Gutachten: KI führt deutsche Wirtschaft zurück auf den Produktivitätspfad

Verhaltenes Produktivitätswachstum erwartet das IW Köln für die nächsten 15 Jahre – vor allem aufgrund von KI. Die Rede ist vom größten technologischen Hebel.

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Hubertus Bardt, Geschäftsführer Wissenschaft des IW Köln, stellte das KI-Gutachten vor

(Bild: Krempl)

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Mit Künstlicher Intelligenz (KI) sind umfassende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Erwartungen verbunden. Das gilt auch für eine Steigerung der Produktivität mithilfe der Technik. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln ist nun im Auftrag des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen gewerblichen Wirtschaft der Frage nachgegangen, was sich auf diesem Gebiet hierzulande tun könnte. Das Ergebnis des Gutachtens fasste Hubertus Bardt, Geschäftsführer Wissenschaft des IW Köln, bei der Präsentation in Berlin so zusammen: KI führe die hiesige Wirtschaft "zurück auf Produktivitätspfad". Die Technik sorge aber nicht für ein neues Produktivitätswunder.

Seit 1991 sei die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft jede Dekade zurückgegangen, insbesondere durch das Platzen der Dotcom-Blase und die Corona-Pandemie, erklärte Bardt. 2024 habe sie bei nur 0,4 Prozent gelegen. Das gelte nicht nur für Deutschland, sondern sei ein internationaler Trend. Die IW-Projektion zeigt unter Berücksichtigung der potenziellen Effekte von KI ein jahresdurchschnittliches Produktivitätswachstum in Deutschland von 0,9 Prozent für die Jahre 2025 bis 2030 und von 1,2 Prozent für den folgenden Zeitraum bis 2040.

Gut zwei Drittel der erwarteten Aufwärtsentwicklung in den nächsten 15 Jahren seien auf KI zurückzuführen, erläuterte Bardt. Diese sei "der größte technologische Hebel, den wir haben". Zugleich gelte: "Wenn wir es nicht machen, machen es andere." Das Plus sei eine "wesentliche Größenordnung": rund 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts könnten in nächsten zehn Jahren damit entstehen. Zugleich gelte, dass Deutschland auch aus anderen Produktions- und Standortfaktoren wieder mehr machen müsse. Das gelte etwa für das Steuer- und Energiesystem sowie die Infrastruktur. "Wir müssen verhindern, dass die Zahl der Arbeitsstunden zu sehr durchsackt", betonte der Professor. Angesichts des laufenden demografischen Wandels im Erwerbsleben sei dabei trotz der Technik auch "über eine längere Wochen- und Lebensarbeitszeit" zu reden.

Der Einsatz von KI hat laut der Studie "auf der Ebene des einzelnen Arbeitsplatzes das Potenzial, Produktivitätsgewinne zu realisieren". Die empirische Evidenz signalisiere, dass dessen Ausschöpfung aber kein Automatismus sei und "spezifische Gelingensbedingungen" etwa je nach Betrieb, Organisationsbereich und Arbeitsplatz unterschiedlich sein könnten. Bislang spreche wenig dafür, dass sich "hinter dem Produktivitätspotenzial von KI ein arbeitssparender technischer Fortschritt verbirgt". Als Jobkiller schätzen die Forscher die Chatbots und hochspezialisierte KI-Systeme in der Produktion nicht ein.

Den Gutachtern zufolge besteht Konsens in der Einschätzung, "dass KI zu Effizienzsteigerungen in Form von Kosten- oder Zeitersparnissen führt". Dabei komme aber den Rahmenbedingungen wie in der EU dem AI Act eine entscheidende Rolle zu. Die Umsetzung der KI-Verordnung müsse "handhabbar" sein mithilfe von konkreten Umsetzungshilfen, Checklisten und bewährten Praxisbeispielen. Weiter bildeten die digitale Infrastruktur und die Fachkräfteverfügbarkeit das entscheidende Umfeld für KI in Deutschland.

Die Zahl von Berufen, die "KI-Nähe" haben, sei bis 2023 hierzulande auf ein Drittel gestiegen, führte Bardt aus. Dazu trügen Fachkräfte mit 13,5 Prozent, Spezialisten mit 6,7 und Experten mit 11,7 Prozent bei. Bei letzteren seien zugleich nur noch 1,5 Prozent nicht KI-affin. Insgesamt sei KI voraussichtlich nicht in der Lage, "eine Person zu ersetzen, die wir gar nicht mehr haben werden".

Die Nutzung der Technik sei aber weniger ausgeprägt als das Potenzial, monierte der Volks- und Betriebswirtschaftler. 2024 hätten rund 58 Prozent der abhängigen Beschäftigten noch nicht mit KI gearbeitet. Nur 10,3 Prozent schätzten sich als KI-Erfahrene ein. Dabei lohne sich der Einsatz auch für Arbeitnehmer: KI-Anwender verdienten tendenziell mehr, was teils auch an ihrer Qualifikation liege, ihre Gehälter wüchsen aber auch stärker. Laut dem IW-Beschäftigtenpanel habe ferner die eigene Arbeitsleistung bei 45 Prozent der KI-nahen Erwerbstätigen zugenommen.

80 Prozent der hiesigen Firmen gäben an, das Geschäftsmodell für KI nicht zu kennen, berichtete Bardt. Diesen empfahl er, einfach anzufangen und sich für einen überschaubaren Betrag etwas programmieren zu lassen. Der Rest stelle sich von selbst ein, zudem könnten alle Beteiligten an solchen Lösungen Spaß haben. Weiter riet der Experte, die Grundlagen und Akzeptanz für den KI-Einsatz zu schaffen, die Innovationskultur zu überdenken und Ökosysteme vor allem auch zwischen Forschung, Start-ups und Industrie zu errichten.

Ein deutsches Unternehmen müsse nicht unbedingt ein großes Sprachmodell aufbauen, veranschaulichte Bardt. Es gelte nicht immer, nur in großen KI-Projekten zu denken. Der Mittelstand hierzulande verfüge in der Regel über eine eigene IT-Infrastruktur, Server und Daten, womit sich etwa Ausschreibungen scannen und mithilfe von KI daraus spezifische Anforderungen filtern ließen. Angesichts gewisser Missbrauchsrisiken seien zwar Leitplanken oder Stopp-Schilder nötig. KI sei aber "nicht nur ein Hochrisiko-Ding".

DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov appellierte an die Unternehmen, durch den Einsatz der Technik "ein bisschen mehr rauszuholen" und "die entscheidende Nasenlänge" zu gewinnen. Die erforderliche Dateninfrastruktur bezeichnete DIHK- Bereichsleiter Rainer Kambeck als "für Teile des Mittelstands herausfordernd". Nötig seien neben Steuersenkungen niedrige Energiekosten und eine grundlegende Deregulierung. Polina Khubbeeva vom BDI begrüßte den EU-Ansatz mit KI-Fabriken prinzipiell. Die damit verknüpften Fördersummen reichten aber nicht einmal, um den Stundenlohn rauszuholen. Generell sollte Brüssel stärker auf Wettbewerbsfähigkeit setzen, wozu etwa ein neuer Cloud Development Act beitragen könnte.

(mki)