Die schwarze Lackierung und das kantige Design prädestinieren das Cannondale Canvas Neo als E-Bike in einem Batman-Film. Doch passt es auch in die Realität?
Einfache E-Bikes für die Stadt ohne „Klimbim“ werden immer beliebter. Sie sind wie das Accolmile E-Road (Testbericht), das Urtopia Carbon 1 (Testbericht) oder das Fiido C21 (Testbericht) vor allem für kurze Trips wie die Fahrt an die Arbeit oder einen Abstecher in den Park oder Baggersee gut geeignet. Aufgrund des geringen Gewichts findet man bei den Modellen meistens weder Gepäckträger noch Schutzbleche. Ausnahmen, wie das Diamant 365 (Testbericht) bestätigen die Regel. Beim Lemmo One (Testbericht) lässt sich sogar die gesamte Elektronik samt Akku ausbauen, sodass man das E-Bike in ein herkömmliches Rad verwandeln kann.
Apropos Akku: Die gewichtsoptimierten Pedelecs bieten meist nur eine begrenzte Reichweite. Doch es gibt auch Ausnahmen: Mit dem Canvas Neo 1 bietet Cannondale ein urbanes E-Bike mit einem 625 Wh starken Akku und dem Bosch Performance Line CX als Antrieb. Das komplett schwarz lackierte E-Bike mit auffällig großen und breiten 29-Zoll-Rädern und den fast flachen Schutzblechen könnte auch als Requisite in einem Batman-Film dienen. Wie gut sich das noch immer relativ leichte Pedelec in der realen Welt schlägt, zeigt der Testbericht.
Im Unterschied zu vielen E-Bikes aus China kommt das Cannondale Canvas Neo 1 nahezu komplett montiert zum Kunden. Wir haben das Pedelec von Gebrauchtradhändler Upway in der Variante Remixte mit einem Rahmen in M erhalten. Upway verkauft gebrauchte Markenräder bis zu 53 Prozent unter dem ehemaligen Verkaufspreis.
Während der Zusammenbau von günstigen China-Bikes gerne mal bis zu einer Stunde dauert, muss man beim Cannondale nicht viel schrauben: Pedale montieren, Gabel und Lenker in Position bringen und festziehen – das war es. Das dafür nötige Werkzeug liegt bei und selbst die großen 29-Zoll-Reifen sind schon aufgepumpt, sodass eine erste Probefahrt beginnen kann.
Bevor man das Rad mit wenigen Handgriffen einsatztauglich macht, dauert es allerdings einige Minuten, bis wir die zum Schutz vor Transportschäden angebrachten und von Kabelbindern und Klebestreifen gehaltenen Schaumstoffpolsterungen entfernt haben. Bis auf einen kleine Lackabsplitterung neben dem Akkuschloss haben wir keine Beschädigungen an dem Gebraucht-Rad erkannt. Kein Wunder, schließlich wurden mit dem Rad nur 35 km zurückgelegt.
Die Verarbeitung hinterlässt einen hochwertigen Eindruck. Sämtliche Schweißnähte sind geschliffen, sodass man sie auch dank der schwarzen Lackierung kaum erkennt. Die zur Gangschaltung verlaufende Streben des Rahmens sind mit reflektierenden weißen Streifen beklebt. Auch an der Gabel sind solche links und rechts angebracht.
Das Rad wiegt 19,7 kg, zuzüglich des 3,8 kg schweren Akkus ergibt sich ein Gesamtgewicht von 23,5 kg. Der stabile Rahmen aus Aluminium bietet ein zulässiges Gesamtgewicht von 150 kg. Schutzbleche und Pedale bestehen aus Plastik. Beim Fahren wackelt oder klappert nichts.
Gegenüber einem günstigen E-Bike aus China ist das Kabelmanagement beim Cannondale vorbildlich. Die vorderen Kabel und Bremszüge der hydraulischen Bremse verschwinden in der Gabel und im Rahmen. Die Verkabelung für das Rücklicht verläuft unsichtbar in der Innenseite des hinteren Schutzblechs.
Der Lenker wirkt angenehm aufgeräumt. Das liegt auch daran, dass das Cannondale Canvas Neo 1 nur das kompakte Bosch-Display Purion auf der linken Lenkerseite verbaut hat. Eine Koppelung mit einem Smartphone ist über die Cannondale-App möglich, aber nicht wirklich nötig. Schließlich zeigt das Display relevante Fahrdaten wie Geschwindigkeit, zurückgelegte Strecke und Akkustatus. Für die Nutzung der App muss man sich außerdem registrieren.
