Angst vor der eigenen Courage
Der Krieg gegen die Drogen scheint am Ende. Doch wie soll die Welt kĂĽnftig Rauschmitteln begegnen? In dieser Woche tagt dazu eine Sondervollversammlung der Vereinten Nationen.
- Inge WĂĽnnenberg
Die Niederländer haben es vorgemacht. Den Gebrauch von Drogen zu entkriminalisieren, scheint der richtige Weg zu sein. Der Krieg gegen die Drogen jedenfalls, wie er weltweit jahrzehntelang unter vehementer Beteiligung der USA geführt wurde, ist gescheitert. Aber nicht einmal die Optimisten hoffen dpa zufolge, dass der Mafia mit einer liberaleren Drogenpolitik der Geldhahn noch abgedreht werden kann. Längst ist sie ebenso auf vielen anderen Gebieten aktiv.
Trotzdem wünschen sich Länder wie Mexiko, Kolumbien und Guatemala, auf deren Antrag die Sondervollversammlung der Vereinten Nationen (UNGASS) in der Zeit vom 19. bis zum 21. April in New York anberaumt wurde, einen radikalen Kurswechsel in der Drogenpolitik der Organisation. Gerade Mittel- und Südamerika leiden unter der Gewalt, den Verbrechersyndikaten, den Jugendbanden und den vielen im Drogenkrieg Gestorbenen. Auch andere Kritiker halten die harte Linie der UN, wie sie in den drei Resolutionen von 2012, 2014 und 2015 zementiert wurde, für wenig erfolgversprechend.
Doch die meisten westlichen Länder haben wohl Angst vor der eigenen Courage. Dabei hat ihnen Portugal längst vorgemacht, wie es geht – und vor allem, dass es geht. Dort gelten Abhängige nicht mehr als kriminell, sondern als krank. Deshalb ist seit 2001 der Besitz von kleinen Mengen Drogen in Portugal nicht mehr strafbar. Doch wer mehr als 25 Gramm Cannabis, fünf Gramm Haschisch, zwei Gramm Kokain, ein Gramm Heroin, zehn Pillen LSD oder Ecstasy dabei hat, gilt als Dealer und wird dafür selbstverständlich belangt. Die Süchtigen indes bekommen Betreuung sowie Unterstützung von Sozialarbeitern und werden bei Bedarf ins Methadonprogramm aufgenommen.
Was kritische Beobachter befürchtet hatten, ist allerdings nicht passiert: Der Drogenkonsum in Portugal stieg nicht ins Unermessliche, vielmehr geht er gerade bei Teenagern durch Aufklärung an Schulen, Universitäten und Veranstaltungen zurück. Darüber hinaus ist nicht nur die Kriminalitätsrate gesunken, da Beschaffungskriminalität als wichtiger Faktor wegfällt. Auch die Zahl der Drogentoten sank seit 2001 in Portugal um mehr als 75 Prozent.
Auszuhalten gilt aber bei dieser Herangehensweise, dass der Gebrauch von Drogen – in Portugal eben auch die harten Substanzen wie Heroin – legalisiert wird. Und ähnlich wie beim Alkohol wird es anfälligere Menschen geben, für die der Konsum künftig durchaus ein Problem sein könnte. Doch wenn wir uns mit diesem Schritt von so viel Ballast, Gewalt und Geschäftemacherei befreien können, ist es vielleicht der Weg, den man einschlagen sollte. Versuchungen existieren auch jenseits der Drogen zuhauf. Vielleicht sollten wir auf die Kraft des Wortes, des Arguments und der Aufklärung (!) vertrauen. (inwu)