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Google Glass im Test: fett geil, aber fast nutzlos

Google Glass im Test: fett geil, aber fast nutzlos

Endlich habe ich sie länger als für fünf Minuten in die Finger bekommen: Googles Datenbrille Glass . Unsere Kollegen von c't haben eine in den USA organisiert und sie in Labor und Alltag auf Herz und Nieren überprüft – und jetzt darf ich.

Was kann Glass?

Wer immer Glass aufsetzt, ist zunächst beeindruckt. Okay, ich war erst etwas enttäuscht, weil das Bild nur klein oben in der Ecke zu sehen ist, und sich nicht über das komplette Sichtfeld zieht. Aber dennoch, ein Bild direkt vorm Auge ist abgefahren.

Fast jeder Tester schießt zunächst ein Foto, nimmt dann ein Video auf. Die mutigen unter den temporären Glass-Trägern versuchen dann noch, die Navigation zu starten. Viele scheitern: Der englischen Spracherkennung eine deutsche Adresse verständlich zu machen, ist eine kaum zu nehmende Hürde. Schneckenweg? Hubertusstraße? Pariser Platz? Vergiss' es. Nur POIs funktionieren recht zuverlässig, etwa "Munich Central Station".

Danach kommt eigentlich immer die Frage, was man denn "noch damit machen kann". Die Antwort ist, ehrlich gesagt, recht trist. Nicht viel. Man kann durch ein paar Nachrichtenquellen blättern, sich die Wettervorhersage reinziehen und ein paar Videos betrachten, sofern die wenigen Nachrichtenseiten, die schon jetzt Glass-Apps anbieten, gerade welche verfügbar haben. Noch dazu klappt Lesen überschaubar gut, viele unserer Tester kneifen die Augen zusammen, um den Text klar erkennen zu können. Bei vielen strengt die Google-Brille vor allem am Anfang die Augen an.

Glass im Alltag

Der Blick durch Glass mit weißen Gläsern. Das XE steht für Explorer Edition – diese Prototypen wurden von Google an Teilnehmer der Entwicklerkonferenz I/O abgegeben.

Im Alltag ist es mir schon fast unangenehm, mit der Datenbrille auf dem Kopf gesehen zu werden: Sie fällt einfach auf. Ich kann in den Gesichtern meiner Mitmenschen lesen, was sie von mir halten. Und das ist in den meisten Fällen nichts Gutes.

Fakt ist: Glass ist ein Magnet. Er ist so gepolt, dass alle Geeks mit einer irren Kraft angezogen werden, alle anderen Menschen dagegen werden abgestoßen. Mit der gleichen Kraft. Denn obwohl die Masse der Deutschen die Datenbrille noch nicht live gesehen hat, haben fast alle schon etwas davon gehört. Und zwar: Spionage, geheimes Aufzeichnen, Fotos und Videos.

Im Restaurant springen Kellner vor die abgeschaltete Brille und winken, fest davon überzeugt, aufgenommen und im gesamten Internet verbreitet zu werden: Stop, hier wird nicht gefilmt. Selbst wenn Glass nur zum Laden auf dem Schreibtisch liegt, machen meine Mitmenschen einen großen Bogen um das Gerät: Wer weiß, wer weiß. Auf die Frage hin, warum Glass so abstoßend wirkt, aber das gleichzeitig in meiner Hand gehaltene Smarpthone mit auf die Person gerichtete Kameralinse ignoriert wird, bekomme ich immer ähnliche Antworten: An das eine hat man sich gewöhnt, das andere ist halt neu. Und von Google, und die sammeln ja eh alle Daten. Und jetzt eben auch Fotos und Videos aus dem Alltag.

Design

Klobig und nicht gerade unauffällig. Beim Tragen merkt man von Glass wenig, die Brille sitzt angenehm. Aber spätestens die Blicke der Mitmenschen verraten: Du hast da was auf dem Kopf.

Auf der Straße wird man sofort als irgendetwas zwischen Geek und Nerd eingeordnet, wenn man mit Glass auf dem Kopf herumläuft, denn sie sieht primär mal außergewöhnlich aus. Im Gegensatz zu einer normalen Brille ist das Google-Produkt nicht symmetrisch. Die gesamte Technik hat ihren Platz in der rechten Hälfte gefunden, die entsprechend mächtig aussieht – während die linke Seite der Brille eigentlich nur ein dünner Bügel ist, der auf dem Ohr aufliegt und der Schwerkraft so ein Schnippchen schlägt: Ansonsten würde Glass einfach nicht halten.

