Anne arbeitet hauptberuflich in einem Berliner Entwicklerstudio als Game Design Director. Zuvor machte sie ihren Game Design Bachelor, bei der sich die Begeisterung für Videospiele, auch in eine Begeisterung für die Spielentwicklung verwandelte. Nebenbei schreibt sie als freie Journalistin gerne…
Die neunte Pokémon-Generation führt uns mit Pokémon Karmesin und Purpur in Paldea’s offene Spielwelt. Wir haben das neueste Abenteuer getestet und dabei jede Menge Pokémon gefangen.
Im Februar wird das Pokémon Franchise bereits 27 Jahre alt, im Laufe der Jahre hat die Serie bereits so einige Videospiel-Trends durchlebt. Edition für Edition feiert Nintendo einen Verkaufsrekord nach dem anderen und kann mit einer breitgefächerten Auswahl an Spielen, Sammelkarten und Merchandise immer wieder überzeugen. Doch auch Unmut machte sich oftmals im Laufe der Jahre breit. Zu wenig Innovation und nicht zeitgemäße Inhalte wurden bemängelt. Solide Titel, jedoch selten etwas wirklich Neues, hieß es regelmäßig. Mit Pokémon-Legenden: Arceus machte Nintendo im vergangenen Jahr erste Schritte zur Modernisierung der Pokémon-Formel: weniger Einschränkungen, mehr Storytelling.
Im vergangenen November präsentierte Nintendo mit Pokémon Karmesin und Purpur die lang ersehnte neunte Generation der Pokémon-Reihe und setzt auch direkt die in Arceus gesammelten Erfahrungen um. Die spanisch angehauchte Paldea-Region lockt mit neuen Pokémon, mehr narrativen Inhalten den je und der ersten wahrhaftig offenen Pokémon-Spielwelt. Das Prinzip eines jeden Pokémon-Spiels bleibt jedoch gleich. Es werden Pokémon gefangen, trainiert und der Pokédex gefüllt, um letztendlich als einer der besten Pokémon-Trainer zu gelten. Doch wer ein meisterhafter Pokétrainer werden möchte, muss erst einmal die Schulbank drücken. Mit dem Feuer-Krokodil Krokel, der Wasser-Ente Kwaks oder der Pflanzen-Katze Felora als Starter-Pokémon an der Seite, machen sich Spieler auf den Weg zu ihrem ersten Tag als Student an der Akademie.
Angekommen an der Akademie wird die Einführung begleitet von Nemila, die ganz nach Pokémons altbewährter Struktur die (äußerst freundliche) Rivalin der neunten Generation darstellt. Hier wird der wahre Kern von Pokémon Karmesin und Purpur offenbart: die Schatzsuche. Das unabhängige Studienprojekt lädt die Studenten der Akademie dazu ein, Paldea nach Belieben zu erkunden und den Paldea-Pokédex mit den insgesamt 400 verschiedenen Pokémon zu füllen. Neben einer unterschiedlichen Auswahl an Pokémon unterscheiden sich die Editionen wie zuvor vor allem durch die legendären Pokémon, um die sich das Spiel dreht. In Pokémon Karmesin durchqueren Spieler die Spielwelt mit dem prähistorisch anmutenden Pokémon Koraidon und treffen auf Professor Antiqua. Besitzer der Purpur-Edition erhalten das futuristische Pokémon Miraidon und lernen Professor Futurus kennen. Nach und nach können Spieler das legendäre Pokémon verwenden, um lange Strecken zu überwinden, über die Region emporzufliegen und die Gewässer zu durchqueren.
Nach dem ersten Tag an der Akademie und der Vorstellung der Schatzsuche gewährt Nintendo den Spielern vollkommene Entscheidungsfreiheit darüber, wo es als Nächstes hingehen soll. Gleich drei verschiedene Story-Handlungen gibt es hierbei zu entdecken. Der Weg des Champs präsentiert die klassische Pokémon-Erfahrung und schickt Spieler los, um alle acht Arena-Orden zu sammeln. Im Anschluss geht es auf zur Top 4, um sich letztendlich gegen den Champion zu beweisen und den Titel abzustauben. Die Straße der Sterne widmet sich der Geschichte einiger studentischer Rebellen, Team Star, die sich nach Mobbing-Angriffen gegen die Akademie verschworen haben. Zu guter Letzt gibt es den Pfad der Legenden, bei denen Spieler dem Mitschüler Pepper dabei helfen, riesige Pokémon-Bosse zu besiegen und auf die Spur der Geheimgewürze zu kommen. Auch die Zone Null, der Schlund Paldea’s und die mysteriösen Pokémon, die dort leben, bieten ein Mysterium, welches es nach dem Abschluss der drei Story-Handlungen zu entdecken gilt.
