Der Traum vom modularen Smartphone
Das "Phonebloks"-Smartphone aus leicht austauschbaren Komponenten soll die Umwelt entlasten - aber kann die Idee funktionieren?
(Bild:Â Phonebloks.com)
Der NiederlĂ€nder Dave Hakkens [1] hat sein Konzept des modularen Smartphones Phonebloks [2] vorgestellt. Es ist zurzeit nur eine Idee, er möchte mit der Veröffentlichung Nachfrage erzeugen. Wie Hakkens selbst schreibt, mĂŒssten mehrere Firmen kooperieren, um Phonebloks realisieren zu können.
Bisher sind allerdings viele Fragen offen - zu viele, um beurteilen zu können, unter welchen Bedingungen das Konzept ĂŒberhaupt das angestrebte Ziel erfĂŒllen kann, nĂ€mlich die Umwelt zu entlasten. Hakkens geht davon aus, dass weniger Elektroschrott anfĂ€llt, weil sich das modulare Smartphone leicht reparieren und an die sich verĂ€ndernden WĂŒnsche des Nutzers anpassen lĂ€sst. Dadurch soll es lĂ€nger benutzt werden als bisherige Smartphones. Das stimmt aber nur, wenn ein nennenswerter Teil der zuerst gekauften Komponenten tatsĂ€chlich lĂ€nger zum Einsatz kommt und wenn fĂŒr die modulare Bauform nicht zu viel zusĂ€tzliches Material nötig ist.
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Logischerweise versucht jeder Handy-Hersteller, möglichst wenige Chips, möglichst kleine Platinen, möglichst kompakte Akkus und möglichst flache Displays zu verwenden: Das spart nĂ€mlich Kosten. Zu den fĂŒr die Umwelt besonders kritischen Komponenten gehören die Halbleiterbauelemente mit gröĂerer ChipflĂ€che, weil zu ihrer Fertigung viel Energie nötig ist und viele giftige Chemikalien sowie seltene Elemente zum Einsatz kommen. Auch die Platine steckt voll aufwendig gewonnener Metalle, wertvoll sind Kupfer und Gold - die lassen sich andererseits recht gut recyclen. Im Display stecken auĂer Glas und Kunststoff nur hauchdĂŒnne aktive Schichten, von denen vor allem die Metalle interessant sind. SchlieĂlich wĂ€re noch der Akku zu nennen, in dem oft Kobalt steckt; in den Kondensatoren kommt Tantal zum Einsatz. Die absoluten Mengen sind bei einem Smartphone winzig, denn es muss ja leicht sein und ein groĂer Teil des Gesamtgewichts entfĂ€llt auf das GehĂ€use.
Bei einem modularen System dĂŒrfte im Vergleich zu einem superdĂŒnnen Smartphone mit Ă€hnlichen Eigenschaften - gleich groĂes Display, gleiche Performance, gleicher Speicherplatz, gleiche AkkukapazitĂ€t - der Materialeinsatz deutlich höher sein: Jedes Modul braucht ein eigenes GehĂ€use mit einer gewissen StabilitĂ€t und die Basis (Phonebloks-"Base") auch eine zusĂ€tzliche Platine. Die gesamte Konstruktion wird gröĂer und voluminöser, weil sich beispielsweise der Akku nicht optimal in den freien Platz schmiegen kann, denn die Hauptplatine frei lĂ€sst, sondern eben als Block nur wenige festgelegte Formen annehmen kann. Die wichtigsten Teile eines Phonebloks-GerĂ€t â Base, Prozessormodul, Akkumodul, Display â mĂŒssten also schon wesentlich lĂ€nger benutzt werden als ein normales Handy, damit ein positiver Umwelteffekt eintreten kann. Beim Vergleich ist zu beachten, dass auch teure Smartphones recht hĂ€ufig weiterverkauft werden, also lĂ€nger benutzt werden als vom ursprĂŒnglichen KĂ€ufer alleine.
Die meisten und gröĂten Halbleiterchips stecken im Prozessormodul: AuĂer dem eigentlichen ARM-SoC mit oft mehr als 100 Quadratmillimetern [4] Die-FlĂ€che â ebensoviel wie ein aktueller x86-Doppelkern â noch mehrere RAM- und oft auch Flash-Dice [5] Ă€hnlicher GröĂe. Hinzu kommen die Tantalkondensatoren. Ein erheblicher Teil der Umweltlasten konzentriert sich also im Prozessormodul, das deshalb möglichst lange benutzt werden sollte.