Unsere Version ist weiß und hat einen silberfarbenen Rahmen, es gibt aber auch eine blaue, rote und graue Ausführung. Der Rahmen ist in allen Fällen silbern gehalten.

In die Nasenklemme lässt sich eine der beiden mitgelieferten Gläser mit einer Vierteldrehung einspannen. Zur Auswahl steht eine komplett durchsichtige und eine abgedunkelte Scheibe. Letztere macht aus Glass eine recht ordentliche Sonnenbrille. Damit sieht der Träger nicht mehr ganz so auffällig aus – zumindest, solange er sich bei Sonnenschein im Freien bewegt. Einige Kollegen schwören auch auf die durchsichtige Scheibe, da sie der gesamten Konstruktion zusätzliche Stabilität verleiht. Geschmackssache. Ich mag es nicht.

Ok, Glass

Die Bedienung erfolgt, wie aus dem berühmten Glass-Video bekannt, primär per Sprachsteuerung. Allerdings will die Brille zunächst aufgeweckt werden, bevor sie auf Sprachbefehle reagiert. Der Vorteil: Vorbeigehende Passanten können durch Sprechen von Befehlen keinen Einfluss nehmen.

Ich muss meinen Kopf für etwa eine Sekunde nach hinten neigen, dann wacht das Prisma vor meinem Auge auf, zeigt die Uhrzeit und darunter den Schriftzug "OK Glass". Aktiviert wird das Gadget durch Sprechen der beiden Worte. Es gongt im Ohr, gleichzeitig erscheint das Hauptmenü: Google, Foto, Video, Navigation, Telefon, Nachrichten versenden, Videotelefonie. Das war's. Per Sprachbefehl schieße ich Bilder ("Take a picture") oder Videos ("Record a Video") oder suche im Internet. Wer eine konkrete Frage stellt, bekommt oft sogar eine konkrete Antwort: Auf "Google: How tall is the Eiffel Tower" wird mir ein paar Sekunden später ein Foto des Pariser Turms eingeblendet. Per Sprachansage und Text neben dem Bild gibt's die Antwort. Sehr schön.

Mehr Optionen gibt es über das Touch-Interface hinter dem Prisma. Die rechte Seite des Geräts ist komplett berührungsempfindlich und reagiert auf Tipp- und Wischbewegungen. Nach-unten-Wischen bedeutet einen Schritt zurück, mit Wischbewegungen nach vorne oder hinten blättere ich durch die Optionen und Menüs. Wer aus dem Hauptmenü heraus nach hinten über die Brille wischt, sieht den aktuelle Wetterbericht für den aktuellen Aufenthaltsort (zu kalt) und den Akkustand (zu leer). In die andere Richtung geht es durch die Glass-Historie – letzte Suchanfragen, Fotos und Videos; außerdem werden hier Nachrichten eingeblendet, wenn man entsprechende Dienste in den Glass-Einstellungen auf einer Webseite aktiviert hat – dafür braucht man übrigens Computer, Tablet oder Mobiltelefon. So detaillierte Einstellungen lassen sich auf der Brille selbst nicht setzen.

Theoretisch kann man auch im Internet surfen. Normale Webseiten lassen sich mit der aktuellen Software-Version abrufen, aber das macht wenig Spaß. Dafür nehme ich lieber das Smartphone aus meiner Hosentasche, das ohnehin via Bluetooth verbunden ist und unterwegs die Internet-Verbindung stellt.

Hardware

Das Prisma im Detail. Bei uns blättert schon der Silberlack ab – das ist aber ein Serienproblem. Gut, dass es sich dabei noch um einen Prototypen und nicht um ein Massenprodukt handelt.

