Daniel hat 2001 als Volontär bei der Zeitschrift PC Direkt angefangen. Nach seiner Ausbildung testete er vor allem PC- und IT-Produkte wie WLAN, DVD-Brenner und neue Technologien wie Web Pads, die Vorgänger der Tablets. Darauf folgte noch ein Ausflug in die Redaktion der Multimedia-Zeitschrift AVDC, bevor er in den Online-Journalismus wechselte.
Los ging's im Newsroom von VNUnet, kurze Zeit später verantwortete er die deutsche Ausführung des Gadget-Blogs Gizmodo. Dann baute er den deutschen Ableger von CNET auf, bevor er 2013 zur Gründung von TechStage zu heise medien wechselte. Im Laufe der Zeit entwickelte er TechStage zur Kaufberatungs-Webseite weiter, die 2024 in heise bestenlisten aufgegangen ist.
Huawei hat vor zwei Wochen das Ascend P6 vorgestellt – und damit das zu der Zeit flachste Smartphone der Welt. Dass dieser Titel schon wieder futsch ist, verloren an irgendeinen in Deutschland unbekannten Hersteller, tut wenig zur Sache. Denn das macht das P6 nicht dicker.
Vor einiger Zeit schrieb ich: Würde ich bei einem Navi-Hersteller arbeiten, wäre es an der Zeit, einen neuen Job zu suchen. Heute möchte ich fast die gleiche Aussage wiederholen, wenn ich bei einem Konkurrenten der Chinesen arbeiten würde. Denn das uns jetzt vorliegende Ascend P6 von Huawei ist so gelungen, dass es dem einen oder anderen Mitbewerber schlaflose Nächte bereiten wird.
Die Chinesen kommen. Ja, der Spruch ist alt. Aber heute so wahr wie nie, denn die früheren Huaweis konnten vor allem aufgrund ihres Preis-Leistungsverhältnisses überzeugen. Sie waren ordentlich verarbeitet, ordentlich ausgestattet, ordentlich designt – und ordentlich günstig. Und das P6? Das kann man jemandem mit verbundenen Augen in die Hand drücken und wird auf die Frage, welcher Hersteller dieses Smartphone wohl gebaut hat, auf keinen Fall "Huawei" hören. Sondern HTC oder Apple, beispielsweise, also Unternehmen, die wirklich gute und hochwertige Geräte bauen.
Beim P6 könnte man sagen: Huawei hat sich vom iPhone inspirieren lassen. Böse Zungen werden daraus einen "Nachbau" machen. Einige Punkte wie der silberne Metallrahmen mit den schwarzen Antennen-Isolatoren erinnern zugegebenermaßen an das iPhone 4/4S, in der Metallrückseite wollen andere ein iPhone 5 erkennen. Aber ganz so einfach ist das nicht: Obwohl sich einige Elemente durchaus ähneln, unterscheidet sich die Formensprache insgesamt von dem, was Apple da macht.
In letzter Instanz reicht sicherlich die Rundung der Unterseite, um aus dem P6 ein eigenständiges Produkt zu machen. Wobei genau sie es auch ist, die "chinesisch" aussieht – sagt TechStage-Redakteur Stefan. Und damit meint er nichts Gutes. Ich finde sie hingegen okay.
Aber es ist letztlich egal, in wie weit man hier eine iPhone-Kopie erkennt oder auch nicht. Fakt ist: Huawei hat es nicht darauf angelegt, eine Kopie anzufertigen. Das P6 ist kein plumper iPhone-Nachbau – und darauf kommt es schließlich an. Es ist nicht peinlich, das Huawei inmitten von stolzen iPhone-Besitzern aus der Tasche zu ziehen. Und deswegen ist der Titel "könnte auch von Apple kommen" nicht böse, sondern gut gemeint.
Metall und Glas prägen das Ascend P6 – und zwar fast rundum. Über die Front zieht sich eine Scheibe aus Gorilla-Glas fast bis zum Rand, eingefasst von einem dünnen Kunststoffrahmen. Mechanische Tasten oder einen festen Bereich für Soft-Touch-Tasten wie etwa beim HTC One gibt es nicht. Die nötigen Schaltflächen werden wie beim Galaxy Nexus bei Bedarf von Android eingeblendet.