Jede Story-Handlung bietet neben der Geschichte somit auch einen anderen Gameplay-Fokus, der die Reise durch Paldea im Vergleich zu vorherigen Titeln ordentlich aufpeppt. Wer die Straße der Sterne verfolgt, dem wird außerdem die neuen Autokampf-Funktion vorgestellt, die das Aufleveln von Pokémon und Sammeln von Materialien erleichtert. Auf Knopfdruck schicken Spieler hierbei eines ihrer Pokémon in einen automatisierten Kampf, bei dem weder in den Kampf-Modus gewechselt, noch Attacken ausgewählt werden müssen. Eine willkommene Bereicherung, die ein dynamisches Erlebnis beim Trainieren der Pokémon bietet.
Auch die Akademie sollte in regelmäßigen Abständen immer wieder besucht werden. Wer in den drei Handlungen voranschreitet, schaltet nach und nach neue Akademie-Kurse frei. So leitet Señor Saguaro den Hauswirtschafts-Kurs und bringt Spielern alles über die Picknick-Funktion sowie die Zubereitung und Wirkung von Sandwiches bei. Die Geschichts-Lehrerin Moira hingegen gibt interessante Einblicke in die Geschichte der Zone Null und die aus Pokémon-Legenden: Arceus bekannte Hisui-Region. Auch alteingesessene Fans können durchaus innerhalb der vielen verschiedenen Kurse wie Mathe, Biologie und Kunst etwas Neues aus der Welt der Pokémon lernen und müssen ihr Wissen sogar in Zwischen- und Abschlussprüfungen unter Beweis stellen. Wer sich mit den Lehrkräften besonders gut anfreundet, erhält sogar einige Items als Belohnung.
Die Schatzsuche der Akademie dient Spielern also als Rahmen für all die Aktivitäten, die es in der neuen Region von Paldea zu entdecken gilt. Mit den drei Story-Handlungen und neuen Details wie der Minimap, lehnt sich Nintendo nach Arceus auch mit Karmesin und Purpur immer weiter in Richtung Rollenspiel. Die Rechnung geht auf, denn noch nie hat sich ein Pokémon-Spiel so weitläufig angefühlt. Auch die Charakterisierung der vielen Persönlichkeiten, die wir auf unserer Reise treffen, sorgt für ein persönlicheres Spielerlebnis, als es vorherige Titel boten.
Letztendlich lässt sich Paldea jedoch nicht als völlig offene Spielwelt betrachten, denn jede Region präsentiert verschiedene starke Gegner und Pokémon. Um Pokémon mit einem gewissen Level fangen zu können, wird eine vorgesetzte Anzahl von Arena-Orden vorausgesetzt, während Story-Handlungen und Gegner anderweitig einfach zu stark sind, um bezwungen zu werden. An dieser Stelle hätte dem Spiel ein Level Scaling gutgetan, bei dem Pokémon und Gegner dynamisch mit dem jeweiligen Level der Spieler wachsen. Wer an einer Stelle nicht weiterkommt, muss seinen Blick jedoch lediglich in eine andere Richtung lenken und schon kann das Abenteuer weitergehen.
Wer sich erst einmal dem Training seiner Pokémon und der Vervollständigung des Paldea-Pokédex widmen möchte, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Während der Reise durch die einzelnen Gebiete fallen schnell die glitzernden Kristallsammlungen ins Auge, die sich sowohl auf der Karte, als auch in der Spielwelt bemerkbar machen. Hierbei handelt es sich um die Tera-Raids, die ebenso wie die vorherigen Mega- oder Gigantamax-Phänomene eine regionsbezogene Spielmechanik bieten. Die sogenannte Terakristallisierung ist lediglich in Paldea aufzufinden und verwandelt Pokémon in schicke kristalline Formen, die einem Edelstein ähneln. Die Terakristallisierung eines Pokémon macht jedoch nicht nur visuell etwas her, sondern bringt gleichzeitig mehr Tiefe in das Gameplay, als vorherige regionsbasierte Phänomene. So kann der Tera-Typ eines Pokémon die Kraft des jeweiligen Pokémon-Typen (beispielsweise Feuer) verstärken und sogar Schwächen umwandeln. Wie zuvor können Raids alleine mithilfe von NPCs oder gemeinsam mit Freunden absolviert werden, um reichlich Belohnungen einzusacken und eine potenziell mächtige Kombination aus Pokémon und Tera-Typ zu fangen.
