Netz könnten in Zukunft alle Dienste aufbauen und die Netzbetreiber gleichzeitig die Kontrolle über Abrechnung und Dienste behalten. Offenheit und offene Standards seien dabei wichtig, sagte Blum, und natürlich bilde das IP-Protokoll die Basis. Das Fraunhofer Focus Institut hat das Konzept mit Open Source Standards aufgebaut und rund 140.000 Unternehmen und Organisationen haben sich die angebotene Software heruntergeladen. "Es funktioniert", versicherte Blum. Zwar handele es sich um ein sehr komplexes System, aber es erlaube – zumindest in der vom Fraunhofer Fokus umgesetzten Form – auch eine gewisse Unabhängigkeit von Diensteanbietern.

Unter dem Motto "Das Imperium schlägt zurück" verbuchte Eco-Vorstandsmitglied Klaus Landefeld die NGN-Kampagne. Das IMS, das IP Multimedia System, bezeichnete er als den "einen Ring, um alle zu binden". Dabei sprächen unterschiedliche Parteien von unterschiedlichen Konzepten. Den Dogmatikern – etwa bei der TISPAN-Arbeitsgruppe der europäischen Standardisierungsorganisation ETSI – gehe es um eine Funktionserweiterung des Netzes, das nun "Bescheid wissen soll über den einzelnen Datenstrom". Entscheidenden Einfluss auf die Standardisierung des IMS, aktuell in der Version 6.2.3 zu erhalten, hätten auch die 3GPP.

Der Idee von einem kontrollierten Netz, das neben dem "Single Sign On" und der damit möglichen leichteren Authentifizierung auch Überwachungsanforderungen von staatlicher Seite leichter zugänglich sei, stellte Landefeld das Next Generation Internet (NGI) gegenüber. Denn natürlich müsse sich das Internet in Richtung Multimedianetz weiterentwickeln. Das geschehe bei der Internet Engineering Task Force (IETF), die auf eine Kontrollebene entsprechend der Tradition des offenen Internets verzichte. Die "best effort"-Datenübertragung im nach und nach erweiterten offenen Netz sei den Nutzern dabei gewiss, während die Quality of Service-Versprechen des NGN-Konzepts abhängig seien von entsprechenden Absprachen zwischen den verschiedenen NGN-Anbietern.

Für Landefeld haben beide Modelle Nachteile, aus Sicht der Internetwirtschaft überwiegen seiner Meinung nach die des komplexeren, teureren NGN. Er warnte unter anderem: "Im NGN wird es ein Resale-Modell praktisch nicht mehr geben." Zudem befürchtet Landefeld, dass die Neigung des NGN-Providers, die kostspielige Infrastruktur auch zu refinanzieren, dazu führe, kostengünstige Konkurrenzangebote im offenen Internet zu blockieren. SpaceNet-Gründer Sebastian von Bomhard mahnte angesichts der Vehemenz, mit der das NGN beworben werde, zur Vorsicht. Für ihn als Vertreter der Gründungsgeneration geht es beim NGN um nichts anderes als Konvergenz, für die Carrier andererseits wohl eher um ein neues Geschäftsmodell.

Landefelds Credo geht dahin, die Investitionen in den Ausbau der allgemeinen Infrastruktur zu stecken und die Wahl der Dienste dem Nutzer zu überlassem. Den Appell zur Netzneutralität wiederholte auch die Google-Vertreterin Annette Kroeber Riel. Sie gab bei der Eco-Jahrestagung ihre Weihnachtswunschliste an die Regulierer ab: Google hätte gern das Haftungsprivileg für Suchmaschinenbetreiber, eine Öffnung der Frequenzregulierung und generell eine kohärente Regulierung von Telekommunikation und Medien.

Dem Verdacht Landefelds, Regierungen und Regulierer befürworteten ein strenges NGN-Konzept, trat Ernst Langmantel, Abteilungsleiter Technik bei der österreichischen Regulierungsbehörde, entgegen. Langmantel sagte, im Prinzip begrüße der Regulierer durchaus den Wettbewerb zwischen verschiedenen Modellen wie NGN und NGI. Auf der anderen Seite sei die Regulierung unter Umständen gefordert, wenn durch wachsende Komplexität Probleme bei der Interoperabilität entstehen würden. (Monika Ermert) / (vbr)