Herzstück von Glass ist sicherlich der Monitor – beziehungsweise das Prisma, das vorm Auge hängt. Ein kleiner Projektor blendet dort ein 640 × 360 Pixel auflösendes Bild ein. Es wirkt so, als würde man aus zweieinhalb Metern Entfernung auf einen 24-Zoll-Monitor blicken. Das funktioniert gut und wirkt extrem futuristisch. Wer die rosarote Brille beiseite legt, sieht aber die kleinen Probleme, die die neue Technik mit sich bringt: Es gibt keine Schärfeneinstellung, was schon bei minimaler Sehschwäche dazu führt, dass sich die Augen gehörig anstrengen müssen, um alles erkennen zu können. Noch dazu ist der Glaskörper zwar durchsichtig, befindet sich aber permanent am Rand des Sichtfelds – und das stört den Blick nach vorne minimal. Nervig wird es, wenn sich Licht vom Computermonitor oder von blinkenden Ampeln im Prisma spiegeln. Dann blinken und flackern nämlich Reflexionen am Rande des Sichtfelds und lenken ab. Reflexartig blicken die Augen immer wieder oben in die Ecke.

Mehr auf dem Papier als in der Praxis interessant ist der Schallwandler, der die akustische Ausgabe der Google-Brille direkt auf den Schädelknochen überträgt. Für das eigene Innenohr ist das gut hörbar, für das Umfeld eher nicht. Tatsächlich kitzelt es aber bei der Wiedergabe von Videos oder lauter Musik hinterm Ohr. Das ist gewöhnungsbedürftig. Außerdem gibt es nur Mono-Sound, und die akustische Qualität ist mäßig. Das macht nichts, wenn man Glass als Freisprecheinrichtung einsetzt oder sich Nachrichten vorlesen lässt, während man auf dem Fahrrad sitzt – wer aber unterwegs mal ein längeres Video sehen will oder gar Musik hören möchte, greift dafür dann doch besser auf Smartphone-Display und anständige Kopfhörer zurück. Außerdem hören die Mitmenschen in der direkten Umgebung dennoch, was los ist. Pornos in der U-Bahn? Geht auch mit Glass nicht.

Im Inneren des Plastik-Gehäuses werkelt ein 1,2 GHz schneller Dual-Core-Prozessor von Texas Instruments. Er scheint ausreichend flott zu sein. Zumindest ruckelt nichts, aber natürlich ist die Bedienung per Sprache und Wischbewegung für kleine Verzögerungen auch dankbarer als ein Touchscreen, bei dem man prompte Reaktion erwartet. Dazu gibt es 16 GByte Speicher, von denen 12 GByte für den Nutzer zur Verfügung stehen.

Die Kommunikation mit der Außenwelt erfolgt über Bluetooth und WLAN; einen SIM-Kartenslot gibt es nicht. Unterwegs wird Glass also mit dem Handy gepaart, über das es sich mit dem Internet verbindet. Auf dem (Android-) Smartphone ist dafür die Installation einer speziellen Glass-App nötig. Nur WLAN reicht für die meisten Funktionen nicht – beispielsweise mangelt es der Brille an GPS.

Navigation: Killer-Feature

Im Alltag ist es tatsächlich die Navigation, die überzeugt (vorausgesetzt, man bekommt sein Ziel eingestellt). Die oben in der Ecke des Sichtfeldes eingeblendete Karte ist genial, wenn man zu Fuß in der Stadt unterwegs ist. Man kann sich wahlweise die sogenannte Birdview-Ansicht von schräg oben auf der virtuellen Karte anzeigen lassen oder erhält klare Abbiegehinweise.

Vom Büro zum Bahnhof: Erst zu Fuß, dann mit dem Bus und zwei U-Bahnen. Die Berechnung der Route erfolgt flott und zuverlässig, sofern man sein Ziel verständlich machen kann.

Zwar funktioniert die Navigation prinzipiell auch im Auto, aber mit Glass fühle ich mich am Steuer etwas unwohl. Zugegebenermaßen lenkt die Brille ab. Wenn sie nicht aktiv ist, bricht das Prisma das Licht und zeigt Spiegelungen der Umgebung – zwar nicht im direkten Sichtfeld, aber ich blicke immer wieder mal nach rechts oben statt auf die Straße. Da wäre mir ein anständiges Head-Up-Display im Auto deutlich lieber, das die Informationen an der richtigen Stelle in die Windschutzscheibe einspiegelt. Gibt es auch bei einigen Autoherstellern, ist aber sündhaft teuer.

Routen werden auf Wunsch fürs Auto, als Fuß- oder Radweg oder mit dem Nahverkehr berechnet. Für den ÖPNV stehen in Deutschland bislang zwar nur die Daten einer Handvoll Städte zur Verfügung, aber solange ich mein Ziel nicht richtig eingeben kann, ist das das kleinere Problem.