Eingeschaltet wird das Rad über das Purion-Display mit dem Schalter an der Oberseite. Ein langes Drücken der Einschalttaste aktiviert das Rad. Der Bildschirm zeigt die bislang zurückgelegte Strecke, die aktuelle Geschwindigkeit sowie den Akkustatus und gewählte Unterstützungsstufe des Motors an. Mit der Plus- und Minus-Taste kann man letztere anpassen. Nach dem Einschalten des Rads leuchten Vorder- und Rücklicht. Mit einem langen Drücken der Plus-Taste kann man das Licht ein- und ausschalten.
Die vordere Beleuchtung ist in Form eines kompakten, aber sehr hellen Mini 2-Scheinwerfer von Supernova mittig am Lenker montiert. Von Shimano stammen die Bremshebel der hydraulischen Scheibenbremsen vom Typ MT200, mit denen man die 10-Gang-Kettenschaltung aus der Deore-Serie von Shimano bedient. Auf der rechten Seite sitzt links neben dem Bedienhebel der Gangschaltung die Klingel. Die Handgriffe fühlen sich gut an und bieten genügend Grip, aber an den seitlichen Enden keine breitere Auflagefläche für die Handballen.
Der Winkel und die Höhe des Vorbaus lassen sich über ein Gelenk anpassen. Zusammen mit dem ausreichend höhenverstellbaren Sattel bietet das Cannondale Canvas Neo 1 eine ergonomische Sitzposition – eher entspannt als sportlich. Allerdings ist das Rad in der gelieferten Rahmengröße M nicht für Personen über 182 cm geeignet. Unser 186 cm und 90 kg schwerer Testfahrer empfand die maximale Höhe des Sitzes als zu niedrig. Grundsätzlich hat er sich aber auf dem Rad wohl und sicher gefühlt.
Als Mindestgröße für unser Modell gibt das Datenblatt 170 cm an. Die Remixte-Variante bietet ein nach unten verlaufendes Querrohr und damit einen relativ niedrigen Tiefeinstieg, was vorwiegend Personen mit körperlicher Beeinträchtigungen zu schätzen wissen dürften, die Schwierigkeiten haben, ihr Bein zum Aufsteigen über das Rad zu schwingen.
Aufgrund der starren Gabel spürt man Unebenheiten auf der Fahrbahn deutlicher als bei Rädern mit einem gefederten Vorderrad. Anderseits vermittelt das Cannondale Canvas Neo 1 mit seinen 29 Zoll großen und 2,25 Zoll breiten Reifen vom Typ Maxxis DTR-1 einen direkten Straßenkontakt und lässt sich in jeder Situation sicher und vor allem gemütlich fahren. Für eine bessere Federung kann man den Reifendruck etwas unter die maximal möglichen 65 psi einstellen.
Trotz des langen Radstands mit einer guten Spurtreue ist es überraschenderweise recht flexibel. Insgesamt bietet es im Zusammenspiel mit dem recht schmalen Ergo-Urban-Sattel von Cannondale noch einen guten Fahrkomfort. So ist es etwa kein Problem, mit dem Pedelec auch mal abseits der Straße durch den Park auf Schotterwegen zu fahren.
Die hydraulischen Scheibenbremsen vorn und hinten vom Typ Shimano MT400 mit 180 -mm-Bremsscheiben RT30 lassen sich gut dosieren und greifen perfekt. Die kantigen Schutzbleche sehen nicht nur brauchbar aus, sie sind es auch. Bei der Fahrt durch Pfützen erfüllen sie ihre Pflicht und halten den Fahrer trocken.
Das Highlight des Fahrrads ist der Motor: Des verbaute Bosch Performance Line CX 250W bietet ein Drehmoment von 85 Nm und ist eigentlich für sportliche E-Mountainbikes (Bestenliste) vorgesehen. Dementsprechend ist der Vortrieb auch bei steilen Anstiegen sehr kräftig. Allerdings hört man den Motor auch sehr gut bei seiner Arbeit – so leise wie das Modell im Diamant 365 (Testbericht) geht er nicht zu Werke.