Der Rahmen besteht aus gebürstetem Metall, unterbrochen von zwei Stegen aus schwarzem Kunststoff, die als Isolator für die Antennenflächen dienen. Hallo, iPhone. Eine direkte Verwechslungsgefahr ist dennoch nicht gegeben: Das P6 ist mit 6,2 Millimetern deutlich flacher als das iPhone 4S (9,3 Millimeter) – und sogar dünner als das aktuelle iPhone 5 (7,6 Millimeter).
Die 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse hat ihre Position ganz unten links gefunden. Dass der Kopfhörerstecker seitlich statt von oben oder unten ins Gerät passt, ist etwas ungewöhnlich und neigt in engen Hosentaschen zum Verhaken, ist aber in der Praxis vor allem eins: blöd. Zwar gleicht das mitgelieferte Headset dieses Manko mit einem Winkelstecker aus, aber wer andere Kopfhörer einsetzen möchte, hat ein Problem.
Gut gemeint ist der Stöpsel aus Metall, der die Klinkenbuchse verdeckt, solange sie nicht benutzt wird. Noch dazu befindet sich ein Pin auf seiner Rückseite, der die gegenüber angebrachten Schubladen für Micro-SIM- und microSD-Speicherkarte öffnet. Tolle Idee! Blöd nur, dass das Gegenteil von gut gemacht eben gut gemeint ist. Denn im Praxis-Einsatz wird dieser Pin mangels Aufbewahrungsmöglichkeit, wenn Kopfhörer oder Headset benutzt werden, innerhalb kürzester Zeit ersatzlos verschwunden sein.
Insgesamt gefällt uns das P6 wahnsinnig gut. Wir hatten vor kurzem eine Leser-Anfrage auf Facebook, ob man das P6 bedenkenlos kaufen kann – oder ob es ein Aldi-Gefühl hinterlässt. Rein von der Verarbeitung her können wir jetzt sagen: Mit Aldi hat das nichts zu tun. Als echter Fan von Metall lässt das P6 für mich persönlich in diesem Punkt sogar das deutlich teurere Galaxy S4 um Längen hinter sich.
Emotion UI nennt Huawei das hauseigene User-Interface. Emotionen kommen bei echten Android-Fans vor allem auf, wenn sie den App-Drawer öffnen möchten: pure Wut. Denn er fehlt. Alle Anwendungen liegen direkt oder in Ordnern auf einem der Homescreens – quasi wie beim iPhone. Das mag auf Anhieb etwas verwirrend sein. Und ist es in der Praxis gleich fünfmal. Hey, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie lange ich Google Play mangels alphabetisch sortierter App-Liste gesucht habe – denn nein, der App Store befindet sich nicht in dem Ordner "Google-Anwendungen", sondern fast schon zu auffällig auf einer anderen Homescreen-Seite unten rechts. Aber daran gewöhnt man sich. Wenn ich öfters so lange brauche, um immer die gleiche App zu finden, liegt es wohl an mir. Oder ich verschiebe sie einfach dahin, wo ich sie vermute. Man muss sich eben nur selbst etwas zur Ordnung zwingen oder damit leben, dass sich die Apps über viele Homescreens verteilen.
Unabhängig von dieser offensichtlichen Änderung im Vergleich zu dem, wie wir Android kennen, orientiert sich Emotion UI an Vanilla Android. Wer schon mal ein Smartphone mit dem Google-Betriebssystem hatte, kommt ohne große Umstellung mit dem P6 zurecht.
Zusätzlich haben die Chinesen noch eine Handvoll weiterer Apps vorinstalliert, die das mobile Leben in vielerlei Hinsicht einfacher machen sollen. Darunter findet sich die "Datensicherung", eine Backup-App, die Einstellungen, Dokumente und Bilder entweder auf die Speicherkarte oder in die Cloud schreibt. Derzeit können wir den Dienst aber noch nicht testen: Registrierungen sind an die SIM-Karte gebunden und werden in Deutschland noch nicht unterstützt. Bis zur offiziellen Markteinführung soll das aber klappen. Ebenfalls dabei ist Bitcasa, eine Alternative zur DropBox, die P6-Käufern 20 GByte Cloud-Speicher zur Verfügung stellt.