Akku: Katastrophe

Glass wird heiß am Ohr. Nicht so, dass man sich die Haut verbrennen würde, aber durchaus merklich. Daran merkt man schon: Es wird einiges an Energie verbraten. Vielleicht spielt da auch die Beleuchtung des Prismas eine Rolle, sicherlich aber der Prozessor.

Das passt irgendwie nicht zum winzigen Akku. Na klar, ich will auch nicht mit einer sechs Kilo schweren Autobatterie am Kopf herumlaufen. Aber die 570 mAh entsprechen etwa einem Drittel eines aktuellen Smartphones – dementsprechend mau ist die Laufzeit. Wer Glass kaum benutzt, kommt ein paar Stunden aus. Wer intensiv mit der Brille spielt, Videos betrachtet, Nachrichten liest oder die Navigation nutzt, schafft nicht einmal eine Stunde.

Ein leerer Akku wirkt sich schnell aus. Die Prisma-Beleuchtung schaltet sich schneller ab, als ich brauche, um den kompletten Inhalt zu erfassen. Etwas später kommt noch ein Warnhinweis dazu, dann geht gar nichts mehr. Zwar ist der Akku auch relativ schnell wieder gefüllt, aber schön ist das nicht. Immerhin ließe sich auch im Betrieb ein Micro-USB-Kabel anschließen – aber das sorgt nicht gerade dafür, dass der nicht-nerdige Teil unserer Gesellschaft mehr Verständnis für dieses Gadget aufbringt.

Apps und sonst so

Die Auswahl der Apps beziehungsweise Dienste erfolgt auf dieser Webseite.

Bereits mit der aktuellen Firmware gibt es eine Art App-Store: Auf einer Webseite (die man nicht mit Glass aufrufen kann) lassen sich verschiedene Dienste aktivieren, darunter Facebook, Evernote, Gmail, Twitter, New York Times oder CNN Breaking News.

Wer etwa die beiden Nachrichtenportale einschaltet, kann mittels Wischbewegungen durch den News-Überblick blättern und bekommt speziell aufbereitete Mini-Versionen der Artikel zu sehen, kann sie sich vorlesen lassen oder Videobeiträge betrachten.

Aber die Auswahl ist noch klein. 17 verschiedene Angebote stehen derzeit zur Auswahl. Eventuell schon mit der nächsten Version der Glass-Firmware könnte aber die Unterstützung für native Apps kommen – und dann wird sich quasi alles ändern. Wer weiß, was sich findige App-Programmierer aus den Fingern saugen. Denkt einfach daran, wie wenig Handys und Smartphones konnten, als es noch keinen App-Store gab. Inzwischen sind die Dinger Navigationssystem, Spielekonsole, Videoplayer, Krawattenknotenhelfer, Flugzeugradar, Visitenkartenscanner und Auto-Diagnosesystem in einem.

Fazit

Stand heute ist Glass ein faszinierendes Gadget für echte Fans von Technologie. Die Tatsache, dass man das Gerät nicht einfach so kaufen kann, sorgt zusätzlich für eine gewisse Exklusivität, die man zelebrieren könnte – mir persönlich ist das aber eher unangenehem. Mit Glass durch den Supermarkt laufen? Kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Außerdem nützt es nichts, denn es mangelt an passenden Anwendungen.

Doch das Potential ist enorm. Wenn die Brille in ein, zwei Jahren wirklich das kann, was das Werbevideo von Google verspricht, wäre das der Hammer. Und ich halte es nicht für unrealistisch.

Als echter Technik-Fan würde ich mir Glass aber auch heute schon kaufen. Vielleicht nicht gerade für 1500 Dollar, doch im nächsten Jahr soll die schlaue Brille ja wohl zumindest in den USA auf den Markt kommen. Und könnte deutlich günstiger sein: Preise ab 150 bis 200 Dollar machen die Runde. Ganz so billig wird es meiner Meinung nach eher nicht sein, doch ein paar Hunderter würde ich auch schon für den aktuellen Funktionsumfang springen lassen. Weil der Blick durch das Prisma futuristisch ist, weil die Navigation genial funktioniert und weil ich dann die Entwicklung einer Technologie, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändern könnte, aus der ersten Reihe betrachten kann.

Bleibt noch die politische Diskussion. Wollen wir Technik so nah mit unserem Alltag verschmelzen? Kommt danach das Google-Implantat? Aber das ist ein anderes Thema .