Positiv ist die gute Abstimmung zwischen Drehmomentsensor und Motorsteuerung. Während man bei anderen E-Bikes mit Hinterrad-Nabenmotor oft mehrmals treten muss, damit der Motor seine Kraft entfaltet, greift die Motorunterstützung beim Cannondale sofort. Auch während der Fahrt bleibt die Motorunterstützung konstant und setzt sofort ein, wenn die Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h unterschritten wird. Ein ähnlich gutes Fahrverhalten haben wir auch beim Accolmile E-Road (Testbericht), beim Fafrees F26 Pro (Testbericht) und beim Himiway Escape Pro (Testbericht), sowie Pedelecs mit Mittelmotor wie dem Magmove CEH55M beobachtet. Insgesamt ist das Zusammenspiel aus Drehmomentsensor und kraftvoller Leistungsentfaltung des Bosch Performance Line CX 250W das beste, was wir in E-Bikes bislang gesehen haben. Das Fahren mit dem Cannondale Canvas Neo 1 macht daher richtig Spaß.
Der Akku sitzt schick integriert im Rahmen und kann zum Laden entnommen werden. Das Handling ist allerdings nicht gut gelungen. Wer ihn zum Laden ausbauen will, benötigt viel Geschick. Nachdem man das Schloss mit dem Schlüssel öffnet, kippt der Akku nach unten, wird aber noch von einer Plastikklammer am Herausfallen gehindert. So weit, so gut. Um den Akku aber herausnehmen zu können, muss man unten am Akku im engen Zwischenraum zum Rahmen den Verschluss ertasten und drücken, sodass man den Akku entnehmen kann. Zudem ist das Einsetzen des Akkus, ohne den Schlüssel zu betätigen, nicht möglich. Wie es einfacher geht, zeigt Himiway beim Escape Pro (Testbericht). Dessen Akku fällt nach dem Aufschließen ebenfalls nach unten, doch das Herausnehmen gelingt dank eines von außen angebrachtem Drehknopfs weniger nervtötend. Zudem gelingt das Einsetzen des Akkus auch ohne Schlüssel.
Anwender, die über eine eigene Garage mit Stromanschluss verfügen, können diesen Mangel gut umgehen, da der Akku auch im eingebauten Zustand geladen werden kann. Ein entsprechendes Netzteil liegt bei. Bis der 625 Wh starke Bosch-Akku wieder aufgeladen ist, vergehen knapp 6 Stunden. Laut Hersteller soll der Akku für eine Reichweite von bis zu 170 km reichen. Diese Angaben sind aber ähnlich praxistauglich wie die Reichweitenangaben von PKWs. So ist unter anderem der Fahrer leicht, die Höchstgeschwindigkeit gering, das Wetter warm, die Strecke eben, glatt und unterbrechungsfrei. In der Praxis ist unser 90 kg schwere Testfahrer bei meist flachem Gelände etwa 80 km weit gekommen.
Das Cannondale Canvas Neo 1 verkauft Upway gebraucht ab 2749 Euro. Unser Modell Remixte, das uns mit 35 km auf dem Tacho erreichte, bietet einen relativ tiefen Einstieg und kostet 3349 Euro. Das Rad hat Cannondale nicht mehr im Programm. Als es noch erhältlich war, hat es 4799 Euro gekostet. Wer an unserem Testmodell interessiert ist, muss sich ein paar Tage gedulden, bis der Rückversand erfolgt ist. Dann sollte es wieder im Angebot von Upway auftauchen.
Das Cannondale Canvas Neo 1 vermarktet der Hersteller als Urban E-Bike. Aufgrund der starren Gabel fühlt sich das Pedelec auch auf ebenen Straßen am wohlsten. Dank der großen und breiten Räder kann man es aber auch auf für kurze Trips im Park verwenden. Noch mehr Komfort bietet es, wenn man den zulässigen Reifendruck von 65 psi etwas reduziert. Der Akku ist mit 625 Wh üppig ausgestattet und bietet eine gute Reichweite.
Das Fahren mit dem Cannondale Canvas Neo 1 hat uns jeder Situation und Fahrbahnunterlage Spaß gemacht. Neben der angenehmen Sitzposition ist dafür in erster Linie der sehr leistungsstarke und agile Bosch-Motor verantwortlich, der uns zu keiner Zeit, auch bei steilen Anstiegen, im Stich gelassen hat. Batman hätte sicher seine Freude an dem Rad.
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