Außerdem gibt es einige überaus sinnvolle Anwendungen, die wir schon von früheren Modellen her kennen. Die Energieverwaltung beispielsweise hilft, den Stromverbrauch unter Kontrolle zu bekommen. Der Nutzer kann hier auswählen, welche Anwendungen, die beim Einschalten des Geräts automatisch starten möchten, das auch tatsächlich dürfen, oder welche Apps beim Erreichen eines bestimmten Akkustands automatisch beendet werden sollen. Selbstverständlich bei allen Android-Smartphones sollte der Berechtigungsmanager sein: Der Anwender kann hier für jede App einzeln den Zugriff auf WLAN und das Handynetz und auf persönliche Daten wie SMS, Kontakte, Kalender oder Anrufprotokolle festlegen – und sogar verhindern, dass die Kamera unbewusst aktiviert wird. Respekt – und interessant, dass ausgerechnet die ansonsten ja nicht gerade für Datenschutz stehenden Chinesen auf diese Idee kommen.
Dazu gesellen sich die üblichen Verdächtigen: Taschenrechner, Taschenlampe, Google-Apps inklusive Play Store, Maps und Youtube.
Die Kamera des Huawei Ascend P6 macht einen ordentlichen Eindruck. Die Fotos gelingen farbenfroh, die Belichtung ist erfreulich ausgewogen. Feine Details – insbesondere bei entfernteren Objekten – wirken jedoch etwas vermatscht.
Dafür ist die Kamera im Nahbereich um so besser. Die Naheinstellgrenze beträgt laut Huawei vier Zentimeter. Bis auf diese Entfernung kann sich der Fotograf dem Motiv also nähern und erhält gleichzeitig noch scharfe Fotos. Formatfüllende Aufnahmen von Insekten darf man zwar nicht erwarten. Aber dennoch erlaubt das Ascend P6 erfreulich detaillierte Makrofotos.
Bei schlechten Lichtverhältnissen werden die Farben zunehmend flauer, und das Bildrauschen nimmt zu. Hier scheint sich das Ascend P6 auf dem Niveau seiner unmittelbaren Konkurrenten zu bewegen. Ein endgültiges Urteil zur Bildqualität wird es allerdings erst in unserem ausführlichen Testbericht geben.
Das Ascend P6 ist ein reinrassiges Mittelklasse-Gerät im Oberklasse-Gehäuse. Das 4,7 Zoll große Display hat im Unterschied zu den Top-Modellen ein 720p- statt Full-HD-Display, dazu gibt es eine 8- statt 13-Megapixel-Kamera, Bluetooth 3.0 und verzichtet auf LTE und NFC.
Die letzten beiden Punkte könnten für den einen oder anderen gegen einen Kauf sprechen. Wobei NFC derzeit kaum Praxisnutzen hat. Fehlt also nur LTE. Und bei allen anderen Punkten können wir nach ein paar Tagen im Praxiseinsatz sagen: Scheiß drauf! Nur im direkten Vergleich bemerken Pixelzähler die fehlenden Bildpunkte im Vergleich zur Konkurrenz. Wir reden hier immerhin von einer Pixeldichte von 312 ppi – Apple nennt sein 10,1 Zoll großes iPad schon mit 264 ppi "Retina". Das ist scharf, und wer nicht weiß, dass es noch schärfer geht, bemerkt es nicht.
Der 1,5 GHz schnelle Quad-Core-Prozessor sorgt in fast allen Lebenslagen für schnelle Bewegungen und erfreulich ruckelfreie Animationen. Wer es darauf anlegt, bekommt aber kleines Haken zu sehen – etwa beim bewusst langsamen Wischen durch die Foto-Alben. Vielleicht tut sich daran noch etwas bis zur Markteinführung, und wenn nicht, fänden wir es auch okay. Hey, dieses Ding kostet etwa die Hälfte eines iPhone 5.
Zugegeben: Ein paar Haken hat das P6. Die Position der Kopfhörerbuchse ist so-la-la, die Ähnlichkeit zum iPhone 4(S) mag dem einen oder anderen genauso negativ aufstoßen wie der fehlende App Drawer. Aber insgesamt: Wow. Huawei beweist mit dem Ascend P6, dass die Zeit der billigen Lidl-Phones vorbei ist. Die Hardware hinterlässt einen erstklassigen Qualitätseindruck – das dürfte so manchem Samsung- oder LG-Mitarbeiter schlaflose Nächte bereiten.
Preisvergleichsdienste listen das P6 bereits jetzt ab 399 Euro – also 50 Euro unter der UVP von 449 Euro, die Huawei bei der Vorstellung des P6 genannt hat. Realistisch wird der Preis schnell weiter fallen und sich bei circa 350 Euro einpendeln. Wenn die Chinesen es jetzt noch schaffen, das Ascend P6 zeitnah in die Regale zu bringen, steht einem Erfolg kaum noch etwas im Weg.
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