Bei den modernsten Applikationsprozessoren steckt gleich das das LTE-Modem mit drin, welches einiges an Rechenleistung, also SiliziumflÀche, sowie eigenes RAM benötigt. Hier kann man also nicht sinnvoll nur das Funkmodul abtrennen, also etwa ein UMTS-GerÀt nachtrÀglich auf LTE umstellen. Je nach Funkstandard und Frequenzen können auch Anpassungen an den Antennen nötig sein.
(Bild:Â Phonebloks.com)
Ob der Gebrauchtmarkt fĂŒr Ă€ltere Phonebloks-Komponenten in Schwung kommt, lĂ€sst sich kaum abschĂ€tzen: Sie sind ja zum Zeitpunkt ihres Verkaufs meistens nicht mehr zeitgemĂ€Ă, ergeben also nur ein veraltetes Telefon - das man aber nur bauen kann, wenn man auch eine Base kauft. Diese muss folglich billig genug sein, dass sie auch mit Ă€lteren Komponenten ein preislich konkurrenzfĂ€higes System ergibt. Doch die Base muss andererseits auch die schnellsten Schnittstellen fĂŒr die modernsten Module besitzen.
An vielen anderen Stellen lauern Detailprobleme. So wird sich etwa ein Display mit extrem hoher Auflösung vielleicht nicht mit einem Ă€lteren oder sehr langsamen Prozessormodul koppeln lassen, weil die GPU-Performance nicht reicht oder die Ă€ltere Schnittstellenversion die Auflösung gar nicht bedienen kann. Ein langsames Prozessormodul könnte wiederum zu teuer werden, wenn es trotz niedriger Performance sehr leistungsfĂ€hige Schnittstellen bedienen muss. Ăhnliches gilt fĂŒr die Kamera - schnelle Fokussierung, hohe Serienbildraten und feine Videoauflösungen setzen ja auch einiges an Rechenleistung voraus. Wenn es aber zu viele Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Komponenten gibt, dann funktioniert das modulare Konzept nur noch eingeschrĂ€nkt. SchlieĂlich ist das Problem zu lösen, wie man Treiber fĂŒr erst spĂ€ter verfĂŒgbare Module ins System integriert.
Zu guter Letzt stellt sich die Frage nach dem ĂuĂeren: Ein modulares Smartphone dĂŒrfte deutlich dicker werden als integrierte GerĂ€te Ă€hnlicher Ausstattung â und schwerer. Bei einem Aufprall ist dann auch mehr Energie im Spiel, es muss also noch robuster gebaut werden, gerade weil es trotzdem lĂ€nger halten soll.
Am gesamten Elektroschrott-Aufkommen in Deutschland haben Mobiltelefone einen wachsenden, aber doch eher kleinen Anteil. Laut Stiftung Elektro-AltgerĂ€te Register meldeten [6] die Hersteller 2012 eine Verkaufsmenge von knapp 6209 Tonnen - weniger als ein Sechstel der GerĂ€tekategorie [7], in die etwa Desktop-Rechner und Notebooks gehören. FĂŒr alte Handys zahlen Recycling-Firmen auĂerdem ordentliche Preise [8], weil sich einige Inhaltsstoffe gut weiterverkaufen lassen. Man muss also auch fragen, wie groĂ die Umweltwirkung ĂŒberhaupt sein kann, also ob der Aufwand lohnt: Es lieĂe sich schon sehr viel ausrichten, wenn die Recyclingquoten ansteigen wĂŒrden. Doch noch immer landet viel zuviel Elektroschrott im HausmĂŒll, was die Umwelt mit Schadstoffen belastet und Ressourcen verschwendet. (ciw [9])
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[4] http://chipworksrealchips.blogspot.de/2013/07/qualcomm-snapdragon-800-and-rockchip.html
[5] http://www.heise.de/glossar/entry/Die-398061.html
[6] http://www.stiftung-ear.de/service_und_aktuelles/kennzahlen/inputmengen_je_geraeteart_a
[7] http://www.stiftung-ear.de/hersteller/regelsetzung_regelbuch/produktbereich_3_pb_3/regelsetzung_pb_3
[8] http://www.scheideanstalt.de/elektroschrott-preise-und-sortierkriten/
[9] mailto:ciw@ct.de
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