Klartext: Alterskradismus

In der langlebigen Neuzeit stemmen wir uns vehement gegen das Altern an sich, obwohl es weiterhin unvermeidlich bleibt. Es hat jedoch auch Vorteile: mehr Falten, aber sie sind dir egaler. Ähnlich schaut es mit Peugeot aus

vorlesen Druckansicht 87 Kommentare lesen
Klartext
Lesezeit: 6 Min.
Inhaltsverzeichnis

Seit ich mich erinnern kann, habe ich mich stets sehr alt gefĂŒhlt. Ein Leben im perpetuellen DĂ©ja-vu. Das hat viele Nachteile, aber den großen Vorteil, dass man gar nicht erst versucht, dem Altern davonlaufen zu wollen oder es zu leugnen. Wenig Tragischeres auf der Welt als ein Mensch, der im Alter vergeblich versucht, eine verpasste Jugend nachzuholen. Aktuell beobachte ich Abfindungen mit dem Alter im Kreise meiner Mit-Kradisten.

Beim Waldlauf:
Ich: „Hier bin ich frĂŒher gelegentlich von und zur Arbeit gerannt oder Fahrrad gefahren.“
Er: „Echt? 
 Noch vor ein paar Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, NICHT mit dem Motorrad zu fahren, wenn ich es kann. Aber heute verstehe ich es.“
Diese Einsicht kann nur verlÀngerter Existenz entstammen.

Klartext: Alterskradismus (6 Bilder)

Gemeinsame Street-Triple-Fahrt mit Kollege GĂŒnter Wimme: warm in Polyester verpackt. Wir werden auch ned jĂŒnger.
(Bild: Motor Rausch / Triumph)

Ich habe selber hĂ€ufig erzĂ€hlt, wie viel Motorradfahren mir gibt, dass es eben mehr sei als ein Hobby wie Tischtennis. Das stimmt auch weiterhin. Nur habe ich ĂŒber die Jahre eben erfahren, welche Aspekte es genau sind, die mir gefallen. Mir gefĂ€llt zum Beispiel am meisten das Streunern. Es gibt kein besseres technisches Hilfsmittel dazu als das Motorrad. Aber mir gefĂ€llt Streunern auch zu Fuß, mit dem Auto oder gar mit dem Campervan. Keins schließt die anderen aus. Im Sommer wollen wir mit Hund zum Surfen nach DĂ€nemark fahren. Das Flachland wĂ€re ein bisschen fad zu fahren mit dem Motorrad, und der Hund mĂŒsste auch daheim bleiben.

Ein anderer Kollege hatte einen Unfall auf der Motocross-Strecke. Anders als seine UnfĂ€lle vorher geschah dieser ohne einen Fehler seinerseits. Ein anderer Fahrer krachte schlicht von hinten in ihn hinein. Diese Ohnmacht gegenĂŒber Versehrung durch zufĂ€llige Fehler anderer wiegt schwer. Er will das MX-Fahren jetzt endgĂŒltig an den Nagel hĂ€ngen. Vielleicht kann man ihn nach der Genesung wieder zum Altherren-Enduro bewegen, aber ich glaube ihm, dass er mit der Cross-Piste abgeschlossen hat.

Ähnlich geht es vielen Verunfallten, vor allem jenen mit Familie. NatĂŒrlich gefĂ€llt uns GeschichtenerzĂ€hlern der Gedanke, dass Motorradfahren an sich so wichtig ist, dass es der Verunfallte niemals lassen kann. In der Population sind solche FĂ€lle jedoch gar nicht so hĂ€ufig, wie die HĂ€ufigkeit der Geschichten darĂŒber nahelegt. „Und dann hörte der Hans halt auf“ ergibt nur keine rechte Story. Meistens reicht schon die Elternschaft, um den ZĂŒndschlĂŒssel fĂŒr immer an den Nagel zu hĂ€ngen. Selbst die Wiedereinstiegsrate nach dem Auszug der Kinder liegt niedrig.

Ich erlaube mir darĂŒber genausowenig ein Urteil wie ĂŒber alle Lebenssituationen, die ich so nicht selber erlebt habe. Denn die Zeit zeigt dir ja nicht nur jedes Jahr mehr Falten auf der Stirn, sondern auch, dass der Glaube, man könne eine unbekannte Situation nachvollziehen, die man selbst nicht erlebt hat, ja: gar Tipps zu ihr geben, schlicht irreleitet. Jeder Facebooker glaubt, er kenne den heiligen Gral des Journalismus‘: Man muss doch nur, dann wird das schon. NatĂŒrlich! Der naheliegendste Gedanke, kein Schreiber hat ihn ĂŒber die Jahrzehnte je gedacht! Oder Lehrer: Ich war auch mal in der Schule. Ich weiß, wie das laufen muss, genauso, wie ich weiß, wie man richtig herumpolizistiert, weil ich mehrere allgemeine Verkehrskontrollen erlebt habe. Wir sind ja auch alle beste Bundestrainer, seit wir das erste kommentierte Fußballspiel im Fernsehen sahen.