Das eigentliche Highlight in Sachen Multiplayer-Inhalten ist jedoch die Einführung des ersten Koop-Multiplayer, die Freundeskreis-Funktion. Neben den gängigen Multiplayer-Funktionen wie Link-Kämpfe oder Link-Tausch, präsentiert der Freundeskreis die Möglichkeit, lokal oder online mit bis zu drei weiteren Spielern in einer Gruppe zu spielen. Sobald die Truppe in Paldea zusammengetrommelt wurde, können Spieler gemeinsam die Welt erkunden, gegeneinander antreten, Tera-Raids meistern oder anderweitig frei in der Welt umherstreifen. Unterstützt wird die soziale Komponente durch Emotes und einen neuen Fotomodus, mit dem Spieler Landschaftsfotos oder auch Selfies machen können.
Neben dem reichlichen Angebot an Hauptaktivitäten gesellen sich allerlei Nebenaktivitäten zu dem Spielgeschehen in Paldea hinzu. Neu eingeführte Funktionen wie der Koop-Multiplayer oder der Fotomodus zeigen Nintendo’s Willen, das Spielerlebnis der Spielereihe zu modernisieren. Das wird auch Zeit, denn Elemente wie die neu vorgestellte Minimap sowie der Fotomodus gelten schließlich schon seit Jahren als gängige Videospiel-Elemente.
Einen Rückschritt hingegen gab es gewissermaßen in der technischen Umsetzung der zwei Editionen. Bereits Pokémon-Legenden: Arceus hatte an einigen Stellen mit Framerate-Einbrüchen und unschönen Texturen zu kämpfen. Die erstmals völlig offene Spielwelt, die (bis auf Innenräume) ganz ohne Ladebildschirme funktioniert, macht der Nintendo Switch offensichtlich zu schaffen. Abstürze zählten bisher nur äußerst selten zu unseren Spielerlebnissen auf der Nintendo Switch. Wir haben Pokémon Purpur auf dem OLED-Modell der Nintendo Switch getestet und mussten leider drei Spielabstürze, sowie einen eingefrorenen Bildschirm erleben, der uns zum Neustart des Spiels zwang. Auch Probleme wie die langsam ladenden Objekte oder Kamera-Clipping in Kämpfen (Probleme, die wir bereits beim Testen von Arceus erlebten) haben sich in die neuen Editionen geschlichen. Besonders beim Sprinten oder Fliegen auf dem Reittier sind die Framerate-Einbrüche deutlich zu bemerken.
Was ist also passiert? Vergleichbare Open-World-Titel auf der Nintendo Switch, wie Zelda: Breath of the Wild, wurden von diesen Problemen verschont, weswegen wir die Schuld nicht gänzlich auf die Hardware der portablen Konsole schieben können. Fakt ist, Pokémon Karmesin und Purpur meistern viele Neuerungen, wie eine offene Spielwelt und die Unterstützung eines Koop-Multiplayers. Irgendwo zwischen all den neuen Features scheint die technische Umsetzung leider etwas auf der Strecke geblieben zu sein.
Und doch haben wir noch nie zuvor in einem Pokémon-Spiel so oft von der Screenshot-Funktion Gebrauch gemacht wie bei Pokémon Purpur. Ein Selfie mit dem Partner-Pokémon auf der weiten Wiese, ein schöner Sonnenuntergang über dem Meer oder auch eine Gruppe von Pokémon in einer der vielen lebhaften Ortschaften in Paldea. Während die technischen Komponenten an einigen Stellen in der Entwicklung scheinbar untergegangen sind, haben die anderen Aspekte des Spiels viel Liebe und Aufmerksamkeit von Nintendo erhalten. Die spielerischen Freiheiten, die Story-Handlungen, Präsentation der Charaktere und allerlei Neuzugänge wie die Auto-Kämpfe, machen aus Pokémon Purpur und Karmesin trotz technischer Hürden für uns eines der besten Pokémon-Erlebnisse in der Geschichte des Franchise. Auch die Zahlen sprechen für sich, in nur drei Tagen machten Fans Pokémon Karmesin und Purpur mit zehn Millionen verkauften Kopien zum größten Launchverkauf in der Geschichte Nintendos. Letztendlich stimmen Spieler mit ihrem Geld ab, und so rücken die technischen Probleme, wenn auch streckenweise durchaus vorherrschend, für viele Spieler in den Hintergrund.
Ein im vergangenen Dezember veröffentlichter Patch verbesserte die Performance und behob einige technische Fehler. Doch bis heute sind besonders die Framerate-Einbrüche und lange Ladezeiten in der Umgebung deutlich bemerkbar. Pokémon Karmesin und Purpur scheint eine Pokémongeneration der Extreme zu sein. Spieler erhalten einen der bisher vielseitigsten Pokémon-Titel mit allerlei Erneuerungen, die sich Fans bereits seit Jahren gewünscht haben. Wer jedoch eine niedrige Toleranzschwelle für Probleme der technischen Natur hat, der sollte den ein oder anderen Patch abwarten, bevor er sich in sein ganz eigenes Abenteuer in Paldea stürzt.
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